Die Gewaltspirale dreht sich seit einem Jahr wieder schneller
Die Angriffe gelten als die schlimmsten Attacken gegen israelischen Zivilisten an einem Tag seit dem Unabhängigkeitskrieg 1948: Am 7. Oktober 2023 haben Terroristen der Hamas Israel angegriffen. Sie töteten 1200 Menschen und entführten 240 Personen jeden Alters als Geiseln in den Gaza-Streifen. Als besonders symbolisch gilt, dass sich der Grossangriff auf den Tag genau 50 Jahre nach Ausbruch des Jom-Kippur-Kriegs ereignete.
Ein Jahr später sagt Philippe Lazzarini, Generalkommissar des Hilfswerks UNRWA, im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd), der Krieg gleiche einem «nicht enden wollenden Alptraum». Laut UN haben bisher mehr als 40'000 Palästinenserinnen und Palästinenser ihr Leben verloren, gegen 100'000 wurden verletzt. Die humanitäre Lage im Nahen Osten, vor allem im Gaza-Streifen, gilt als katastrophal und zählt zu einer der gravierendsten Krisen weltweit. Sie wirkt sich auch auf das Zusammenleben in der Schweiz aus. Antisemitische Vorfälle und gesellschaftliche Spannungen nehmen zu. Die wichtigsten Ereignisse im zeitlichen Rückblick:
Am Tag nach dem Überfall durch die Terrororganisation Hamas auf israelische Zivilisten äusserten sich Exponenten der Kirchen schockiert. Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), nannte die Angriffe einen «menschenverachtenden Akt des Terrorismus». Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) verurteilten die Angriffe und erklärten: «Mit Terror kann es keinen Frieden geben.» Und auf dem Petersplatz in Rom sagte Papst Franziskus: «Der Krieg ist eine Niederlage. Jeder Krieg ist eine Niederlage.»
Während sich in Israel die Kämpfe zwischen dem israelischen Militär und der Terrororganisation Hamas verstärken, wird der Konflikt in die ganze Welt und auch in die Schweiz getragen. Schweizer Juden berichten von verbalen und tätlichen Übergriffen in der Öffentlichkeit. Als Antwort darauf ruft der Baselstädtische Kirchenratspräsident Lukas Kundert die Basler Männer dazu auf, die Kippa zu tragen. Wenn alle die traditionelle jüdische Kopfbedeckung trügen, seien «Juden nicht mehr erkennbar.»
Knapp 40 Prozent der Schweizer würden die religiöse Vielfalt in der Gesellschaft als bedrohlich wahrnehmen, zitiert der Politologe Antonius Liedheger eine Studie. Im emotional geführten Wahlkampf würden Ängste, die der Krieg im Nahen Osten auslöse, eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen.
Israel als das Heilige Land ist auch ein Reiseziel für viele Christen. Manche haben Bekannte dort, andere organisieren Reisen in das Gebiet. Der Theologe Ludwig Spirig-Huber reiste vor dem 7. Oktober regelmässig mit Gruppen nach Israel. Zur Zeit der Attacken waren gerade drei Gruppen in Israel unterwegs, für die er die Reisen zusammengestellt hatte. Deshalb führte er unzählige Telefonate, bis er für seine Reisegäste eine schnelle Rückkehr in die Schweiz ermöglicht hatte. Die Menschen in Israel seien sprachlos, sagte er damals. Und seine Hoffnung auf Frieden sei gering. Doch trotz der schrecklichen Taten solle man nicht zu schnell urteilen, sondern Ambiguitäten aushalten.
Auf eine Berliner Synagoge wird ein Brandanschlag verübt. In Bern, Basel und Zürich werden in diesen Tagen keine Demonstrationen im Zusammenhang mit dem Krieg im Nahen Osten bewilligt.
Auf dem Lindenhof in der Zürcher Altstadt gedenken 1000 Menschen der Opfer des Konflikts. Sie spannen gelbe und schwarze Schirme auf als Symbol des Schutzes. Prominente Politiker sprechen sich für Frieden und gegen Antisemitismus aus. Als Sprecher tritt auch Michel Müller auf, damals noch Kirchenratspräsident der Reformierten Kirche Zürich.
Zu diesem Zeitpunkt herrscht seit einem Monat Krieg im Gaza-Streifen. Das israelische Militär greift die Terroristen der Hamas aus der Luft und mit Bodentruppen an. In der Schusslinie steht die palästinensische Bevölkerung. Das Hilfswerk der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (Heks) engagiert sich mit Nothilfe im umkämpften Gebiet. Heks-Landesdirektor Hakam Awad sagt im Interview: «Solange es keine Feuerpause gibt und die humanitären Organisationen keinen Zugang nach Gaza erhalten, sind unsere Möglichkeiten begrenzt. Die Arbeit ist zudem mit einem grossen Risiko für unsere Mitarbeitenden und Partner verbunden.» Es gebe keinen sicheren Ort im Gazastreifen.
Die damals 27-jährige Sally Azar ist Pfarrerin der evangelisch-lutherischen Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land. Sie hat in Deutschland studiert und ist kurz vor Ausbruch des Konflikts in ihre Heimat zurückgekehrt. In Jerusalem erlebt sie, wie sich die Stimmung unter der Regierung Netanyahu gegen die christliche Minderheit richtet. Kirchen werden beschmiert, sie fühlt sich nicht sicher, wenn sie alleine durch die nächtlichen Strassen geht. Nach dem 7. Oktober beobachtet sie, wie sich Juden und Palästinenser nach einer Phase der langsamen Annäherung wieder voneinander entfernen, obschon sie in der gleichen Stadt leben.
Zwei Monate lang war die Krankenschwester Nili Margalit eine Geisel der Hamas. Sie war im Tunnelsystem der Terroristen im Gazastreifen eingesperrt. Ans WEF in Davos reiste Margalit im Tross des israelischen Präsidenten Isaac Herzog. Sie appellierte an die Vertreter von Politik und Organisationen, sich für die Befreiung der Geiseln einzusetzen. Margalit war zwar von der Hamas freigelassen worden – doch zu jenem Zeitpunkt befanden sich noch 136 Menschen in Geiselhaft.
Ein orthodoxer Jude wird in der Zürcher Innenstadt angegriffen, niedergestochen und lebensbedrohlich verletzt. Der Täter ist ein 15-jähriger Schweizer mit nordafrikanischen Wurzeln. Er soll sich im Internet mit Inhalten der Terrororganisation IS radikalisiert haben. Der Angegriffene wird im Spital behandelt und überlebt. Am Tag nach der Tat versammeln sich hunderte Menschen zu einer Mahnwache auf dem Helvetiaplatz in Zürich.
Der Nationalrat fordert, dass der Bundesrat die Fachstelle für Rassismusbekämpfung mit ausreichenden Ressourcen ausstattet und einen Aktionsplan gegen Rassismus und Antisemitismus ausarbeitet. Kritik kommt von der SVP: Andreas Glarner fordert mehr Grenzwächter statt mehr Personal für eine Fachstelle.
Zsolt Balkanyi-Guery, der Rektor der jüdischen Schule Noam in Zürich, erzählt im Interview mit ref.ch, weshalb er in der Öffentlichkeit nun eine Baseballmütze über seiner Kippa trägt und er findet, dass Prävention gegen Antisemitismus im Internet stattfinden müsste: «Die Narrative zum Konflikt im Nahen Osten werden dort kreiert».
300 Raketen und Drohnen schickt der Iran in Richtung Israel. Die Führung in Teheran nennt es einen Vergeltungsschlag. Sie lastet einen Angriff auf die iranische Botschaft in Damaskus Israel an.
Das Berner Haus der Religionen lädt zum Fastenbrechen im Ramadan neben Muslimen auch jüdische und alevitische Gläubige ein. Gaby Knoch-Mund von der Jüdischen Gemeinde Bern betont, wie wichtig dieser Austausch sei, «gerade in solch schwierigen Zeiten».
Studierende besetzen verschiedene Universitäten in der Romandie und der Deutschschweiz. Sie verlangen einen «akademischen Boykott der israelischen Institutionen» und solidarisieren sich mit dem palästinensischen Volk.
Manche Besetzungen von Schweizer Hochschulen dauern über Tage an, andere werden schnell durch die Polizei aufgelöst. In Bern lässt die Unileitung das besetzte Gebäude räumen, nachdem die Demonstranten eine Frist zum freiwilligen Abzug verstreichen liessen.
Ohnmacht gemeinsam begegnen, das ist das Ziel einer Gruppe zwischen Schweizer Juden und Muslimen. Sie tauschen ihre Gedanken und Erfahrungen über WhatsApp aus, wie eine Journalistin des Schweizer Radios SRF berichtet. Sowohl Juden als auch Muslime seien in der Schweiz immer noch Diskriminierungen ausgesetzt.
Die proiranische Schiitenmiliz Hisbollah feuert in mehreren Angriffswellen Raketen auf den Norden Israels ab. Die Angst vor einer Ausweitung des Kriegs nimmt zu.
Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) verlangt einen sofortigen Waffenstillstand im Nahen Osten. Alle Parteien müssten sich um Versöhnung bemühen.
Mitten in Davos wird ein jüdisch-orthodoxer Tourist angegriffen. Am späten Abend schlagen zwei Männer den 19-Jährigen zu Boden und beleidigen ihn. Manche Medien berichten, die Angreifer hätten dabei «Free Palestine» gerufen. Im Verlauf der folgenden Tage verhaftet die Kantonspolizei Graubünden zwei Männer in der nahegelegenen Asyl-Unterkunft. Sie stehen im Verdacht, die Tat begangen zu haben. Es handelt sich laut Angaben der Polizei um zwei abgewiesene Asylbewerber, deren Staatsangehörigkeit noch nicht ermittelt werden konnte.
Noch immer sind rund 100 Geiseln in der Gewalt der Hamas. Ein Deal zur Freilassung der Menschen platzt. Darauf richtet die Hamas sechs Geiseln hin. Hunderttausende Israeli sind unzufrieden mit dem Kurs von Premierminister Benjamin Netanyahu. Sie demonstrieren in verschiedenen Städten des Landes. Allein in Tel Aviv gehen laut Medienberichten 500’000 Menschen gegen die Regierung Netanyahu auf die Strasse. Sie fordern das Ende des Kriegs und neue Verhandlungen über die Freilassung der Geiseln.
Die WhatsApp-Gruppe «gemeinsam einsam», in der jüdische und muslimische Menschen Sorgen und Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Krieg im Nahen Osten austauschen, wird ausgezeichnet. Die Initianten erhalten den Swiss Diversity Award in der Kategorie Religion und Spiritualität.
In der Nacht auf den 2. Oktober feuert das iranische Regime in Teheran 180 ballistische Raketen auf Israel ab. Der «Iron Dome», die Luftabwehr Israels, fängt die meisten Geschosse ab. Beobachter vermuten, dass Teheran damit für die Tötung des Hisbollah-Chefs Hassan Nasrallah und des Hamas-Führers Ismail Haniya Vergeltung übt. Iran unterstützt beide Terrororganisation mit Geld und Waffen.
Das israelische Militär hat in mehreren Schritten die Terrormiliz Hisbollah im Libanon angegriffen. Dann bombardierte es Ortschaften im Süden des Landes ebenso wie die Hauptstadt Beirut. Anfang Oktober dringen israelische Bodentruppen in den Libanon ein. Das Heks organisiert sofort Nothilfe angesichts hunderttausender vertriebener Zivilisten im Libanon.