Krieg im Nahen Osten

«Es ist eine humanitäre Katastrophe»

Hakam Awad koordiniert von Jerusalem aus die Heks-Nothilfe im Gazastreifen. Er fordert humanitäre Korridore und eine Feuerpause, um die Bevölkerung mit dem Nötigsten zu versorgen.

Palästinensische Familien machen sich aus Gaza-Stadt auf den Weg in den Süden. Rund 1,4 Millionen Menschen mussten ihre Häuser im Krieg im Gazastreifen verlassen. (Bild: Ismael Mohamad / Keystone)

Herr Awad, seit einem Monat herrscht im Gazastreifen Krieg. Wie hat das Ihr Leben verändert?
Der Krieg betrifft uns alle. Als Mitarbeiter einer humanitären Organisation bin ich nahe am Geschehen. Wir von Heks haben eine Mitarbeiterin vor Ort, zudem stehe ich täglich mit unseren Partnern in Kontakt. Von ihnen erfahre ich, wie schlimm die Lage ist. Es ist schwer, mit dieser Situation umzugehen. Auch das Leben hier in Jerusalem hat sich verändert. In den ersten Wochen ging meine Frau nicht zur Arbeit und die Schulen waren zeitweise geschlossen. Die Angst, dass der Konflikt weiter eskalieren könnte, war gross.

Wissen Sie, wie es den Menschen im Gazastreifen geht?
Die Lage ist dramatisch, es ist eine humanitäre Katastrophe. Insgesamt gibt es bereits über 10‘000 Tote und rund 25‘000 Verletzte. Etwa 1,4 Millionen Menschen mussten ihre Häuser verlassen. Die Stromversorgung ist praktisch ausgefallen. Dadurch herrscht ein Wassermangel, weil die Wasserpumpen nicht funktionieren. Aufgrund der Energiekrise können viele Spitäler und Gesundheitseinrichtungen ihren Betrieb nicht aufrechterhalten.

«Die Arbeit ist mit einem grossen Risiko für unsere Mitarbeitenden und Partner verbunden.»
Hakam Awad, Heks-Landesdirektor in Israel/Palästina

Wie sieht es mit Lebensmitteln aus?
Der Zugang zu Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs ist ebenfalls stark eingeschränkt. Derzeit erreichen täglich etwa 15 Lastwagen mit Hilfsgütern und Lebensmitteln den Gazastreifen. Vor dem Krieg deckten rund 500 Lastwagen täglich den Bedarf der Region. Hinzu kommt, dass viele Bäckereien, die für die Versorgung zentral sind, zerstört wurden.

Hakam Awad

Hakam A. Awad ist seit 2017 Landesdirektor von Heks in Israel/Palästina. Er ist Palästinenser und lebt in Jerusalem. (Bild: HEKS)

Wie kann Heks in dieser Situation konkret helfen?
Solange es keine Feuerpause gibt und die humanitären Organisationen keinen Zugang nach Gaza erhalten, sind unsere Möglichkeiten begrenzt. Die Arbeit ist zudem mit einem grossen Risiko für unsere Mitarbeitenden und Partner verbunden. Das Büro eines unserer Partner ist kürzlich zerstört worden. Momentan gibt es keinen sicheren Ort, auch nicht im Süden. Dennoch konnten wir punktuell Hilfe leisten.

Wie genau?
In Notunterkünften für Vertriebene haben wir Lebensmittelpakete und Bargeld verteilt. So konnten wir rund 700 Familien helfen, fürs erste ihren täglichen Bedarf zu decken. In Ägypten steht Heks derzeit bereit, um weitere Hilfsgüter über die Grenze zu bringen. Ausserdem haben wir ein Programm für traumatisierte Kinder gestartet. Auch in der Westbank sind wir aktiv.

Wie ist die Situation dort?
Leider hat sich die Lage auch in der Westbank zugespitzt. Seit dem Kriegsausbruch am 7. Oktober häufen sich bewaffnete Übergriffe von israelischen Siedlern auf Palästinenser. Rund 100 Familien wurden vertrieben. Eigentlich wäre jetzt die Zeit der Olivenernte, aber die palästinensischen Bauernfamilien haben Angst, auf die Felder zu gehen. Auch hier hat Heks Nothilfemassnahmen für die Zivilbevölkerung eingeleitet.

«Es braucht Lösungen, die für beide Seiten akzeptabel sind. Dieser Krieg wird nicht beendet, indem eine Seite eliminiert wird.»
Hakam Awad, Heks-Landesdirektor in Israel/Palästina

Sie koordinieren die Hilfsaktionen von Jerusalem aus. Wie nehmen Sie das Zusammenleben von Israelis und Palästinensern dort wahr?
Es ist angespannt. Vor dem Krieg gingen viele Palästinenser nach Westjerusalem, um zu spazieren oder einzukaufen. Das wird jetzt vermieden. In der Stadt gibt es viele Sperren und Kontrollen, überall ist israelisches Militär präsent. Ich fürchte, es braucht nur einen Funken, um die Situation eskalieren zu lassen.

Der Krieg im Nahen Osten bewegt die ganze Welt. Was erwarten Sie von der internationalen Gemeinschaft?
Es wird grosse diplomatische Anstrengungen brauchen, um die Gewalt auf beiden Seiten zu stoppen. Was momentan am dringendsten nötig ist, sind Feuerpausen und humanitäre Korridore. Denn von diesem Krieg sind viele Zivilistinnen und Zivilisten betroffen, die dringend Hilfe brauchen.

Haben Sie noch Hoffnung auf Frieden in der Region?
Ja, ich habe die Hoffnung nicht verloren. In den neunziger Jahren kam es zum Oslo-Abkommen, ein Frieden schien in greifbarer Nähe. Auch damals ging den Verhandlungen eine gewaltsame Eskalation voraus. Es braucht Lösungen, die für beide Seiten akzeptabel sind. Dieser Krieg wird nicht beendet, indem eine Seite eliminiert wird.