Befreite Hamas-Geisel appelliert am WEF an Staatengemeinschaft
Als Geisel in der Hand der Hamas lebte die israelische Krankenschwester Nili Margalit in Angst. Nach ihrer Freilassung fürchtet sie um das Leben der 136 verbleibenden Geiseln. «Ich möchte mein normales Leben zurück und wieder arbeiten, aber ich kann nicht abschliessen, bevor die übrigen Geiseln nicht frei sind», sagte die Israelin Nili Margalit in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA am Rande des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos.
Die 41-Jährige zählt zu den ersten Hamas-Geiseln, die nach ihrer Freilassung in die Schweiz reisten. «Ich sollte nicht hier sein, ich hätte nicht entführt werden dürfen, ich bin eine einfache Person aus einer kleinen ländlichen Siedlung», sagte sie.
Was sie antreibt, ist die Hoffnung, dass auch die verbleibenden Geiseln vom Überfall der palästinensischen Hamas am 7. Oktober auf Israel freikommen. «Es ist meine Pflicht, für sie zu kämpfen.»
Am WEF richtete Margalit einen Appell an Spitzenpolitiker und Vertreter einflussreicher Organisationen: Sie sollten alles in deren Macht Stehende tun, damit das seit über hundert Tagen andauernde Martyrium der Geiseln ende.
Dieselbe Botschaft will auch der israelische Präsident Isaac Herzog am WEF verkünden. Er reist mit einer Delegation von Angehörigen von Geiseln, die sich noch immer in den Händen von Hamas-Kämpfern befinden, an.
«Nachbarn bei lebendigem Leib verbrannt»
Margalit wurde aus ihrem Zuhause in der Kommune Nir Oz von Hamas-Kämpfern entführt. Terroristen hätten dort 40 Menschen getötet und 71 weitere verschleppt, sagte sie. «Ich habe gesehen, wie Nachbarn bei lebendigem Leib verbrannten.»
Am 30. November kam sie während eines von den USA und Katar vermittelten Waffenstillstands zwischen der Hamas und Israel frei. Margalit lebte zuletzt temporär in einer neuen Wohnung. «Mein Haus ist abgebrannt. Ich habe nichts mehr.»
Dramatische Zustände in Tunneln
Margalit beschrieb dramatische Zustände im Untergrund in Gaza. In den Tunneln habe es kein Tageslicht gegeben und kaum frische Luft. Sie hätten nicht immer frisches Wasser erhalten. Die einzige Toilette für sie und ihre 20 Leidensgenossen in der Gruppe sei einmal am Tag gespült worden. Zu Essen habe sie pro Tag eine Schale Reis und ein halbes Pita-Brot bekommen.
Die gelernte Kinderkrankenschwester kümmerte sich um die Leiden der Mitgeiseln. «So hatte ich eine Beschäftigung.» Aber es habe kaum Medikamente gegeben.
Margalit sprach auch mit ihren Entführern. «Diese wollen, dass wir alle Israel verlassen.» Mehr wollte Margalit nicht sagen, denn: «Ich fürchte um das Leben der verbleibenden Geiseln, wenn ich sage, was ich über die Geiselnehmer denke.» (sda/ dst)