Interreligiöser Dialog

«Unsere Beziehung hat sich nicht verändert»

Das Haus der Religionen in Bern versteht sich als Ort des interreligiösen Dialogs. Wie begegnen die jüdische und die muslimische Gemeinde der aktuellen Weltlage? Ein Augenschein.

Kennen sich schon lange und führen einen dauerhaften Dialog: Gaby Knoch-Mund und Muveid Memeti. (Bild: Simon Boschi für Hauptstadt/ VollToll)

Ein Donnerstagabend im März, die Trams am Europaplatz im Westen der Stadt Bern füllen und leeren sich im Minutentakt mit Pendlerinnen. Nur ein paar Meter weiter umringt eine Menschentraube in Festtagskleidung eine Feuerschale, dazwischen das Hochzeitspaar, mitten in einer Zeremonie. Nebenan, an einem Eingang des Hauses der Religionen, tröpfeln Gläubige langsam in die Moschee. Sie feiern keine Hochzeit, sondern treffen sich zum Fastenbrechen. Es ist Ramadan.

Zum heutigen Iftar, wie die Mahlzeit nach Sonnenuntergang während des muslimischen Fastenmonats heisst, hat der Muslimische Verein Bern auch Vertreterinnen anderer Religionen eingeladen: jüdische und alevitische. Beide Religionen kennen um diese Zeit ebenfalls Fastenrituale.

Um die 50 Menschen finden sich in der Moschee ein, oben die Frauen, unten die Männer. Die allermeisten sind Muslime. Gaby Knoch-Mund von der Jüdischen Gemeinde Bern bedankt sich in einer Ansprache für die Einladung. Sie betont, wie wichtig dieser Austausch sei, «gerade in solch schwierigen Zeiten». Die jüdische und die muslimische Gemeinde hätten sich hier im Haus der Religionen «über Jahre kennengelernt und sich einander genähert», sagt danach Muveid Memeti, Präsident des Muslimischen Vereins Bern. 

Applaus, dann führt der Imam durch das Gebet. Wer nicht muslimisch ist, bleibt im hinteren Teil der Moschee sitzen. Zum anschliessenden Abendessen sind alle eingeladen.

Herausfordernde Fragestellungen

Das Haus der Religionen, 2014 eröffnet, vereint acht Weltreligionen unter einem Dach. Die Institution versteht sich als Ort der Begegnung und als Kompetenzzentrum für interreligiösen Dialog. Als «europaweit einzigartig» bezeichneten die Initiantinnen das Projekt. Wie geht eine solche Institution damit um, wenn sich grässliche Kriege auch den Grenzen von Religionsgemeinschaften entlang abspielen?

«Die Emotionen gingen zuerst auch bei uns hoch.»
Johannes Matyassy, Präsident des Vereins Haus der Religionen

Das Haus der Religionen war nach dem 7. Oktober 2023 gezwungen, sich dieser Frage zu stellen. Der Angriff der Hamas auf die israelische Zivilbevölkerung rief überall auf der Welt heftige Reaktionen hervor. «Die Emotionen gingen zuerst auch bei uns hoch», sagt Johannes Matyassy, Präsident des Vereins Haus der Religionen.

Am 17. Oktober, zehn Tage nach dem Angriff, veranstaltete die Institution eine interreligiöse Gedenkfeier. Ein Imam, ein Rabbiner, eine katholische Theologin und eine reformierte Pfarrerin betrauerten gemeinsam die Geschehnisse im Nahen Osten. Rund 300 Personen nahmen teil, Stadtpräsident Alec von Graffenried hielt eine Ansprache.

«Die Frage, ob und wie sich das Haus der Religionen nach diesen Ereignissen einbringen soll, war nicht einfach zu beantworten», sagt Johannes Matyassy. Im Vorstand des Vereins sei man sich in gewissen Punkten zuerst nicht einig gewesen. Aus den Diskussionen seien aber schliesslich neue Richtlinien hervorgegangen, wie die Institution bei einschneidenden Ereignissen wie diesem zukünftig reagieren wolle. «Dieser Prozess war wichtig und lehrreich», sagt Matyassy.

Aus einem «Gefühl der Notwendigkeit» reagiert: Muveid Memeti ist Präsident des Muslimischen Vereins Bern (Bild: Simon Bosch/ VollToll)

Kaum kontroverse Diskussionen gab es dagegen beim Muslimischen Verein Bern. Am Tag nach den Angriffen veröffentlichte dieser ein Statement auf seiner Website, in dem er die Attacken der Hamas scharf verurteilte und den «jüdischen Mitbürgern» sein Mitgefühl ausdrückte. «Wir haben uns das nicht lange überlegt, sondern aus einem Gefühl der Notwendigkeit heraus gehandelt», sagt Präsident Muveid Memeti. Er habe sehr viele positive Rückmeldungen auf das Statement erhalten.

Gaby Knoch-Mund von der Jüdischen Gemeinde Bern erzählt, Muveid Memeti und sein Bruder hätten zu den ersten Personen gehört, die sich nach den schockierenden Ereignissen bei ihr persönlich gemeldet haben. «Das war tröstend», sagt sie.

Unveränderter Dialog

Auch in der Schweiz häufen sich seit dem Krieg im Nahen Osten Fälle von Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus. Wirkt sich das aus auf den Dialog zwischen Juden und Muslimen?

«Wir kennen uns schon lange», sagt die 65-jährige Gaby Knoch-Mund. Sie und der 28-jährige Memeti, die beide ihre Religionsgemeinschaft im Vorstand des Hauses der Religionen vertreten, sind an Veranstaltungen und Podien schon mehrfach gemeinsam aufgetreten. Die Beziehung zwischen der jüdischen und der muslimischen Gemeinde sei über Jahre gewachsen. «Sie ist sehr gut, unkompliziert und erprobt», sagt Knoch-Mund. Und: «Die Beziehung hat sich aufgrund der Geschehnisse nicht verändert.»

An der Nacht der Religionen im vergangenen November etwa führten die beiden Religionsgemeinschaften eine gemeinsame Veranstaltung durch. «Viele Menschen kamen auf mich zu und sagten: ‹Super, dass ihr so etwas jetzt macht.› Sie empfanden es als starkes Zeichen», sagt Muveid Memeti. Dabei sei die Veranstaltung schon seit Sommer 2023 geplant gewesen.

«Im Vordergrund steht das Bedürfnis, die eigene Religion in einer mehrheitlich christlichen oder säkularen Umgebung auszuüben.»
Gaby Knoch-Mund, Jüdische Gemeinde Bern

Der interreligiöse Dialog zwischen den beiden Religionsgemeinschaften finde unverändert statt, sagen beide. Weder Knoch-Mund noch Memeti nehmen ein wesentlich verändertes Interesse aus ihren Gemeinden wahr. «Es ist nicht so, dass sich weniger Leute daran beteiligen – aber auch nicht mehr», sagt Memeti.

Interreligiöser Dialog sei eher ein Nischen-Interesse. «Im Vordergrund steht die eigene Religion und das Bedürfnis, diese in einer mehrheitlich christlichen oder säkularen Umgebung auszuüben. Interreligiöser Dialog ist eine Ergänzung», sagt Gaby Knoch-Mund.

Längst nicht alle Gläubigen, die im Haus der Religionen verkehren, interessierten sich dafür. Auch Muveid Memeti sagt: «Viele wollen schlicht zum Gebet in die Moschee. Für zusätzliches Engagement haben sie im Alltag gar keine Zeit. Und das ist auch völlig in Ordnung.»

Keine Lösung für alles

Was oder wie kann der interreligiöse Dialog aber zu den aktuellen Herausforderungen beitragen? Persönliche Beziehungen hätten eine starke Wirkung, sagt Muveid Memeti. «Wenn man einander kennt, ist es viel einfacher, Empathie zu entwickeln.» Einzelne Mitglieder würden automatisch zu Botschaftern, sagt Memeti. Es sei ihm selbst schon passiert, dass er in Gesprächen Vorurteilen gegenüber Juden begegnet sei. «Dann kann ich sagen: ‹Das stimmt nicht. Ich rede aus Erfahrung›», sagt er.

Man dürfe den interreligiösen Dialog nicht überschätzen. Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus hätten nur teilweise mit Religion zu tun. «Es ist eine Mischung aus religiösen, politischen, gesellschaftlichen und rassistischen Vorurteilen», sagt Gaby Knoch-Mund. Auch Fremdenfeindlichkeit spiele hinein.

«Interreligiöser Dialog ist eine Ergänzung»: Gaby Knoch-Mund vertritt im Vorstand des Hauses der Religionen die jüdische Gemeinschaft. (Bild: Simon Boschi/ VollToll)

Muveid Memeti findet, sich jetzt in Vergleiche von religiösen Texten zu vertiefen, helfe wenig. Er schlägt vielmehr vor, dass jüdische und muslimische Geistliche vermehrt Schulbesuche anbieten, um den jüngsten Vorfällen von Antisemitismus an Berner Schulen zu begegnen. «Es ist wichtig, symbolisch Druck aus der aufgeheizten Stimmung zu nehmen und das Thema sachlich zu besprechen.» 

«Jede Person hat eine moralische Pflicht, solchen Vorfällen etwas zu entgegnen.»
Muveid Memeti, Präsident des Muslimischen Vereins Bern

Memeti möchte diese Idee gemeinsam mit dem Berner Rabbiner Jehoschua Ahrens umsetzen. Sie ergänzt das Projekt «Likrat» des Schweizerischen Israelischen Gemeindebunds, das laut Knoch-Mund seit Jahren Begegnungen von Schulklassen mit jüdischen Jugendlichen ermöglicht. Die Vorbereitungen zum neuen Projekt laufen.

Antisemitismus und antimuslimischem Rassismus zu begegnen, sei schliesslich eine Aufgabe der ganzen Zivilgesellschaft, findet Memeti. «Jede Person hat eine moralische Pflicht, solchen Vorfällen etwas zu entgegnen.»

Die jüdische und die muslimische Gemeinde hätten dabei gleichläufige Interessen: «Beide sind Minderheiten, die in einer diskriminierungsfreien Gesellschaft leben wollen. Wir haben da einen gemeinsamen Nenner.»

Redaktionelle Anmerkung: Dieser Text ist zuerst in der «Hauptstadt» erschienen. Wir danken Autorin Jana Schmid und der Redaktion sowie Fotograf Simon Boschi für die Genehmigung zum Zweitabdruck.