«Im Wahlkampf geht es häufig um Emotionen und Identitäten»
Herr Liedhegener, in einer Woche wird in der Schweiz gewählt. Spielt Religion eine Rolle im Wahlkampf?
Ja, sicher. Aber anders, als es die meisten erwartet haben. In den Medien wird darüber spekuliert, ob der blutige Terrorangriff der Hamas auf Israel und der dadurch ausgelöste Ausbruch kriegerischer Gewalt das Wahlergebnis beeinflussen werden.
Der Zusammenhang zwischen dem Krieg im Nahen Osten und Schweizer Politik liegt nicht gerade auf der Hand...
International steht Religion schon seit Jahren weit oben auf der Agenda, leider vor allem dann, wenn es um kriegerische Konflikte geht – denken Sie nur an die Rolle der russisch-orthodoxen Kirche im Angriffskrieg Putins auf die Ukraine. Auch die Anschläge von Al-Kaida in den USA vom 11. September 2001 sind unvergessen. Das hat Einfluss auf die innenpolitische Debattenlage.
Wie äussert sich dieser Einfluss?
Mittlerweile werden Religion und Gewalt medial und öffentlich verkoppelt. Eine repräsentative Befragung vor sechs Jahren hat gezeigt, dass knapp 40 Prozent der Schweizer die religiöse Vielfalt in der Gesellschaft als bedrohlich wahrnehmen. Die Hälfte der befragten Personen betrachtet zum Beispiel den Islam als Gefahr, ein Fünftel den Atheismus. Im Alltag leben die Religionsgemeinschaften in der Schweiz aber alles in allem sehr gut zusammen. Im Wahlkampf geht es jedoch häufig um Emotionen, Identitäten und Bedrohungswahrnehmungen.
In einem Artikel haben Sie geschrieben, dass die religiösen Identitäten in der Schweiz nach wie vor eine hohe politische Relevanz aufweisen. Was meinen Sie damit?
Die religiösen Identitäten von früher beziehen sich auf den Gegensatz von Reformierten und Katholiken im Kulturkampf des 19. Jahrhunderts und auf die freikirchlichen und jüdischen Minderheiten. Sie spielen im öffentlichen Bewusstsein der Schweiz heute jedoch kaum noch eine Rolle. Für das Wahlverhalten sind sie indes immer noch relevant. Die CVP, heute «die Mitte», holte den grössten Teil ihrer Stimmen bei der katholischen Wählerschaft. Auch bei den beiden kleinen religiösen Parteien im Parlament, der EVP und der EDU, ist es ähnlich – sie leben von der Unterstützung aus dem Milieu der Freikirchen. Die FDP ist unter den Reformierten stärker vertreten, die Linke unter den Menschen ohne Religionszugehörigkeit, während es bei der SVP keine grossen Unterschiede gibt.
Die CVP hat vor zwei Jahren mit der BDP fusioniert und sich vom «christlich» im Parteinamen verabschiedet. Spricht das nicht eher für die Tatsache, dass sich religiöse und politische Identitäten zunehmend «entflechten»?
Die Säkularisierung in der Schweiz ist eine Tatsache. Darauf hat die CVP mit der Fusion und der Umbenennung reagiert. So weit erkennbar, darf sie mit einem Stimmengewinn rechnen. Ganz auf ihre Geschichte wollte «die Mitte» dann aber doch nicht verzichten. In den neuen Statuten beruft sie sich schon in der Präambel ausdrücklich auf ihre «christlich-demokratischen» Werte.
Sie haben von den religiösen Identitäten von früher gesprochen. Welche Rolle spielen die neuen?
Nur eine indirekte. Die neue religiöse Vielfalt zeigt sich an der Zunahme kleinerer Religionsgemeinschaften, wie der muslimischen Minderheit. Viele ihrer Mitglieder haben in der Schweiz aber kein Wahlrecht und damit keinen Einfluss auf die Schweizer Politik – so wie allgemein 25 Prozent der Bevölkerung. Je stärker sich der Kreis der Einwohnerschaft und der Staatsbürgerschaft deckt, desto legitimer fallen demokratische Entscheidungen aus.
Wie sähe ein konstruktiver Umgang der Politik mit den neuen Religionsgemeinschaften aus?
Die Schweiz hat alles, was es dafür braucht. Eine etablierte Demokratie und eine Bundesverfassung, die Religionsfreiheit sichert. Es gibt aber einige unerledigte Hausaufgaben Schweizer Religionspolitik. Die neue religiöse Vielfalt findet noch zu wenig Beachtung. Ein naheliegender Schritt wäre, die politischen Gesprächskanäle der Kantone und des Bundes zu den Religionsgemeinschaften zu verbessern, um Anforderungen und Probleme auf beiden Seiten besser zu verstehen. Religiöse Vielfalt sollte ein politisches Sachthema, aber kein Thema von Identitätspolitik und Wahlkämpfen sein.
Antonius Liedhegener ist Professor für Politik und Religion am Zentrum für Religion, Wirtschaft und Politik (ZRWP) an der Universität Luzern. Er hat Geschichte und katholische Theologie an den Universitäten Münster und Southampton studiert. 2005 wurde er im Fach Politikwissenschaft an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena habilitiert. Das ZRWP untersucht nach eigenen Angaben die Wechselwirkungen zwischen den Bereichen Religion, Wirtschaft und Politik. Insgesamt sind sechs Universitäten am Zentrum beteiligt. (pef)
Der Soziologe Hartmut Rosa argumentiert, dass die Demokratie Religion brauche. Teilen Sie diese Ansicht?
Im Blick auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt stellt sich die Frage, ob die Säkularisierung wirklich so folgenlos ist und bleibt, wie bisher angenommen wird. Auch wenn die katholische Kirche zurzeit nicht gerade diesen Eindruck erweckt, sind christliche Kirchen wichtige Moralinstanzen. Gleiches gilt grundsätzlich auch für die oft sehr lebendigen kleineren Religionsgemeinschaften, die erst seit jüngerer Zeit in der Schweiz beheimatet sind. Der Wert der Gottes- und Nächstenliebe erlaubt es zum Beispiel, Menschen mit verschiedenen Identitäten zusammenzubringen. Damit ist Religion vielleicht wichtiger für die Grundlage einer Demokratie, als man denkt.