«Die Menschen sind sprachlos»
Herr Spirig-Huber, am 7. Oktober hat die Hamas einen massiven Angriff auf Israel gestartet. Wie haben Sie diesen Tag erlebt?
Ich habe am Samstagmorgen die Nachrichten geschaut und von dem Raketenangriff erfahren. Zunächst war unklar, welches Ausmass die Attacke hatte. Ich ging davon aus, dass es sich um einzelne Raketen handelte, wie sie schon öfter an jüdischen Feiertagen auf Israel abgefeuert wurden. Erst später erfuhr ich, dass es viel schlimmer war und der Angriff alle Dimensionen sprengte.
Zu diesem Zeitpunkt befanden sich drei Reisegruppen von Ihnen im Land. Wie gross war Ihre Sorge?
Natürlich war ich besorgt, zumal meine Frau eine der Gruppen begleitete. Glücklicherweise waren sie aber nicht in beschossenem Gebiet unterwegs. Eine der Gruppen war gerade in Jerusalem, die andere am See Genezareth im Osten des Landes und die dritte
Wie blieben Sie in den folgenden Tagen in Kontakt?
Seit dem Angriff stand ich ständig telefonisch oder per Whatsapp in Kontakt mit den Gruppen. Nachts bin ich alle zwei Stunden aufgestanden und habe auf dem Handy geschaut, ob es Neuigkeiten gab. Die Gruppe mit meiner Frau konnte dann relativ problemlos von Tel Aviv nach Hause fliegen. Trotz Krieg hat die israelische Fluggesellschaft El Al den Flugverkehr aufrechterhalten.
Und die beiden anderen Reisegruppen?
Ich empfahl ihnen, weiter an die jordanische Grenze zu reisen und von Amman aus nach Hause zu fliegen. Über Frankfurt, Mailand oder Paris sind schliesslich alle gesund zurückgekehrt.
Der Theologe Ludwig Spirig-Huber (68) ist Geschäftsleiter und Mitinhaber der terra sancta tours AG in Bern. Das Reisebüro ist spezialisiert auf Reisen an religiöse Stätten, insbesondere in den Nahen Osten. Zu den Kunden gehören unter anderem Pfarreien und Kirchgemeinden. (no)
Sie organisieren seit Jahren Reisen nach Israel und haben viele Kontakte vor Ort. Was erfahren Sie von diesen über die Stimmung im Land?
Die Stimmung ist angespannt. Ein israelischer Heks-Mitarbeiter schrieb mir gerade, es bedeute ihm viel, in diesen schweren Zeiten eine Nachricht von mir zu erhalten. Die Rückmeldungen von meinen israelischen Bekannten sind aber meistens knapp. Man merkt, die Menschen sind sprachlos.
Was erwarten Sie in dieser Situation von den Kirchen?
Dass die kirchlichen Hilfswerke all ihre Kanäle nutzen, um vor Ort Hilfe zu leisten. Von der Kirche wie auch von der Gesellschaft erwarte ich zudem Empathie für die Opfer auf beiden Seiten. Natürlich ist der Terror der Hamas durch nichts zu rechtfertigen. Dennoch sind auch auf palästinensischer Seite unschuldige Opfer zu beklagen. Ich wünsche mir, dass man nicht zu schnell urteilt, sondern Ambiguitäten aushält.
Haben Sie noch Hoffnung, dass jemals Frieden in dieser Region einkehrt?
Es ist schwierig, nicht in totale Hoffnungslosigkeit zu versinken. Realistisch gesehen gab es schon vor dem 7. Oktober keinen Anlass zu Hoffnung. Es gibt höchstens so etwas wie eine paradoxe Hoffnung. Das heisst weiter zu hoffen, obwohl es eigentlich jeder Logik widerspricht.