«Der Krieg wirft die Annäherung von Palästinensern und Israelis zurück»
Frau Azar, Sie sind Christin, Palästinenserin und arbeiten als Pfarrerin in Jerusalem. Was bedeutet das für Ihren Alltag?
Ich bin hier aufgewachsen und hatte nie richtigen Kontakt zu Israelis. Palästinensische und israelische Kinder besuchen getrennte Schulen. Auch sonst ist vieles getrennt – wir leben nebeneinander, nicht miteinander. Aber als ich vor fast einem Jahr von meinem Studium in Deutschland wieder zurück nach Jerusalem kam, sah ich, dass sich Freundschaften zwischen jungen Palästinensern und Israelis gebildet haben. Sie haben sich im Studium oder bei der Arbeit kennengelernt. Das hat mir Hoffnung gegeben, dass ein gemeinsames Leben möglich ist.
Hat sich daran durch den Überfall der Hamas Anfang Oktober etwas geändert?
Seit diesem Tag sind wir wieder weiter voneinander entfernt. Auch Freunde können nicht mehr richtig miteinander sprechen, weil ihnen die Worte fehlen. In der Altstadt von Jerusalem ist es sehr still, es geht niemand vor die Tür. Ich fühle mich nicht sicher, wenn ich alleine draussen bin. Es gibt auch bewaffnete Menschen in der Altstadt und ich kann nicht abschätzen, wie sie sich gegenüber mir als Palästinenserin verhalten. Seit meiner Rückkehr habe ich mich wieder an vieles gewöhnt. Etwa daran, durch Checkpoints des israelischen Militärs gehen zu müssen. Und jetzt an die Sirenen, die vor Raketenangriffen warnen. Zu Beginn wollte ich bei jedem Alarm noch in den Schutzraum rennen. Meine Eltern mussten mich beruhigen.
Christliche Palästinenser sitzen zwischen den Stühlen. Was bedeutet es, in Israel einer Minderheit anzugehören?
Es war und ist eine schwierige Situation für uns. Als Lutherische Kirche sind wir auch noch eine der kleinsten hier. Die protestantische Kirche ist nicht anerkannt in Israel. Es gibt viele Einschränkungen, wir sind nicht frei, wie wir unser Christentum leben.
Es soll Übergriffe auf Christen gegeben haben.
Schon seit Anfang dieses Jahres erleben wir Christen Angriffe von israelischen Nationalisten. Es hört nicht auf. An die Mauern einer Kirche im armenischen Viertel wurde «Tod den Christen» geschrieben. Die neue Regierung lässt die Übergriffe zu. Wir sind besorgt und fragen uns, wie die Zukunft der Christen in Israel aussieht.
In Israel leben Christen, Juden und Muslime nebeneinander. Das erinnert an die Ringparabel in Lessings «Nathan der Weise». Sie erzählt von einem Ring mit Zauberkräften, der von Vater zu Sohn vererbt wird. Bis ein Vater Kopien des Rings herstellen lässt, weil er drei Söhne hat. Keiner der Söhne weiss, in welchem die Zauberkräfte liegen. Damit beginnt der Streit um den «rechten Ring».
Als ich das Buch fürs Abitur las, konnte ich das in Verbindung mit meinem Leben bringen. Menschen aus drei Religionen streiten sich darum, wem das Heilige Land gehört, das Gott uns versprochen habe. Aber ich glaube nicht, dass Gott uns ein Land verspricht und es nur für ein Volk ist. Dieser Streit bringt uns als Gemeinschaft nicht weiter. Gottes Beziehung mit den Menschen sollte eine höhere Priorität haben als die Frage, wem das Land gehört. Wir müssen hier miteinander leben können und das Land gerecht teilen.
Sie sind zweisprachig aufgewachsen, haben in Deutschland studiert und gearbeitet. Wie haben Sie die Zeit in Erinnerung?
Ich fand es interessant und schön. Mein Vikariat machte ich in Berlin und ich lernte eine Menge. Aber der Unterschied zum Leben im Nahen Osten war gross. Ich fand es zum Beispiel merkwürdig, wie offen die Menschen in Deutschland über Politik sprachen. Bei uns im Nahen Osten kann man das nur mit vertrauten Personen tun.
Die 27-jährige Sally Azar ist Pfarrerin der evangelisch-lutherischen Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land (ELCJHL). Sie betreut eine englischsprachige Gemeinde in Jerusalem und eine arabischsprechende in der Nähe von Bethlehem. Die grosse Mehrheit der in Israel lebenden Christen sind Palästinenser. So auch Sally Azar und ihr Vater Sani Ibrahim Azar, der Bischof der ELCJHL. Er ordinierte seine Tochter im Januar 2023. Sally Azar hat im Libanon und in Deutschland studiert. (dst)
Wie ist das Bild von Israel und Palästina, das man in Europa sieht?
Unvollständig. Ich habe den Eindruck, man erfährt nicht viel. Wenn ich online deutsche Nachrichten anschaue, muss ich immer auch unsere eigenen Nachrichten checken, damit ich wirklich weiss, was los ist. Man erfährt nicht, was gerade in Jerusalem und der Westbank passiert.
Leben auch Christen im Gazastreifen?
Ja, es gibt dort zwischen 700 und 1000 Christen. Sie suchen alle Schutz in den Kirchen. Doch es sind schon viele gestorben. Zahlreiche meiner Gemeindemitglieder haben Familienmitglieder im Gazastreifen verloren.
Sie hätten in Deutschland bleiben können. Weshalb sind Sie nach Jerusalem zurückgekehrt?
Das war mir wichtig. Wir haben hier nicht viele Pfarrerinnen und ich will für meine Gemeinde da sein. In Deutschland hätte ich Arbeit gefunden. Aber ich wollte zu meiner Familie zurückkehren. Hier ist das Land, in dem ich aufgewachsen bin. Ich fühle mich damit verbunden.
Wie verhält man sich jetzt als Pfarrerin und als Kirche?
Es geht in meinen Augen bei diesem Konflikt nicht um Religion, sondern um Politik und um die Existenz von Israel und Palästina. Ich frage mich, wo in der Thora oder im Koran die Rechtfertigung für diesen Krieg stehen soll. Wer die Bücher wörtlich nimmt, hat Religion nicht verstanden.
In einem Monat ist Weihnachten. Was wünschen Sie sich?
Es ist gerade schwierig, an Weihnachten zu denken. Ich wünschte mir, dass die Familien dann zusammenkommen können. Doch das wird selten möglich sein wegen des Konflikts. Seit Kriegsbeginn spüre ich als Pfarrerin die Trauer und den Schmerz der Gemeindemitglieder. In der Kirche feiern wir aus diesem Grund Weihnachten dieses Jahr nicht. Wir führen nur Gottesdienste durch.