Rassismus

«Antisemitismusbeauftragte sind wie Preisüberwacher – sie werden ignoriert»

Zsolt Balkanyi-Guery hält die aktuelle Antisemitismus-Prävention für verstaubt. Sie müsste in den sozialen Netzwerken stattfinden, sagt der Präsident der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus.

Laut Zsolt Balkanyi entstehen antisemitische Erzählungen vorwiegend in den sozialen Netzwerken. (Bild: zVg)

Zsolt Balkanyi, in der Schweiz hat es letztes Jahr wieder vermehrt antisemitische Vorfälle gegeben. Sie waren auch schon persönlich betroffen. Was lösen solche Anfeindungen aus?
In erster Linie Konsternation. Einmal wurde ich aus dem Hinterhalt angespuckt. Das ist eklig und feige. Wären meine Kinder nicht dabei gewesen, hätte ich es wahrscheinlich gar nicht bemerkt. Aber weil sie es gesehen haben, musste ich ihnen erklären, weshalb das geschehen ist. Beim zweiten Vorfall trug ich für einmal keine Baseballmütze über der Kippa. Jemand kam mir sehr nahe und fragte mich, auf welcher Seite ich stehe. Diese Person hat sich nicht versteckt, sondern öffentlich die Konfrontation gesucht. Da hatte ich Angst.

Welche Gedanken gingen Ihnen nach diesen Vorfällen durch den Kopf?
Auch in meinem Leben gibt es Menschen, die ich nicht wahnsinnig mag. Aber nie würde ich sie anspucken oder in irgendeiner Form bedrängen. Weshalb geben manche Menschen einem solchen Impuls noch immer hemmungslos nach? Beim zweiten Vorfall ist klar, dass der Konflikt im Nahen Osten der Auslöser war. Die Person muss sich gesagt haben: Kippa gleich Jüdisch, Jüdisch gleich Israeli, Israeli gleich Feind. In einem solchen Setting gibt es keine Möglichkeit zu erklären, dass nicht jeder Jude ein Israeli ist, dass Juden in der Schweiz nicht für die Staatspolitik Israels verantwortlich sind und dass die Liebe und Solidarität zum Land weder blind noch unkritisch sein muss.

Seit dem Krieg zwischen Israel und der Hamas und besonders seit der Messerattacke eines Jugendlichen auf einen orthodoxen Juden Anfang März in Zürich wird intensiv über Strategien gegen Antisemitismus diskutiert. Sind wir einer Lösung nähergekommen?
Nein. Antisemitismus-Prävention ist keine neue Erfindung. Sie läuft seit dem Zweiten Weltkrieg auf verschiedenen Ebenen, in Bildungsprojekten, im christlich-jüdischen Dialog, in Kulturverständigungsprojekten. In der Schule drei oder vier Lektionen Antisemitismus-Prävention zu betreiben ist zwar wichtig, aber ich bezweifle die Wirkung solcher Massnahmen. Seit dem 7. Oktober 2023 ist sie schliesslich ziemlich schnell erodiert.

Klingt etwas resigniert...
Ich bin Realist. Zu den politischen Möglichkeiten gehören neben Bildungsprojekten Gelder für staatliche Stellen. Nur sind Antisemitismusbeauftragte wie der Preisüberwacher: Sie können zwar mahnend den Finger heben, werden aber trotzdem ignoriert. Das Problem ist, dass der Antisemitismus nicht dort bekämpft wird, wo er entsteht.

«Klassische Kampagnen funktionieren heute nicht mehr.»
Zsolt Balkanyi, Präsident der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Wo ist das Ihrer Meinung nach?
In den sozialen Netzwerken. Wir stellen fest, dass die Narrative zum Konflikt im Nahen Osten dort kreiert werden. Dazu gehört zum Beispiel dasjenige von Israel als Kolonialstaat. Es gibt die bösen, starken Juden und die entrechteten, schwachen Flüchtlinge. Diese Erzählung löst im politisch linken Spektrum ein Höchstmass an Solidarität und Identifikation aus. Die Ereignisse vom 7. Oktober werden dabei ignoriert oder verharmlost. Es heisst dann, dass es mit der Unterdrückung, die seit 1948 andauert, so weit kommen musste.

Wie gelingt es, dagegen anzukommen?
Klassische, lokale Kampagnen und Anti-Rassismus-Comics funktionieren heute nicht mehr. Auch eine ausgewogene, mediale Berichterstattung erreicht die Konsumenten sozialer Netzwerke kaum. Es braucht ein Konternarrativ, das ebenfalls Emotionen weckt. Und man muss die Algorithmen von Instagram und Tiktok verstehen.

Von wem – wenn nicht von der Politik – könnte ein solches Konternarrativ kommen?
Ich bin ein Fan der Zivilgesellschaft. Gerade in der Schweiz haben wir hunderte Stiftungen und Vereine, die sich für verschiedene Menschen einsetzen. Meine grösste Hoffnung ist, dass sie ein anderes Narrativ entwickeln. So ist es auch in Deutschland mit der AfD geschehen. Die Gesellschaft hat zwar lange zugeschaut, ist letztlich jedoch aufgestanden und auf die Strasse gegangen.

«Es nervt mich, dass wir unsere Schulen immer noch komplett selbst finanzieren müssen.»
Zsolt Balkanyi, Präsident der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Sie sind seit Januar dieses Jahres Präsident der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA). Was hat Sie dazu bewogen, dieses Amt zu übernehmen?
Jugendlicher Leichtsinn (lacht). Ich habe mich in meiner Forschung viel mit Antijudaismus und Antisemitismus auseinandergesetzt und Bücher dazu publiziert. Deshalb habe ich eine gewisse Expertise in diesem Gebiet, die ich einbringen kann. Hinzu kommt, dass es die GRA braucht und mir dieses Engagement wichtig ist.

Zur Person

Zsolt Balkanyi-Guery ist Historiker und Rektor der jüdischen Schule Noam in Zürich. Er hat Theologie und Geschichte studiert. Seine Dissertation hat er zum Thema Antisemitismus in der Schweiz verfasst. 2014 ist er zum Judentum übergetreten. Balkanyi-Guery ist zudem einer der ersten jüdischen Armeeseelsorger in der Schweiz. Seit Januar 2024 ist er Präsident der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus. (pef)

Gemeinsam mit dem Schweizerisch Israelitischen Gemeindebund veröffentlichen Sie den Antisemitismusbericht. Sollte ein solcher Bericht nicht eher Aufgabe der Schweizer Behörden sein?
Nein, ich halte es für legitim, dass solche Aufgaben in einer Demokratie von unabhängigen Organisationen aus der Zivilgesellschaft übernommen werden. Dadurch können wir auch auf Antisemitismus innerhalb der staatlichen Strukturen hinweisen. Es nervt mich hingegen, dass wir lange für unsere eigene Sicherheit aufkommen mussten und unsere Schulen immer noch komplett selbst finanzieren müssen.

Sie sind zudem Rektor der jüdischen Schule Noam in Zürich. Wie wirkt sich die aktuelle Lage auf den Schulalltag aus?
Grundsätzlich bin ich mit denselben Problemen konfrontiert wie zuvor. Die Kinder lachen oder streiten, die Eltern sind kooperativ oder sind es nicht. Zurzeit steht jedoch die Kantons- und die Stadtpolizei vor dem Haus. Und natürlich machen wir uns Gedanken über die Auswirkung des 7. Oktobers auf die jüdische Bildung. Wir haben beispielsweise ein Programm zur Stärkung der jüdischen Identität lanciert. Dazu gehört, dass Jugendliche in Gruppen diskutieren, wie sie mit der aktuellen Situation umgehen können. Und schliesslich bieten wir auch Selbstverteidigungskurse an.

«Die Jugendlichen wissen von zu Hause, was geschehen ist und können die Situation gut einordnen.»
Zsolt Balkanyi, Präsident der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus

Nehmen die Kinder und Jugendlichen die Polizeipräsenz wahr?
Die Jugendlichen wissen von zu Hause, was geschehen ist und können die Situation gut einordnen. Bei den Kleineren ist es anders. In ihrer Lebenswelt sind alle Menschen jüdisch. Sie entdecken erst mit der Zeit, dass es auch noch anderes gibt. Ihnen zu vermitteln, dass nicht alle nett sind, ist schwieriger.

Sie haben früher an der Kantonsschule Baden und der Kantonsschule Aarau gearbeitet. Haben Sie dort Erfahrungen mit antisemitischen Vorfällen gemacht?
In Baden gibt es eine jüdische Gemeinde, deswegen hatten wir auch immer wieder jüdische Schüler. Mir wären aber keine Vorfälle bekannt. In Aarau hat es mich als Schulleiter eher beschäftigt, wenn Leute nach einer Geschlechtsumwandlung oder nach einem Outing gemobbt wurden.

Dennoch: Medien berichten immer wieder über antisemitische Sprüche an Schulen. Was erzählen Ihnen Ihre Kolleginnen und Kollegen?
Für Schulleitungen ist die Situation nicht neu. Als der Ukraine-Krieg ausgebrochen ist, gab es Spannungen zwischen ukrainischen und russischen Schülern. Es wurden viele Erfahrungen im Umgang damit gesammelt. Die werden auch angewendet, wenn es Probleme zwischen jüdischen und palästinensischen oder muslimischen Schülern gibt. Allerdings tendiert die Zahl der jüdischen Schüler je nach Gebiet gegen null. Es kommt also nie dazu, dass 40 jüdische Schüler 30 muslimischen gegenüberstehen.