Synode der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz

Arme zahlen weniger, Reiche mehr – Zehn Fragen und Antworten zum neuen Beitragsschlüssel

Ab 2028 sollen die Beiträge der Mitgliedkirchen mit einem Solidaritätsmodell neu berechnet werden. Davon profitieren die lateinischsprachigen Kantone, während es vor allem für die Innerschweiz deutlich teurer wird. ref.ch hat die wichtigsten Aspekte zusammengefasst.
(Illustration: Ruedi Widmer)

Von den finanziellen Möglichkeiten der reformierten Zuger Landeskirche kann man im Tessin nur träumen. 7.50 Franken stehen in der Sonnenstube jährlich pro Mitglied zur Verfügung, laut einer Datenerhebung der Firma Ecoplan. Am Zugersee dagegen floss mehr als das 150-Fache in die Kasse, 1150 Franken pro Mitglied.

Es ist ein Extrembeispiel, um zu zeigen, wie riesig die Unterschiede in der föderalistischen Schweiz sind. Ursache sind die unterschiedlichen kantonalen Steuergesetze, die teilweise Unternehmen oder Privatpersonen von Kirchensteuern befreien. Auch bei den Staatsbeiträgen – falls es denn welche gibt – unterscheiden sich Höhe und Verwendungszweck stark.

«Das alles abzubilden ist sehr schwierig», sagt Sandro Bugmann, Finanzvorsteher der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), im Gespräch mit ref.ch. Der Betriebswirt hat sich in seinem ersten Amtsjahr intensiv mit einem neuen Verteilschlüssel beschäftigt. Dieser soll die die Höhe des Beitrags an die EKS für die einzelnen Mitgliedkirchen festlegen.

Mitte Juni stimmen die Synodalen über die Vorlage ab. Ref.ch hat vorab die wichtigsten Fragen und Antworten zusammengefasst.

Wieso braucht es einen neuen Verteilschlüssel für die EKS-Beiträge?

Die Synode nahm Ende 2024 eine Motion des Aargauer Kirchenratspräsidenten Christoph Weber-Berg an. Darin forderte er eine «einfachere, transparentere und besser nachvollziehbare» Berechnung. Zuvor waren ihm Fehler aufgefallen, die EKS gestand diese ein (ref.ch berichtete). Viele Landeskirchen kritisierten an der Synode den «willkürlichen» Schlüssel.

Was ist am aktuellen Schlüssel intransparent?

Die aktuelle Berechnung geht von einem Pro-Kopf-Modell aus (alle Kirchen zahlen gleich viel pro Mitglied, aktuell rund 3.30 Franken) und verändert den Betrag durch viele Faktoren. Etwa durch den Ressourcenindex des Bundes (dieser wird für den nationalen Finanzausgleich verwendet), auch die Grösse der Landeskirche und die Relation zur Bevölkerung im Kanton spielt eine Rolle. Bugmann sagt dazu: «Es braucht etwa zwei Stunden, bis man ihn verstanden hat.»

Der Schlüssel ist nicht nur komplex, sondern auch intransparent. «Er lässt sich nicht als mathematische Formel darstellen.» Ein Beispiel: Eine Mitgliedkirche verliert Mitglieder und unterschreitet eine Grenze, wodurch sie in eine tiefere Progressionskategorie fallen würde. Der EKS-Rat kann aber die Kategoriengrösse so anpassen, dass die Kirche gleich eingeteilt bleibt.

Woran orientiert sich der neue Verteilschlüssel?

Er basiert wiederum auf dem Pro-Kopf-Modell, orientiert sich aber neu an der Finanzkraft der Kirchen. Diese wird aus den Steuereinnahmen und Staatsbeiträgen ermittelt, sowohl auf Ebene Kantonalkirchen als auch der Kirchgemeinden. Wo Steuereinnahmen fehlen, werden Mitgliederspenden zum Einkommen gezählt.

Aufgrund dieser Zahlen ermittelt man einen Durchschnitt. Nun ist es entscheidend, wie stark sich die Finanzkraft einer Kirche von diesem Durchschnitt unterscheidet. Eine überdurchschnittlich hohe Finanzkraft wird mit einem Solidaritätsfaktor von 0,5 Prozent «besteuert».

Dieser berechnete Solidaritätsanteil wird entsprechend auf den Beitrag pro Mitglied aufgeschlagen. Umgekehrt wird dieser Faktor bei den ärmeren Kirchen abgezogen. Vereinfacht gesagt: Wer mehr Einnahmen hat, zahlt mehr pro Mitglied, wer weniger hat, weniger.

Wichtig dabei ist: Der Solidaritätsfaktor wird von der Synode jeweils auf die neue Legislatur hin festgelegt. Je nach Höhe ist die Solidarität gross oder klein. «0,5 Prozent ist einer der höchstmöglichen Faktoren, bevor die Beiträge für einzelne Kirchen ins Negative fallen würden», sagt Bugmann. Gewisse Kantonalkirchen würden dann – wie bei einem Finanzausgleich – Geld von der EKS erhalten. «Das ist nicht das Ziel des Schlüssels», betont Bugmann.

Er weist im Gespräch auch darauf hin, dass die Grundidee für das neue Modell vor Eintreffen der Daten auf dem Tisch gelegen sei. «Wir haben nicht ein Modell entworfen, das beispielsweise den Aargau weniger zahlen lässt, weil die Motion von dort stammt.»

Was zählt alles zur Finanzkraft?

Aufgrund der unterschiedlichen Finanzierungssysteme der Landeskirchen ist ein entscheidender Punkt, was man alles zur Finanzkraft zählt. So wird etwa Geld, das der Staat für den Gebäudeunterhalt zur Verfügung stellt, nicht zur Finanzkraft dazu gerechnet. Auch Erträge aus Immobiliengeschäften sind davon ausgenommen.

Welche Kriterien konkret gelten, wird die EKS der Synode in einem Finanzreglement im Herbst vorlegen. «Die Überarbeitung des Finanzreglements ist ein aufwändiger Prozess», sagt Bugmann. Erst bei einem Ja zum Solidaritätsmodell würden die Parameter für das Finanzreglment klar, um es entsprechend anzupassen. «Das scheint uns die effizienteste Variante zu sein.»

Dass sich Kirchen auf dem Papier ärmer machen, als sie sind, erachtet Bugmann als sehr unwahrscheinlich. Die Einnahmen stützten sich auf Steuern, deren Höhe überprüfbar sei, und er vertraue auf die Ehrlichkeit als christlichen Wert.

Wer zahlt weniger, wer mehr?

Vorneweg dies: Die Beiträge an die EKS belaufen sich aktuell auf 5,9 Millionen Franken. Per 2028 müssen sie nach Annahme einer Motion um zehn Prozent reduziert werden. Das steht aber nicht im Zusammenhang mit dem neuen Beitragsschlüssel.

Durch den neuen Schlüssel würden neu zehn Landeskirchen tiefere und dreizehn Kirchen höhere Beiträge bezahlen, nur in Glarus bliebe die Belastung gleich.

Logischerweise profitieren jene Landeskirchen, die keine Steuern eintreiben, relativ gesehen am stärksten vom neuen Modell. Das Tessin müsste rund 85 Prozent, Genf drei Viertel, das Wallis rund die Hälfte und das Waadtland rund einen Drittel weniger zahlen als bisher.

In der Waadt ist die absolute Ersparnis mit jährlich knapp 150‘000 Franken am höchsten, gefolgt von Zürich, das knapp 70‘000 Franken (-4,7 Prozent) sparen könnte. Auch der Aargau würde mit fast 40‘000 Franken pro Jahr (-9 Prozent) nennenswerte Ausgaben einsparen.

Mehr zahlen müssten dagegen vor allem die Landeskirchen von St. Gallen (+100‘000 Franken) sowie Luzern (+76‘000 Franken) sowie von den Reformierten Kirchen Bern Jura Solothurn (+68‘000 Franken). Für die Innerschweizer käme das einem Anstieg von über 80 Prozent gleich, was einsame Spitze ist, in St. Gallen entspricht der Aufschlag einem Drittel, bei Refbejuso sind es hingegen «nur» fünf Prozent, da man mit Zürich zu den stärksten Zahlerinnen gehört.

«Die extremen Ausreisser nach oben wie in Luzern oder St. Gallen sind mit dem Diaspora-Faktor zu erklären», sagt Bugmann. Wir erinnern uns: Die Anzahl der Reformierten im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung ist im aktuellen Schlüssel ein Faktor. «Der würde neu wegfallen.»

Wie lange soll der Schlüssel gelten?

Jeweils für eine Legislatur. Im Jahr davor muss die Datenerhebung der letzten drei Jahre stattfinden. «So versuchen wir Volatilitäten auszugleichen», sagt Bugmann. Das sei ein Kompromiss, weil während der Vernehmlassung Uneinigkeit geherrscht habe, ob der Schlüssel für zwei oder vier Jahre gelten solle.

Die Einführung ist in der Legislatur 2027 bis 2030 geplant. Der neue Schlüssel soll stufenweise ab 2028 starten, mit maximal 20 Prozent höheren Beiträgen pro Jahr. Ab 2031 würde er vollumfänglich gelten. «Das gibt allen Kirchen, die mehr zahlen müssen, Zeit, um ihre Finanzpläne zu aktualisieren.»

Welche anderen Modelle hat die EKS geprüft?

Ein für alle Kirchen gleich hoher Beitrag pro Mitglied: «Ein einfaches und transparentes Modell», schreibt der EKS-Rat in den Unterlagen zur Synode. Aber weil es die wirtschaftlichen Verhältnisse ausblendet, würden die Mitgliedkirchen in der Romandie bis zu fünfmal so viel zahlen wie heute. Zürich dagegen würde einen Viertel, rund 400‘000 Franken, einsparen.

Ein Fonds-Modell: Finanzstarke Kirchen würden einen höheren Beitrag pro Mitglied bezahlen. Dieses Geld landet in einem Fonds. Ärmere Kirchen könnten daraus Gelder beantragen, um ihre Beiträge zu senken. «Die politische Diskussion, wer wieviel davon erhalten würde, wäre aber wohl jedes Jahr sehr intensiv», sagt Bugmann. Dazu komme eine grössere Bürokratie.

Eine Flat-Rate: Motionär Weber-Berg stellte an der Konferenz der Kirchenpräsidien im März ein eigenes Modell vor. Anders als beim EKS-Solidaritätsmodell wäre die Berechnung rein mathematisch, ohne politische Einflussnahme.

Konkret soll jede Kirche sich mit einem gleichmässigen Anteil ihrer Einnahmen beteiligen, aktuell wären es 0,6 Prozent. Der Effekt wäre ähnlich wie beim Solidaritätsmodell, die Schere ginge noch ein wenig weiter auf. Zudem müsste die EKS dann wohl Mindestbeträge mit den finanzschwächsten Kirchen abschliessen, weil die Reduzierung auf bis zu 95 Prozent sinken könnte. Weber-Berg wird sein Modell der Synode laut Bugmann als alternativen Schlüssel vorlegen.

Welche Alternative gäbe es?

Ein Modell, das in den EKS-Unterlagen nicht aufgeführt ist, aber laut Bugmann «intensiv diskutiert» wurde, stützt sich auf die relative Steuerkraft. Diese Zahl zeigt, wie viel Geld eine Gemeinde pro Person einnimmt, wenn die Steuern überall gleich hoch wären. Es besagt im Grunde: Wie reich die Menschen vor Ort wirklich sind.

Das Beispiel Zug zeigt: Man hat mit Abstand am meisten Mittel pro Mitglied zur Verfügung. Gleichzeitig hat die Landeskirche die Steuern in den letzten Jahren trotz Mitgliederschwund gesenkt und im letzten Winter einen Rabatt auf die Kirchensteuern gewährt. Grund sind die juristischen Steuern, die zwei Drittel der Einnahmen ausmachen und angesichts des Wirtschaftswachstums im Kanton steigen und steigen.

Für einen besseren Vergleichswert müsste man also die Steuerfüsse zwischen reichen und armen Kantonen herausrechnen. Das wird bei Finanzausgleich-Modellen so gehandhabt.

Bugmann wirft ein, dass das angesichts all der unterschiedlichen kantonalen Finanzierungsstrukturen «nicht so einfach» sei. «Es stellen sich viele Fragen.» Etwa, ob die Berechnung der Steuern überall die Gleiche sei. Oder wie man die Staatsbeiträge zur Steuerkraft hinzufüge. Und was mache man mit Kirchen, die keine Steuern eintreiben könnten? «Solche Dinge haben uns gehindert, dieses Modell weiterzuverfolgen.»

Grundsätzlich gebe es aber Wege, ein solches Modell zu erarbeiten, falls die Synode das möchte. «Es bräuchte eine aufwendigere Datensammlung und die Einführung würde sich verzögern.»

Denn eine Schwäche hat der Beitragsschlüssel weiterhin: Wenn eine Kirche die Steuern erhöht, steigt auch die Finanzkraft pro Mitglied und damit der Betrag, den man an die EKS zahlen muss.

Wie verlief die Vernehmlassung?

«Alles in allem sehr angenehm», sagt Bugmann. Mit allen Mitgliedkirchen habe man einen guten Dialog geführt. Die Vernehmlassung habe zwei Teile gehabt: Die EKS habe das Modell vorgestellt und gefragt, ob dieses akzeptabel sei. «Es wird von den Mitgliedkirchen zu grossen Teilen akzeptiert.»

Der zweite Teil habe zum Prozess klären wollen. Etwa, ob zusätzliche Faktoren gewünscht sind, die in die Berechnung einfliessen müssten. «Man könnte beispielsweise die Einnahmen aus den juristischen Steuereinnahmen stärker gewichten.» Das sei jedoch nicht gewünscht worden.

Im Rahmen der Präsidienkonferenz sei das Thema Übergangsfrist aufgekommen, das habe man in den Antrag aufgenommen. Neu würde die EKS zudem in guten Rechnungsjahren die Beiträge der Kirchen entsprechend reduzieren.

Wieso gibt es keine weiteren Massnahmen, um den Anstieg abzufedern?

Dass die stark betroffenen Kirchen wie St. Gallen und Luzern von den höheren Beiträgen nicht erfreut sind, ist selbsterklärend. «Sie sagten uns, dass es für sie nicht einfach ist», sagt Bugmann.

Weitere Faktoren in die Berechnung einfliessen lassen zu wollen, sei aus dieser Perspektive verständlich. «Objektiv betrachtet ist es aber eine mathematische Formel, die für alle gilt.» Wenn man zusätzliche individuelle Faktoren einbaue, bewege man sich wieder in die Richtung des aktuellen Schlüssels. «Das war meiner Meinung nach nicht das Ziel der Motion.»

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