Ausblick 2024

Das kommt auf die Reformierten zu

Die Auswirkungen der katholischen Missbrauchsstudie, der Mitgliederschwund und die zahlreichen internationalen Konflikte beschäftigen die Reformierten auch im neuen Jahr.

Die Religionsgemeinschaften in der Schweiz wollen den interreligiösen Dialog intensivieren, um den Folgen des Nahostkriegs zu begegnen. (Bild: Georgios Kefalas/ Keystone)

Die grösste Herausforderung für die Reformierten im kommenden Jahr ist zwar nicht neu, aber umso dringlicher: der Mitgliederschwund. Bereits 2022 traten knapp 30’400 Personen aus der Evangelisch-reformierten Kirche aus. Dieser Rekord dürfte im vergangenen Jahr bereits wieder pulverisiert worden sein, wie Aussagen mehrerer reformierter Landeskirchen und Kirchgemeinden vermuten lassen.

Der Rückgang der Mitgliederzahlen bedeutet für die Kirche einen Verlust an gesellschaftlicher Relevanz. Die Suche nach geeigneten Rezepten, um die Menschen von einer Mitgliedschaft zu überzeugen, dürfte auch 2024 die Kirchgemeinden beschäftigen – ebenso die Frage, wie eine Kirche aussieht, die nur noch eine Minderheit der Bevölkerung repräsentiert.

Missbrauchsfälle aufarbeiten

Einer der Hauptgründe für den jüngsten Anstieg der Kirchenaustritte stellt zugleich eine eigenständige Herausforderung dar. Vor wenigen Monaten ist der Missbrauchsbericht der katholischen Kirche erschienen. Darin haben Forscherinnen der Universität Zürich zahlreiche Missbräuche dokumentiert, die in den letzten Jahrzehnten von Vertretern der katholischen Kirche begangen wurden. Viele Menschen haben daraufhin ihren Kirchenaustritt eingereicht – auch bei den Reformierten (ref.ch berichtete).

Obwohl die Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS), Rita Famos, vermutet, dass die reformierte Kirche weniger anfällig für Missbräuche ist als die katholische Kirche, ortet sie Handlungsbedarf in diesem Bereich. In einem Interview mit dem Schweizer Radio und Fernsehen erklärte sie, dass die reformierte Kirche darüber nachdenkt, ihre eigene Vergangenheit aufzuarbeiten. Sie bezieht sich dabei auf eine Missbrauchsstudie der Evangelischen Kirche Deutschlands, die im Januar 2024 veröffentlicht werden soll.

Ressourcen bündeln

Die Folge des Mitgliederschwunds zieht organisatorische Fragen nach sich. Bereits in den vergangenen Jahren haben zahlreiche Kirchgemeinden fusioniert – ein Trend, der anhalten dürfte. Grössere Fusionsprojekte wie in der Stadt Thun und in Bern haben letztes Jahr wichtige Hürden genommen. In beiden Städten werden die Fusionspläne derzeit konkretisiert, in Bern sollen die 12 Kirchgemeinden im Herbst 2024 über eine Zusammenführung abstimmen.

Zahlreiche internationale Konflikte und Krisen beschäftigen auch die Reformierten hierzulande. Der Ukraine-Krieg jährt sich 2024 zum zweiten Mal. Noch immer helfen Kirchgemeinden den ukrainischen Flüchtlingen dabei, in der Schweiz Fuss zu fassen. Immer mehr von ihnen stellen sich darauf ein, längerfristig in der Schweiz zu bleiben (ref.ch porträtierte einen Priester).

2023 sind darüber hinaus weitere Konflikte ausgebrochen, welche die Bemühungen um einen nachhaltigen Frieden auf der Welt zurückgeworfen haben. Dazu gehören die Eroberung von Berg-Karabach durch Aserbaidschan und der Nahostkrieg zwischen Israel und der Hamas. In beiden Gebieten unterstützen die Schweizer Reformierten humanitäre Projekte von Partnerkirchen. Der Nahostkrieg wirkt sich direkt auf die Schweiz aus, die Zahl der Antisemitismus-Vorfälle hat zugenommen. Die Reformierte Kirche ist gefordert, zwischen den Religionsgemeinschaften in der Schweiz zu vermitteln.

Von grösster Aktualität bleibt ein Thema, das die Reformierte Kirche in ihrem Kern betrifft: die Bewahrung der Schöpfung. In mehreren Kirchgemeinden laufen Bemühungen für mehr Klimaschutz. Sie sind Teil neuer oder entstehender Immobilienkonzepte. So werden etwa Solaranlagen auf Pfarrhäusern und sogar Kirchen installiert oder Gebäudesanierungen vorangetrieben. Erstmals wurde zudem in einer reformierten Landeskirche eine Volksinitiative eingereicht. Die Initianten fordern von der Zürcher Landeskirche, bis 2035 klimaneutral zu sein (ref.ch berichtete).