Krieg in der Ukraine

Die mobile Kirchgemeinde

Obwohl sie noch mit finanziellen Engpässen zu kämpfen hat, etabliert sich die ukrainisch-orthodoxe Kirchgemeinschaft langsam in der Schweiz. Mit Ikonenbildern im Gepäck reist Priester Oleksandr Shestopalov zwischen Städten hin und her, um seine Gemeinde zu betreuen. Er rechnet damit, im Land zu bleiben.

Die Suche nach finanziellen Mitteln und Räumlichkeiten für seine Kirchgemeinde ist ein Vollzeitjob für Priester Oleksandr Shestopalov – allerdings ein unbezahlter. (Bild: Nicole Philipp)

In der Burgerkappelle im Berner Generationenhaus herrscht am Freitagabend reges Treiben. Eine kleine Gruppe ist gerade dabei, ein Ikonenbild einzurahmen und Blumengestecke vorzubereiten. In Kürze sollte die Messe der ukrainisch-orthodoxen Kirchgemeinde beginnen – wären da nicht noch zwei Frauen, die in der Kapelle musizieren. Priester Oleksandr Shestopalov bittet noch um Geduld. Die Messe fange eine halbe Stunde später an.

Hier hat seine Gemeinde seit Kurzem einen festen Standort für ihre Messen gefunden. «Seither läuft das religiöse Leben ununterbrochen», sagt Shestopalov. Nebenbei finden allerdings auch noch andere Anlässe wie Konzerte und Proben in der Kapelle statt – wie es heute der Fall ist.

«Mittlerweile verlangen manche Kirchgemeinden Miete.»
Oleksandr Shestopalov, Priester der ukrainisch-orthodoxen Kirchgemeinde Bern

Als die Probe der beiden Frauen endet und sie die Kapelle verlassen, bringt sich der vierköpfige Chor in Stellung. Priester Shestopalov und seine beiden Altardiener verschwinden hinter hellblauen Stellwänden mit Ikonenbildern darauf – eine Kulisse, die sie im Auto von Kirche zu Kirche transportieren. Sie gibt der schlichten reformierten Kapelle einen orthodoxen Anstrich, genauso wie die goldenen, weiten Kleider, die Priester Shestopalov und seine Altardiener tragen.

Langfristige Finanzierung unsicher

Shestopalovs Gemeinde existiert seit rund eineinhalb Jahren. Sie umfasst den Kanton Bern sowie die Städte Freiburg und Neuenburg (ref.ch berichtete). Zudem gibt es zwei ukrainisch-orthodoxe Gemeinden in Zürich und Luzern. «In Genf entsteht soeben die erste Gemeinde in der Westschweiz», sagt er. Die Gemeinden der vier Priester sind offiziell von der ukrainisch-orthodoxen Kirche im Heimatland anerkannt. «Kürzlich hatten wir hochrangigen Besuch», sagt Shestopalov. Ein für Westeuropa zuständiger Erzbischof namens Veniamin, der in Irland lebt, sei zu Besuch gekommen.

Nach Ausbruch des Krieges und den Zehntausenden ukrainischen Flüchtlingen, die in die Schweiz gekommen sind, haben viele Kirchgemeinden ihre Räumlichkeiten der ukrainisch-orthodoxen Gemeinschaft kostenlos zur Verfügung gestellt. «Mittlerweile verlangen manche Kirchgemeinden jedoch Miete», sagt Shestopalov. In solchen Fällen müssten sie nach Alternativen suchen. Weil die meisten Mitglieder der ukrainisch-orthodoxen Kirchgemeinde auf Sozialhilfe angewiesen sind – so wie Shestopalov auch – ist kaum Geld vorhanden.

«Wir laden die Gläubigen weiter ein und haben Inserate geschaltet, um auf uns aufmerksam zu machen.»
Oleksandr Shestopalov, Priester der ukrainisch-orthodoxen Kirchgemeinde Bern

Hält der Priester gerade keine Messe in Thun, Bern, Biel oder Freiburg ab, versucht er, die nötigen finanziellen Mittel für ihre Durchführung zu beschaffen. Geld braucht die Gemeinde auch für Kinder: Ende August organisierte sie einen Ausflug in eine Schokoladenfabrik. Von der Reformierten Kirche Lenk und den Evangelisch-reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn (RefBeJuSo) hat die Gemeinschaft nach ihrer Gründung finanzielle Unterstützung erhalten. «Es handelte sich allerdings um einmalige Beiträge», sagt Shestopalov. Bei RefBeJuSo habe er einen Antrag gestellt, um weitere Unterstützung zu erhalten.

Ausdauer gefragt

Die orthodoxen Kirchen in der Ukraine

In der Ukraine existieren zwei Orthodoxe Kirchen: Die ukrainisch-orthodoxe Kirche, die bis im vergangenen Jahr Teil der russisch-orthodoxen Kirche war und die Orthodoxe Kirche der Ukraine. Erstere war ein Ableger der russisch-orthodoxen Kirche mit weitgehender Autonomie. Letztere entstand 2018 aus zwei orthodoxen Kirchen, die sich bereits 1990 von der russisch-orthodoxen Kirche abgespalten haben. Sie untersteht dem Patriarchen von Konstantinopel.

Kurz nach Beginn des Krieges hat sich die ukrainisch-orthodoxe Kirche ebenfalls komplett von der russisch-orthodoxen Kirche losgesagt. Seither ist sie eigenständig. Die ukrainischen Behörden werfen manchen von ihren Vertretern aber immer wieder vor, die russische Invasion zu unterstützen, und streben ein Verbot an (ref.ch berichtete). (pef)

Die Messe im Berner Generationenhaus dauert derweil schon weit über eine Stunde. Der Chor und Shestopalov wechseln sich ab mit liturgischen Gesängen und Gebeten. Rund zehn Personen haben sich eingefunden, praktisch alle haben eine Funktion in der Kirchgemeinde. Nur eine ältere Frau ist ausschliesslich als Besucherin anwesend. Mitten während der Messe betritt eine weitere Frau die Kirche. Sie begrüsst eilig die Anwesenden und bedeckt ihren Kopf mit einem Tuch. Dann geht sie den kurzen Gang nach vorne, wo ebenfalls zwei Ikonenbilder platziert wurden. Sie bekreuzigt sich vor beiden Bildern und küsst sie. Dann muss sie weiter und eilt wieder hinaus. Ungeachtet dessen singen der Chor und Priester Shestopalov weiter.

Ein Kommen und Gehen ist in den orthodoxen Kirchen nicht ungewöhnlich. Drei bis vier Stunden dauere die Messe, sagt Priester Shestopalov. Seine Frau Maria hat sich für ein kurzes Gespräch vom Chor entfernt und übersetzt für ihren Mann auf Französisch. In dieser Zeit übernimmt der Chor alleine.

Gemeinde soll wachsen

Rund 200 Personen würden die Messen in den verschiedenen Städten besuchen, erklärt Shestopalov. Zur Einordnung: In den Kantonen Bern, Freiburg und Neuenburg leben laut dem Staatssekretariat für Migration mittlerweile über 15'000 Ukrainerinnen und Ukrainer. «Wir laden die Gläubigen weiter ein und haben Inserate geschaltet, um auf uns aufmerksam zu machen», sagt Shestopalov.

«Anders als in der Schweiz erhalten die Priester in der Ukraine keinen Lohn.»
Oleksandr Shestopalov, Priester der ukrainisch-orthodoxen Kirchgemeinde Bern
Zerstörung religiöser Gebäude

Seit Kriegsbeginn sind in der Ukraine laut dem Weltkirchenrat rund 500 religiöse Bauten beschädigt oder zerstört worden (ref.ch berichtete). Vor wenigen Wochen wurde auch die Verklärungskathedrale in Odessa von einer mutmasslich russischen Rakete getroffen. Die Kathedrale gehört zur ukrainisch-orthodoxen Kirche. «Auch in meiner Heimatstadt Tschernihiw wurde eine Kathedrale völlig zerstört», sagt Priester Oleksandr Shestopalov. Das schmerze ihn. Menschen verschiedener Generationen hätten viel in die religiösen Bauten investiert und dort gebetet. (pef)

Dass der Krieg bald endet, daran zweifeln immer mehr Menschen. Für viele ukrainische Flüchtlinge stellt sich deshalb die Frage, ob sie sich in der Schweiz niederlassen wollen. «Die Meinungen gehen stark auseinander», sagt Priester Shestopalov. Je älter die Leute seien, desto eher würden sie an einer Rückkehr festhalten. Familien mit Kindern könnten sich hingegen vorstellen, hierzubleiben. So ist es auch in seinem Fall. «Unsere älteste Tochter besucht den Kindergarten, die zweitälteste kann demnächst in die Kita gehen», sagt Shestopalov.

Auf ihn warten damit ähnliche Herausforderungen wie auf die anderen Ukrainerinnen und Ukrainer. Er muss sich wirtschaftlich integrieren. «Anders als in der Schweiz erhalten die Priester in der Ukraine keinen Lohn», sagt Shestopalov. Es gäbe sogar Priester, die Landwirtschaft betreiben würden. Shestopalov hat in der Vergangenheit als Lichttechniker gearbeitet. Er könne sich vorstellen, in der Schweiz eine Stelle zu suchen – doch eine zu finden, sei schwierig, sagt er.

In der Burgerkappelle im Generationenhaus riecht es mittlerweile stark nach Weihrauch. Zwei kleine ukrainische Kinder kommen immer wieder mal vorbei und drehen eine Runde in der Kapelle, bevor sie wieder nach draussen spielen gehen. Etwa zwei Stunden nach Messebeginn gibt es für den Chor die erste Pause – Zeit für die Hostie.