Kirchliche Initiative

Gegenwind für kirchliche Klimaschützer

Kurz vor der Deadline haben Zürcher Klimaschützer die Unterschriften für die erste Volksinitiative der reformierten Kirche zusammen. Die Sammelaktion war zäh. Kritiker sprechen von einer «Klimareligion».

Er ist das Gesicht der Initiative: Klimaaktivist Tobias Adam sammelt bei der Lancierung der Initiative Anfang Mai erste Unterschriften. (Bild: Lukas Bärlocher)

Das hat sich Tobias Adam einfacher vorgestellt. Zusammen mit Mitstreitern sammelt der Zürcher Klimaschützer Unterschriften für die «Schöpfungsinitiative». Ihre Kernforderung ist, dass die Zürcher Landeskirche grüner wird, indem sie bis 2035 klimaneutral wird.

Derzeit sieht es so aus, als würden die Initianten die notwendigen 1000 Unterschriften zusammenbringen. Gemäss Adam wurde die Marke in den letzten Tagen übertroffen. Nun geht es noch darum, bis zur Deadline in einem Monat etwas Reserve anzuhäufen, weil erfahrungsgemäss manche Unterschriften ungültig sind. Gibt der Kirchenrat daraufhin grünes Licht, wird die «Schöpfungsinitiative» zur ersten erfolgreich lancierten Volksinitiative in der Landeskirche.

Adam räumt im Gespräch mit ref.ch allerdings ein, dass das Sammeln der Unterschriften alles andere als ein Selbstläufer war: «Wir haben sehr starken Gegenwind gespürt.» Auf inhaltliche Kritik habe er sich zwar eingestellt. «Allerdings hatte kaum jemand wirklich etwas dagegen, die Zürcher Kirche grüner zu machen.» Das Problem sei eher gewesen, dass sich Kirchgemeinden sowie Pfarrerinnen und Pfarrer nicht öffentlich hinter die Initiative stellen wollten. Entsprechend waren die Initianten mehr oder weniger auf sich alleine gestellt.

«Ein Pfarrer schrieb uns als Begründung für die Absage, die Sache sei heikel, das könne er nicht per E-Mail erklären.»
Tobias Adam, Klimaschützer

Man sei vornehmlich auf Schweigen oder höfliche Zurückhaltung gestossen. So hätten von zwölf Kirchgemeinden, welche die Initianten jeweils dreifach angeschrieben haben, gerade einmal zwei überhaupt geantwortet. Dabei habe es sich ausgerechnet um jene Gemeinden gehandelt, die sich mit dem Label «Grüner Güggel» schmücken und damit bereits heute als besonders umweltfreundlich gelten.

Auch direkte Anfragen an Pfarrerinnen und Pfarrer, im Rahmen von Gottesdiensten Unterschriften zu sammeln, seien mehrheitlich abschlägig beantwortet worden, so Adam. Die Begründungen fielen in der Regel knapp aus. Ein Pfarrer habe geschrieben, dass er den Gottesdienst nicht vereinnahmen lassen wolle für politische Anliegen. Eine Pfarrerin habe rückgemeldet, dass ihre Gemeinde sehr divers sei und sie sich nicht auf eine Seite stellen wolle. «Ein weiterer schrieb uns als Begründung für die Absage, die Sache sei heikel, das könne er nicht per E-Mail erklären.»

Adam ist von den mutlosen Reaktionen enttäuscht. «Es ging uns ja nicht darum, dass die Kirchen unsere Banner aufhängen. Sondern dass wir am Rande von Gottesdiensten miteinander ins Gespräch kommen.»

«Auch Schweigen ist eine Aussage. Was heisst: Kirchen können gar nicht unpolitisch sein.»
Pierre Bühler, emeritierter Theologie-Professor

Ähnliche Erfahrungen hat der emeritierte Zürcher Theologie-Professor Pierre Bühler im Vorfeld von Abstimmungen gemacht. So etwa vor jener über die wegen Menschenrechtsverletzungen kritisierte Grenzschutzagentur Frontex im letzten Jahr. Zuletzt aber auch beim Urnengang zum Klimaschutz-Gesetz. Er nennt die Hemmungen von Kirchenleuten, sich politisch zu äussern, ein «Schweigen als Angstreflex».

Unerwartete Hilfe

Das Sammeln von Unterschriften für die «Schöpfungsinitiative» war kein Selbstläufer. Dass sie am Ende wohl doch zustande kommt, hat gemäss Tobias Adam massgeblich mit engagierten Einzelpersonen zu tun, die sich durch die Initiative angesprochen fühlten.

So brachte eine einzige, ihnen bis dahin unbekannte Frau aus Winterthur 120 Unterschriften mit an einen Anlass der Initianten. Und in der Kirchgemeinde Fehraltorf ging ein Umweltteam aus eigenem Antrieb auf Unterschriftensammlung. (eba)

Das Schweigen aus Angst sieht Bühler als ein Erbe der Diskussionen nach der Abstimmung über die Konzernverantwortungsinitiative (Kovi) im Herbst 2020. Im Rahmen der Kampagne hatten sich viele Kirchen sehr stark für ein Ja engagiert, was vor allem in bürgerlichen Kreisen zu heftiger Kritik führte. Die Jungfreisinnigen versuchten gar, mittels Verfassungsbeschwerde der Kirche künftig politische Stellungnahmen zu verbieten. Die Konzernverantwortungsinitiative scheiterte letztlich nur am Ständemehr.

«Es darf aber nicht sein, dass Kirchen von nun an immer wieder schweigen zu wichtigen Themen der Gesellschaft», so Bühler. Schliesslich sei auch Schweigen eine Kommunikation, und zwar eine, die einfach den Status Quo akzeptiere. «Kirchen können also gar nicht unpolitisch sein.» Er betont, dass die Kirche Stellung beziehen müsse, wenn die Grundnormen des politischen Zusammenlebens gefährdet werden, etwa bei Menschenrechtsverletzungen. In einem «Manifest für Kirche und Politik» hat er das kürzlich detailliert ausgeführt.

Auch Klimaschützer Adam kritisiert die Kultur des Schweigens. «In der reformierten Kirche sollten wir öfters einmal konstruktiv streiten statt gleich zu sagen, wir haben uns doch alle lieb», sagt Adam. Die Initiative biete genau so eine Möglichkeit.

«Die Landeskirche sollte nicht mit einem Extrazug zeigen, dass sie strebsamer ist als die Politik.»
Martin Breitenstein, Mitglied der Zürcher Kirchensynode

Einer der wenigen Kritiker der Schöpfungsinitiative, die sich öffentlich zu Wort meldeten, ist Martin Breitenstein. Der Jurist sitzt für die Liberale Fraktion in der Zürcher Kirchensynode und hat in einer Kolumne das Anliegen der Initianten als «Klimareligion» bezeichnet.

Auf Anfrage sagt er, dass er sich vor allem an der «grossspurigen» Aufmachung störe. Die Initiative spreche von Schöpfung, sei im Kern aber sehr technokratisch und weiche vergleichsweise wenig von Zielen ab, welche sich der Staat und auch der Kirchenrat ohnehin setzten.

«Ich finde, die Landeskirche sollte nicht mit einem Extrazug zeigen, dass sie strebsamer ist als die Politik, indem sie noch etwas schneller klimaneutral wird.» Die Wirkung der Initiative schätzt er ausserdem als relativ gering ein. Besser wäre es seiner Meinung nach, die Immobilien-Strategie auf Nachhaltigkeit auszurichten. Die Initiative bezeichnet er als Aktion «für die Galerie».

Breitenstein hat sich allerdings in seinen Annahmen bereits einmal getäuscht. So ging er davon aus, dass die Initiative leichtes Spiel haben würde. In seiner Kolumne schrieb er, dass tausend Unterschriften «an einem einzigen Tag schon in der Stadt Zürich locker zusammen kommen». Die Mühen der Aktivisten sprechen eine andere Sprache: Von einer «Klimareligion» sind die Reformierten noch weit entfernt.