Missbrauchsstudie Katholische Kirche

Zeit für eine Revolution?

Das Bild, das katholische Exponenten durch sexuellen Missbrauch hinterlassen, droht alle Kirchen in den Abgrund zu ziehen. Auch die Reformierten haben es sich bequem eingerichtet. Es ist Zeit sich für Vulnerable einzusetzen, findet Cornelia Camichel Bromeis, Pfarrerin am St. Peter in Zürich, in ihrem Gastbeitrag.

Wie stark ist der Imageschaden, der den Kirchen entsteht? Gläubige besuchen eine Messe in St. Gallen. (Bild: Gian Ehrenzeller/ Keystone)

Enttäuscht bin ich nicht. Nein. 

Denn das würde bedeuten, dass eine Täuschung nun ent-tarnt worden wäre. Es ist keine Ent-täuschung. Ich wusste es. Ich habe als Pfarrerin und als Frau in diesem Beruf, als ehemalige Dekanin der reformierten Pfarrschaft Graubündens, erfahren – auch am eigenen Leib – was für ein Priesterbild, ein Menschenbild, ein Frauenbild der römisch-katholischen Kirche zugrunde liegt. Es ist ein hierarchisch geprägtes Bild, sowohl zwischen den Geschlechtern, als auch den Laien und dem Weihestand. Die Gott-Ebenbildlichkeit gilt für einige Menschen mehr als für andere. 

Erschüttert dagegen bin ich, ja. Sehr sogar. Ich sehe Menschen hinter den hohen Missbrauchszahlen, die zutiefst verletzt sind. Menschen, Kinder, Jugendliche, Frauen, die ein Leben lang darunter leiden, in ihrer Integrität empfindlich geschädigt worden zu sein. 

Dieses pervertierte Bild einzelner Exponenten droht nun mit voller Wucht nicht nur die römisch-katholische Kirche, sondern mit ihr gerade alle Kirchen in der Schweiz, in den Abgrund zu ziehen. Und vielleicht geschieht uns damit recht. Vielleicht ist wieder Zeit für so etwas wie eine Reformation. Wie vor 500 Jahren. 

Vom Zölibat zur Demokratie

In der damaligen katholischen Kirche müssen Zustände geherrscht haben, dass radikale Reformen notwendig wurden. Mit der Aufhebung des Zölibats wurde einerseits das Sexualleben der Priester in die Ehe «kanalisiert», andererseits, und was zentral war: es sollten keine Kinder gezeugt werden, die schliesslich die Opfer waren!

Denn die unehelichen Kinder hatten oft kein einfaches Leben. Gesellschaftlich nicht oder weniger anerkannt, hatten sie schlechtere Chancen. Es wurde auch in gehobener Schicht zwischen «Kind und Kegel» unterschieden. Der Reformation ging es um die Verbesserung der Lebensumstände aller Menschen, nicht um den Erhalt der Institution Kirche. 

«Den Missstand der fehlenden Übereinstimmung von Lehre und Leben behoben die Reformatoren europaweit, indem sie für Priester die Heirat einführten.»

Vor 500 Jahren, im November 1523, heirateten Leo Jud und Katharina Gmünder. Sie waren das erste reformierte Pfarrehepaar im Pfarrhaus der Kirche St. Peter, der Pfarrkirche Zürichs. Sie waren «Mitstreiter» der Reformation an der Seite Zwinglis, so steht es am heute noch bestehenden Pfarrhaus.

Leo Jud war Sohn eines Priesters. Dieser hatte mit «seiner» Frau zwei Kinder. Es war also nicht verpönt, dass Priester Kinder zeugten und offenbar auch mit ihnen in einer Familie zusammenlebten. Den Missstand der fehlenden Übereinstimmung von Lehre und Leben behoben die Reformatoren europaweit, indem sie für Priester die Heirat einführten. 

Die Aufhebung des Zölibats war nur einer der zahlreichen Schritte eines grundsätzlich veränderten Kirchenverständnisses. Weitere Schritte folgten, hin zu einer Demokratisierung. Reformierte, lutherische und weitere Kirchen entstanden. Europaweit folgte eine Zeit blutiger Umwälzungen. 

Theologie der Vulnerabilität ist angezeigt

Umwälzungen sind heute überall wieder in vollem Gange. In alle Richtungen.

Die Verletzlichkeit allen Lebens, unseres ganzen Planeten, wird immer deutlicher. Ich denke an Homophobie beispielsweise, an autoritäre politische Haltungen, die Demokratien gefährden, die Verletzlichkeit der Schöpfung durch den menschengemachten Klimawandel. 

«Jesus war selbst wütend, angreifbar. Er wurde lästig und gefährlich. Und schliesslich wurde er zum Opfer.»

Dabei steht die Erkenntnis im Zentrum: Alles Leben kommt durch andere(s), jedes Leben vergeht. Und wir sind alle abhängig. Zwischen Anfang und Ende gilt es Leben zu schützen und zu erhalten. 

Die christliche Theologie ist seit ihren Anfängen eine Theologie der Vulnerabilität: Gott wird Mensch, wird verletzlich, geboren von einer Frau (nehmen wir das theologisch ernst!). Geburten waren, und sie sind es auch heute noch, äusserst verletzliche Vorgänge. Hüten wir das Leben! Jesus gab sich mit vulnerablen Gruppen ab, trat für die Schwachen ein. Er war selbst oft hungrig, wütend, angreifbar. Er wurde lästig und gefährlich. Und schliesslich wurde er zum Opfer. Wurde ans Kreuz genagelt, geschunden, umgebracht. Mundtot gemacht. Begraben. Bis alles eine ganz andere Wendung nahm: Die Auferstehung. Opfer stehen auf! 

Opfer zwei Mal verletzen

Was für eine Perversion ist es doch, wenn gerade christliche Amtsträger, die sich auch noch in der apostolischen Sukzession sehen und als Stellvertreter Christi auf Erden auftreten, andere zu Opfern machen – in doppelter Weise: indem sie Mitmenschen seelisch und körperlich missbrauchen und dann, statt dafür gerade zu stehen, sich und die Institution schützen und die Opfer so ein weiteres Mal verletzen. 

Dies ist ein Verrat am Auftrag, den wir als Kirchen mit und für Menschen zu erfüllen haben. Die moralische Instanz, die Vertrauen und Glauben predigt, missbraucht dieses Vertrauen in mehrfacher Hinsicht. 

Und, das gestehe ich mit einer grossen Scham, wir haben es uns auch in den reformierten Kirchen bequem eingerichtet. Wir haben aus fadenscheiniger ökumenischer Friedensliebe oft geschwiegen, statt permanent differenzierte Kritik zu üben an diesen grausamen Machtmissbräuchen. Auch in eigenen Reihen. 

Weil ja nie alle Schuld sind. Weil es überall nette Leute gibt. Hüben wie drüben. –

Damit verlachen wir Betroffene aber mit, zementieren Ungerechtigkeiten.

Hören wir auf, den Anspruch zu haben, für alle reden zu wollen. 

Die Allmacht gehört uns nicht. Auch uns Reformierten nicht!

Fangen wir an, wenn wir für eine Gruppe sprechen, nicht immer gleich eine Gegenpartei mitzuhören. Wer sich für Vulnerable einsetzt, ist nicht automatisch gegen jede Form von Macht. 

Fangen wir an, Menschen mit Missbrauchserfahrungen zu stärken, entblössen wir die Mächtigen in ihrer unverzeihlichen Schwäche.

Und fangen wir an, uns zu solidarisieren, indem wir uns in unserer Verletzlichkeit ernst nehmen, ohne das Gefühl zu haben, deswegen schwach zu sein. 

Redaktioneller Hinweis: Die Autorin Cornelia Camichel Bromeis ist reformierte Pfarrerin am St. Peter in Zürich. Zuvor war sie Pfarrerin in Chur und Davos und die erste Dekanin in der Geschichte der Bündner Kirche. Sie ist zudem im Vorstand der Reformierten Medien, die ref.ch herausgeben.