Klimaklage führt zu Spannungen in Kirchgemeinden
Die Klimaklage gegen den Zementkonzern Holcim sorgt an der Kirchenbasis für hitzige Diskussionen. Der Grund dafür: Das Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz (Heks) unterstützt die Klage, die derzeit beim Zuger Kantonsgericht hängig ist (siehe Kasten).
Recherchen von ref.ch zeigen, dass das Vorgehen des Heks in manchen Kirchgemeinden auf Zuspruch, andernorts aber auch auf viel Widerstand stösst. So gab beispielsweise die Kirchenpflege von Bad Zurzach (AG) bekannt, dass die reformierte Kirchgemeinde das Heks vorläufig nicht mehr unterstütze. Der Betrag von 2000 Franken geht stattdessen an die Caritas. Genauso hatte es zuvor ein Mitglied an der Kirchgemeindeversammlung gefordert.
Hoch gingen die Wogen auch in der Kirchgemeinde Möriken-Wildegg-Holderbank (AG). Nach der Berichterstattung über die Beteiligung des Heks an der Klimaklage sei Ende 2022 ein wütender Brief bei der Kirchenpflege eingegangen, erinnert sich Pfarrer Martin Kuse. Gefordert wurde, dass die Kirchenpflege dem Hilfswerk keine Gelder mehr zukommen lasse. Ausserdem drohten mehrere Personen mit Kirchenaustritten.
Die Kirchenpflege setzte auf Dialogbereitschaft und «ein offenes Ohr», wie Kuse erzählt. Nach einem Gespräch mit seiner Kollegin auf dem Pfarramt, Regula Blindenbacher, gaben sich die Initianten damit zufrieden, dass die kommende Kirchgemeindeversammlung darüber bestimmen soll, ob das Heks weiter Geld erhält. Dort stimmte eine klare Mehrheit gegen den Antrag, die Gelder zu sperren. «Allerdings traten daraufhin einige tatsächlich aus der Kirche aus», sagt Kuse.
Holcim-Pensionäre und liberale Kirchenleute
Dass gerade in diesen beiden Aargauer Gemeinden die Klage gegen Holcim für Empörung sorgte, ist kein Zufall. Holderbank ist sozusagen das Heimatdorf des Zementkonzerns, lange befand sich dort ein grosser Steinbruch mit Werk, und noch heute hat das Management seinen Sitz im 900-Seelen-Dorf. Bei den Protestlern handelt es sich ausnahmslos um Menschen, die ihr Arbeitsleben lang für Holcim tätig waren und die sich der Firma nach wie vor verbunden fühlen.
Auch der Vorstoss, der in Bad Zurzach zur Blockierung der Heks-Gelder führte, geht auf einen ehemaligen Mitarbeiter von Holcim zurück. Klaus Utzinger arbeitete 30 Jahre lang für die Firma Holderbank, die später in Holcim umbenannt wurde.
Utzinger beteuert, dass er sich primär aus anderen Gründen engagierte. «Ich beschäftigte mich intensiv mit kirchlichen Hilfswerken und deren Finanzierung», schreibt er auf Anfrage. Fast 20 Jahre lang amtete er als Präsident der reformierten Kirchenpflege in Zurzach, etwa gleich lang war er Mitglied der Aargauer Synode.
Utzinger ist der Ansicht, dass es sich um ein «ideologisches Gerichtsverfahren» handelt, das sich gegen ein Unternehmen richte, das bereits viel für den Klimaschutz tue. Der «Juristenkrieg» sei ausserdem ein fragwürdiger Umgang mit Steuergeldern. Die Kantonalkirchen und Kirchgemeinden steuerten letztes Jahr zusammen rund 10 Prozent des Ertrags von total 114 Millionen Franken bei, weitere 18 Prozent kamen von Bund, Kantonen und Gemeinden.
Und doch ist die Kritik am Heks mehr als die Rebellion einiger ehemaliger Holcim-Mitarbeiter. Der SVP-nahe Journalist Markus Somm rief in einem Podcast dazu auf, wegen der Klimaklage aus der reformierten Kirche auszutreten. Und auch der liberale kirchliche Thinktank «Église à venir» kritisierte in einem offenen Brief die Rolle des Heks. Dem Thinktank gehören einige in Kirchenkreisen einflussreiche Leute an, unter anderem der umtriebige Gstaader Pfarrer Bruno Bader, die reformierte Zürcher Kirchenrätin Katharina Kull sowie Ulrich Knoepfel, langjähriger Präsident des reformierten Glarner Kirchenrates und bis im vergangenen Jahr Mitglied des EKS-Rats.
«Die Klimaerwärmung ist ein weltweites Problem, und für Klimaschutz müssen wir uns alle zusammentun. Eine beliebige Firma dafür anzuklagen, ist selbstgerecht und unchristlich», sagt Knoepfel auf Anfrage. Er betont, dass ihm die Dringlichkeit der Klimakrise bewusst sei. Einer Anhebung des CO2-Preises beispielsweise würde er sofort zustimmen. «Mit Alarmismus löst man aber Probleme nicht, sondern riskiert Gegenreaktionen und Abstumpfung.» Statt auf Konfrontation mit Holcim zu gehen erachtet Knoepfel ein «alle Stakeholder umgreifendes Vorgehen» als erfolgsversprechender für den Klimaschutz.
Dass das Heks die Kritik an der Basis durchaus ernst nimmt, zeigen die Reaktionen des Hilfswerks auf die Proteste. Die Verfasser des offenen Briefs empfing eine Heks-Delegation um den mittlerweile ausgeschiedenen Direktor Peter Merz. Und auch bei der Kirchgemeindeversammlung in Möriken letztes Jahr liess sich ein Heks-Vertreter blicken.
Ende Januar 2023 reichten vier Bewohnerinnen der kleinen indonesischen Insel Pari Klage gegen den Zementkonzern Holcim ein. Deren Heimat ist wegen der Klimaerwärmung vom Untergang bedroht. Holcim wird als eine von 50 Firmen mit dem weltweit grössten CO2-Ausstoss dafür verantwortlich gemacht. Die Kläger fordern, dass der Konzern die Kosten für Schäden infolge der Klimaerwärmung übernimmt sowie sich finanziell an Flutschutzmassnahmen beteiligt. Wichtiger aber ist die Forderung, dass das Unternehmen seine CO2-Emissionen rasch reduzieren soll: Um 43 Prozent bis 2030 und um 69 Prozent bis 2040.
Da Holcim seinen Sitz in Zug hat, findet das Verfahren am dortigen Kantonalgericht statt. Anfang November gab das Gericht bekannt, dass den vier Klägerinnen die unentgeltliche Rechtspflege gewährt wird. Das Heks betrachtet das als einen ersten Zwischenerfolg für die Klägerinnen. Denn das Gericht widersprach dem von Kritikern oft gehörten Argument, dass Holcim ein willkürlicher Adressat der Klage ist: Es sei «irrelevant», dass es neben Holcim weitere Unternehmen gebe, welche die Klägerinnen aus demselben Grund einklagen könnten. Holcim hatte eine Abweisung der unentgeltlichen Rechtspflege verlangt, da das Begehren der Klägerinnen aussichtslos sei.
Bis ein rechtskräftiges Urteil gefällt ist, dürfte es noch Jahre dauern, da der Weg durch die Instanzen vorprogrammiert ist. (eba)
Auf Anfrage schreibt Mediensprecher Lorenz Kummer, dass ihm keine weitere Kirchgemeinde bekannt sei, welche die Zahlungen an das Heks wegen der Klimaklage ausgesetzt oder reduziert hat. Allerdings sind die Kirchgemeinden auch keine Rechenschaft schuldig, wem sie warum Spenden zukommen lassen. Aber: Beim Heks gingen gerade wegen der Klimaklage auch zusätzliche Spenden und Kollekten ein, wie Kummer auf Anfrage schreibt. Diese würden insgesamt rund 14'000 Franken betragen, wovon 1500 Franken aus einer Kirchgemeinde aus dem Kanton Bern und weitere 1500 Franken aus Kollekten stammten.
Stellvertretend für eine grosse Streitfrage
Zum Vorwurf, die Kampagne des Heks sei selbstgerecht und unchristlich, verweist Kummer auf den Kampf gegen Ungerechtigkeiten im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung. Holcim habe bisher mehr als doppelt so viele CO2-Emissionen verursacht wie die ganze Schweiz. «Die Kosten der Klimakrise tragen dagegen vor allem die Menschen im globalen Süden.» Kummer sagt: «Für uns steht dieses Engagement voll und ganz in Übereinstimmung mit christlichen Werten wie Mitgefühl, Gerechtigkeit und dem Erhalt der Schöpfung, denen wir uns in unserer gesamten Arbeit verpflichtet fühlen.»
Dass die Diskussion über die Rolle des Heks bei der Klimaklage hohe Wellen schlägt, ist nicht überraschend. Sie tangiert eine aktuelle Streitfrage, bei der die Fronten in der reformierten Kirche seit der Abstimmung über die Konzernverantwortungsinitiative verhärtet sind, nämlich: Wie politisch darf Kirche sein? Während manche die durchaus politischen Botschaften der Bibel hervorheben (etwa die Bewahrung der Schöpfung), mahnen andere Zurückhaltung an, da die Kirche ja «für alle da sein» müsse.