Konfliktherd Kaukasus

«Es mangelt an allem»

Nach dem Angriff Aserbaidschans in Berg-Karabach sind zehntausende Armenier geflüchtet. Eine Rückkehr müsse eines Tages möglich sein, sagt die armenisch-schweizerische Theologin Ani Ghazaryan.

Armenien ist wirtschaftlich in einer schwierigen Lage. (Bild: ÖRK)

Frau Ghazaryan, Sie waren Teil einer Delegation des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), die kürzlich in Armenien war. Wie ist die Situation im Land?
In Berg-Karabach gibt es faktisch keine Armenier mehr.* Vielleicht leben noch fünf oder zehn dort, aber auch sie werden gehen. Nach dem Angriff Aserbaidschans am 19. September 2023 mussten über 100‘000 Menschen innerhalb von zwei Wochen fliehen, darunter über Hundertjährige, die nie woanders lebten. Armenien hat die Flüchtlinge wohlwollend aufgenommen, kämpft aber mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Deshalb braucht es die Unterstützung von Organisationen wie den Vereinten Nationen oder Heks. 

Was brauchen die Menschen?
Ich weiss von einer Diözese, in der etwa 20‘000 Flüchtlinge leben. 25 Priester kümmern sich sehr engagiert um sie und leisten Seelsorge. Meine Freunde und Bekannten aus der armenisch-apostolischen Kirche berichten davon, dass es buchstäblich an allem mangelt: Kleidern, Hygieneartikeln, Nahrungsmitteln. Die Menschen mussten alles stehen und liegen lassen und fliehen. 

«Wir spürten die Spannungen und sahen die Traurigkeit in den Gesichtern der jungen Männer der armenischen Armee.»
Ani Ghazaryan, Programmverantwortliche ÖRK
Zur Person

Dr. Ani Ghazaryan Drissi hat in Lausanne ihren Master in Theologie abgeschlossen. Sie arbeitet als Programmverantwortliche für den ÖRK in Genf und verantwortet Projekte im Bereich der Versöhnung und Wiedervereinigung. In diesem Zusammenhang ist sie international tätig. Ghazaryan ist in Armenien aufgewachsen. Sie ist Doppelbürgerin und besitzt sowohl die armenische wie die Schweizer Staatsbürgerschaft. (jow)

Sie waren just in Berg-Karabach, als der Krieg wieder ausbrach. Wie erlebten Sie das?
Wir waren eine Gruppe kirchlicher Delegierter, darunter Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz. Ziel der Reise der ÖRK-Delegation war, auf die humanitäre Situation aufmerksam zu machen. Ich bin armenisch-schweizerische Doppelbürgerin. Meine Vorfahren wurden aus Westarmenien, der heutigen Osttürkei, vertrieben, sie starben während des Völkermords 1915. Deshalb betraf mich der Angriff nicht nur auf beruflicher Ebene, sondern ging mir persönlich nahe. Jedenfalls wurden wir von einem Kontrollposten im Grenzgebiet von der Polizei gestoppt. Uns wurde geraten umzudrehen, da wir sonst zum Ziel von Scharfschützen geworden wären und unser Leben riskiert hätten. Wir spürten die Anspannung und sahen die Traurigkeit in den Gesichtern der jungen Männer der armenischen Armee. Wir erlebten das Ende Berg-Karabachs, einen historischen Moment. 

Sie konnten das Land rechtzeitig verlassen. Wie war es, wegzufahren und Menschen zurückzulassen, die diese Möglichkeit nicht haben?
Ich stand vor einem jungen Mann, der Tränen in den Augen hatte. Ich legte ihm meine Hand auf die Schulter und sagte: «Ich stehe hinter dir und bete für dich.» Wir konnten die Sorgen und den Schmerz spüren. Als Delegation hatten wir das Bedürfnis, innezuhalten. Wir stoppten bei einem Kloster, um zu beten. 

«Gegenwärtig ist es unmöglich, über Frieden zu sprechen.»
Ani Ghazaryan, Programmverantwortliche ÖRK

Nun sind Sie zurück in der Schweiz. Welche Möglichkeiten gibt es, die Armenierinnen von hier aus zu unterstützen?
Es besteht die Möglichkeit zu spenden. Wichtig ist mir auch daran zu erinnern, dass es in Aserbaidschan Kriegsgefangene gibt, die gefoltert werden. Wir vom ÖRK wenden uns an armenische Staatsoberhäupter, um ihre Freilassung zu fordern. Zudem muss das kulturelle und religiöse Erbe Armeniens geschützt werden. Kreuze wurden zerstört und Kirchen in Moscheen verwandelt, um die armenische Präsenz auszuradieren. Wir dürfen nicht vergessen, dass es armenisches Land ist*.

Denken Sie, dass die Vertriebenen eines Tages zurückkehren können?
Das muss möglich sein. Berg-Karabach ist das Land der Armenier. Gegenwärtig ist eine Rückkehr unmöglich, die politische Situation ist zu instabil und Frieden nicht in Sicht. Wir versuchen, eine Tagung zu organisieren mit den wichtigsten Akteuren wie zum Beispiel UN-Vertretern oder kirchlichen Vertretern aus der Region, um den Geflohenen eine Rückkehr zu ermöglichen. In der Region spricht jeder Stein von der armenischen Präsenz. Es ist wichtig, diese zu erhalten.

* Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor 30 Jahren streiten sich Armenien und Aserbaidschan um Berg-Karabach. In der Region lebten bis September 2023 vorwiegend ethnische Armenier. International ist das Gebiet jedoch als Teil Aserbaidschans akzeptiert.