Neuer Nachwuchsförderer
Er will die Pfarrerinnen und Pfarrer von morgen gewinnen
(Bild: Peter Hauser)
Wer für etwas werben will, muss seine Sache gut kennen. Insofern ist Dominik Stöckli eine gute Wahl, um junge Menschen in der Deutschschweiz und im Tessin für ein Theologiestudium und den Pfarrberuf zu gewinnen. Der 33-Jährige studiert seit 2017 Theologie an der Universität Zürich, mittlerweile im Master. «Ich gelte schon als Urgestein», sagt der Oltner.
In Zeiten des Pfarrmangels rückt die Nachwuchsförderung stärker in den Fokus. Seit diesem Sommer hat Stöckli die Aufgabe als Projektleiter von Barbara Schlunegger übernommen. Unter ihr hatte er bereits als studentische Hilfskraft an Messeständen gestanden, Flyer verteilt, Gespräche geführt. Der Grundsatz im Theologie-Marketing, in Zusammenarbeit mit den Universitäten von Basel, Bern und Zürich, lautet: Werben, wo die jungen Menschen sind.
Also an Kantonsschulen, an kirchlichen Veranstaltungen wie dem kürzlich durchgeführten Refine-Festival und zunehmend auch an freikirchlichen Anlässen. «Dort geht es oft um den Abbau von Vorurteilen», sagt er. Ein Klassiker sei die Befürchtung, im Studium gehe der Glaube verloren. «Das ist zwar gut gemeint, aber am Ende ein Scheinriese: von weitem betrachtet grösser als er tatsächlich ist.»
Stöckli selbst verfügt über einen breiten kirchlichen Hintergrund. Aufgewachsen in einem katholischen Umfeld, wechselte er als junger Erwachsener in eine Freikirche und besuchte eine Bibelschule. Dort fehlte ihm die theologische Tiefe, also entschied er sich für ein Theologiestudium. Erst in Berlin an der Humboldt-Universität, später in Zürich.
Er lebt für das Zwischenmenschliche. Privat schon lange als Schauspieler aktiv, war er während seines Praxissemesters in der Gefängnisseelsorge tätig. Und weil sich die Gelegenheit ergab, blieb er gleich neun Monate als Stellvertreter. Stöckli spricht von seinem «Wunschberuf», die Arbeit habe er als unglaublich wertvoll empfunden. Das Pfarramt bleibt aber sein Fernziel.
Der Weg dahin ist nicht schnurgerade. Längeres Praxissemester, Vaterschaft und nun neuer Nachwuchsförderer, das alles verlängert sein Studium um weitere drei bis vier Jahre. Seine Umwege, sagt er, seien heute nicht ungewöhnlich: «Viele Pfarrpersonen haben keine lineare Biografie mehr.»
Anknüpfen an den Fragen der Jugend
Sein Werdegang hilft ihm bei der Nachwuchswerbung. Nebst den kirchennahen Jugendlichen trifft er an den Kantonsschulen auf jene, denen er das Studium zuerst einmal erklären muss. «Viele wissen gar nicht, was Theologie ist und fragen, ob das etwas mit Steinen, der Geologie, zu tun hat», sagt Stöckli. Andere haben vor Augen, was sie aus dem katholischen Kontext kennen: «Ah, Pfarrer, dann darfst du nicht heiraten?» Die reformierten Bilder seien da oft weniger verbreitet.
Entscheidend sei, an die Lebensrealitäten der jungen Menschen anzudocken: ethische Fragen, Umwelt, gesellschaftliche Spannungen, die Frage nach Gut und Böse. «Das Interesse an Spiritualität ist da, aber Religion als Institution ist für viele schwierig», so seine Beobachtung.
Was Theologie für sie bedeuten könnte, werde den meisten erst im persönlichen Kontakt bewusst. Theologie sei eben kein Studium wie Betriebswirtschaftslehre, sagt Stöckli. «Es löst etwas in dir aus.» Immer gehe es um die Frage: Wie stehe ich selbst zu einem bestimmten Thema? «Das führt zu Resonanz. Das kann anstrengend sein, aber die Jugendlichen, die ich treffe, sind nicht zu faul zum Denken.»
Pfarrpersonen als Multiplikatoren
Die Wirkung seines Marketings ist schwierig zu messen. «Man redet am Stand miteinander, und vielleicht trifft man dieselbe Person Jahre später im Studium. Ob es dann wegen uns war? Das wissen viele selber nicht genau.»
Studien zeigen: Sechs bis neun positive Begegnungen mit kirchlichen Menschen oder theologischen Inhalten ebnen klassischerweise den Weg ins Studium. Pfarrpersonen spielen dabei eine Schlüsselrolle. Auch im negativen Sinn: Schlechte Erfahrungen können ein Studium oder Vikariat zum Scheitern bringen.
Bei Stöckli selbst war es ein Pfarrer, dem er über die Schulter schauen durfte. «Ich wollte schon immer etwas mit Menschen machen. Bei ihm sah ich: Der Beruf ist vielseitig, selbstbestimmt und die theologische Arbeit macht Freude.»
Die eigentliche Nachwuchsförderung beginnt schon in der Jugendarbeit der Kirchgemeinden. «Je nach Projekt bindet man Pfarrpersonen auch in die Werbung ein», sagt Stöckli. Nicht alle fühlen sich wohl dabei. «Gewisse sehen sich als Diener am Wort und betrachten Werbung und Kirche ein wenig als Widerspruch.»
Aufmerksamkeit, aber nicht zu jedem Preis
Klar ist: Die Kirche hat bezüglich Werbung höhere moralische Ansprüche. «Wir müssen Aufmerksamkeit generieren, um unsere Botschaft platzieren zu können. Aber es darf nicht plump daherkommen.» Die Frage nach dem Wie stellt sich vor allem in den sozialen Netzwerken. Der Auftritt darin soll in den nächsten Jahren ausgebaut werden.
Am Refine-Festival hatte man eine Dartscheibe und eine Säule mit der Frage «Was bewegt dich?» aufgestellt. Der Weissraum darauf war schnell vollgekritzelt, die Dartscheibe laufend bespielt. Stöckli ist sich bewusst: «Viele kamen wohl nicht aus Interesse an der Theologie dorthin, sondern wollten einfach Spass haben.»
Auch an freikirchlichen Veranstaltungen zeigt man Präsenz. Dort gehe es vor allem um einen Dialog: «Viele fragen sich, ob sie mit ihrer tiefen Spiritualität in der reformierten Kirche Platz finden.» An den obligatorischen Perspektiventagen zu Beginn des Theologiestudiums versuche man deshalb aufzuzeigen: So wie du bist, wirst du einen Ort finden. «Es ist sogar erwünscht, nicht in einen Mainstream zu rutschen. Die theologische Bandbreite ist gross: von sehr liberal bis konservativ.» In den letzten Jahren nahm der Anteil Studierender mit freikirchlichem Hintergrund zu.
Studium zwischen Tradition und Reform
Das Latein bleibt aber für viele eine Hürde. «Die wenigsten finden das supertoll», sagt Stöckli trocken. Zwar gebe es Software zur Unterstützung, dennoch sei es ein Hindernis. Gut möglich, dass sich das bald ändert: Eine Studienreform steht im Raum und damit verbunden eine mögliche Anpassung des Curriculums auf 2027, eventuell mit einem fakultativen Latinum (ref.ch berichtete).
Die Quereinsteiger, an den Unis Basel und Zürich Quest, in Bern Ithaka genannt, sieht Stöckli als Bereicherung. «Der Gegenwind zu Beginn hat sich gelegt.» Diese Studierenden hätte bereits eine berufliche Karriere hinter sich: «Sie stellen andere Fragen, haben einen anderen Horizont und sind genauso gute Pfarrer wie jene, die geradlinig studiert haben.» Entsprechend sieht er auch dem Plan P mit einer gewissen Gelassenheit entgegen.