Künftig ohne Latein zum Theologie-Abschluss?
«Wir haben ein gigantisches Problem.» Das sagt Thomas Schaufelberger, Leiter Aus- und Weiterbildung Pfarrschaft der reformierten Landeskirche Zürich, wenn er auf die kommenden Pensionierungen von Pfarrleuten blickt. «Die Zahl steigt in den nächsten Jahren enorm», erläutert Schaufelberger. Waren es vor 2021 noch weniger als fünf Pensionierungen pro Jahr, werden es dieses Jahr bereits 14 sein, in zwei Jahren gar 32. «Bis 2030 werden 70 Prozent unserer Pfarrpersonen nicht mehr da sein», sagt Schaufelberger. Es sei ein gewaltiges Loch, das es zu stopfen gebe.
Dabei entscheiden sich nur wenige junge Menschen für ein Theologiestudium. Die Anmeldungen verharren seit Jahren auf tiefem Niveau. An den theologischen Fakultäten von Zürich, Basel und Bern haben 2021 insgesamt 45 Personen ein Studium aufgenommen, Quereinsteigende mitgezählt, sind es 52 Studierende. «Wir arbeiten seit über zehn Jahren an einer Lösung. Aber wir müssen jetzt dringend zusätzliche Massnahmen an die Hand nehmen», betont Schaufelberger.
Nicht nur die Zürcher Landeskirche will, dass sich die Situation verbessert. Vertreterinnen der Theologischen Fakultäten und Vertreter verschiedener weiterer reformierter Landeskirchen haben an einer Fachtagung im November mögliche Lösungsansätze aufgezeigt. «Das war ein bemerkenswertes Treffen. In einem konstruktiven Dialog wurden von allen Beteiligten konkrete strategische Massnahmen diskutiert – ohne Tabus», sagt Schaufelberger.
Kein «Theologie-Studium light»
Tatsächlich dürften die Vorschläge in der reformierten Landschaft für Diskussionen sorgen. Um die Pfarrausbildung attraktiver zu machen, sollen Studierende nämlich die Möglichkeit haben, bereits mit einem Bachelor in den pastoralen Dienst einzusteigen. Der Master soll berufsbegleitend absolviert werden können. Dabei müsste geklärt werden, ob neue Berufsfelder im Pfarramt entstehen, ob das Bachelor-Studium und die kirchliche Ausbildung ein neues Curriculum entwickeln müssen und ob Latein noch obligatorisch bleibt.
An der Tagung dabei war auch Benjamin Schliesser, Professor der Theologischen Fakultät der Universität Bern. «Wir befinden uns in einer Notlage. Deshalb muss offen über alles diskutiert werden können», sagt er. Doch wird das künftige Theologie-Studium zugunsten von mehr Absolventinnen zu einem «Theologie-Studium light»?
Schliesser verneint. «Es muss ein akademisches Studium mit hohem Anspruch bleiben. Wir benötigen auch in Zukunft Pfarrpersonen mit einer hohen theologischen Kompetenz.» Ein stärkerer Praxisbezug und ein früherer Berufseinstieg könnten aber dazu beitragen, das Studium attraktiver zu gestalten und mehr Studienanfänger anzuziehen, meint Schliesser.
Veraltetes Bild schreckt ab
Kein Latein lernen, früher in den Beruf einsteigen. Reicht das, um die Studierenden für die Theologie zu begeistern? Eine, die das einschätzen kann, ist Barbara Schlunegger von der Nachwuchsförderung Theologie. Tatsächlich würden viele von den Sprachen abgeschreckt, sagt Schlunegger. Deshalb begrüsse sie es sehr, dass die Abschaffung von Latein zur Debatte stehe.
Das Berufsbild stehe stark im Wandel. In vielen, auch jungen Köpfen, geistere vor allem das Bild der Landpfarrerin herum, die für alles zuständig sei und kein Privatleben habe. Dass es unterdessen aber auch viele urbane Pfarrstellen gibt und man immer häufiger im Team und nach Kompetenzen und Begabungen arbeiten kann, sei öffentlich noch nicht angekommen.
Es sei auch eine Herausforderung, Interesse für einen Beruf zu wecken, bei dem man nicht wisse, in welche Richtung er sich entwickle. «Wie will ich ein Produkt verkaufen, das im Werden ist?», fragt die Projektleiterin. Die unklare Perspektive sei mit vielen Unsicherheiten verbunden.
Damit mehr Menschen Theologie studieren, bedürfe es einer grundlegenden Studienreform: «Weniger historisches Wissen, mehr Transfer-Kompetenz», sagt Schlunegger. «Wir können es uns nicht länger leisten, einem Pfarrideal nachzutrauern, das dem antiken Bildungsideal des Universalgenies entspringt.»
Ob und falls ja wie rasch das Theologie-Studium tatsächlich reformiert wird, ist offen. Anfang des kommenden Jahres werden die Ideen in einer universitären Fachgruppe beraten. Sicher ist: Allzu lange Zeit sollten sich die kirchlichen Institutionen nicht mehr lassen.