Lieblose Flüchtlingspolitik
Die Landsgemeinde der Jungen Kirche am 30. August 1942 war ein Grossereignis. 6000 Mitglieder der reformierten Jugendorganisation kamen im Zürcher Hallenstadion zusammen. Auf dem Programm standen unter anderem Staffelläufe – die Junge Kirche unterstützte die körperliche Ertüchtigung ihrer Mitglieder – und ein hoher Besuch. Niemand geringeres als Eduard von Steiger, Bundesrat und Vorsteher des Justizdepartements, sollte am Nachmittag eine Rede halten.
Auf der ganzen Welt tobte zu diesem Zeitpunkt ein Krieg, an dem sich unzählige Staaten beteiligten. Während die Alliierten im Kampf gegen die Achsenmächte langsam die Oberhand gewannen, trieben die Nationalsozialisten und ihre Verbündeten den Genozid an der jüdischen Bevölkerung unerbittlich voran – sechs Millionen Menschen sollten ihm zum Opfer fallen.
Tausende von ihnen suchten und fanden Schutz in der Schweiz. Doch zwei Wochen vor der Landsgemeinde der Jungen Kirche beschloss der Bundesrat, jüdische Flüchtlinge an der Grenze abweisen zu lassen. Schon damals hatten die Schweizer Behörden Kenntnis von Massenerschiessungen und der Situation in den Ghettos. Dennoch fürchteten sie sich – besonders aus antisemitischen Vorurteilen – vor einer «Überfremdung». Für Betroffene kam die Entscheidung einem Todesurteil gleich.
Eduard von Steiger rechtfertigte die Grenzschliessung in seiner Rede mit einer Analogie, die bis heute in öffentlichen Debatten verwendet wird: Die Schweiz als kleines Rettungsboot könne unmöglich die tausenden Opfer einer Schiffskatastrophe aufnehmen. «Unter Umständen muss man hart und unnachgiebig scheinen», sagte er vor den tausenden jungen Zuhörern in Oerlikon. Dabei sei es menschlich, nur diejenigen zu retten, die bereits aufgenommen worden seien.
Der reformierte Pfarrer Walther Lüthi sah das anders. Mitglieder der Jungen Kirche hatten ihn gebeten, ebenfalls eine Rede zu halten. Der Pfarrer betreute in Basel unter anderem Soldaten, die Juden an der Grenze abweisen mussten und darunter litten.
In historischen Bildern greift die Redaktion Momente der Zeitgeschichte auf, die in der reformierten Landschaft Relevanz haben. Die Texte in der Rubrik «Zeitzeuge» erscheinen in loser Folge. (red)
Noch vor dem Auftritt von Eduard von Steiger konterte Lüthi dessen Argumente. Der Beschluss des Bundesrats sei lieblos, heuchlerisch und undankbar, sagte er in seiner Rede mit dem Titel «Widerstehet». Lieblos, weil in der Schweiz selbst während des Krieges noch Tausende wohlgenährte Hunde gefüttert würden. Heuchlerisch, weil die Schweiz nicht müde werde, ihren Einsatz für die Menschlichkeit zu betonen. Und undankbar, weil die Schweiz «wie durch ein Wunder» von diesem Krieg verschont geblieben sei. «In den Hilfesuchenden, denen wir den Zutritt verweigern, weisen wir Christus von unseren Grenzen zurück, so wahr er sich mit 'diesen seinen geringsten Brüdern' solidarisch erklärt hat.», sagte Lüthi.
Den Bundesrat konnte Lüthi damit nicht umstimmen. Erst im Juli 1944 hörte die Landesregierung auf, zwischen jüdischen und anderen Menschen auf der Flucht zu unterscheiden. Die Aufarbeitung der Schweizerischen Flüchtlingspolitik sollte aber noch Jahrzehnte dauern.