Tödlicher Irrtum
Die Kirche steht noch, doch etwas oberhalb liegt alles in Schutt und Asche. Feuerwehrleute, Zivilschutz-Soldaten und zivile Helfer durchforsten das Trümmerfeld und suchen nach Überlebenden. Doch das Ausmass der Zerstörung macht schnell klar: Hier ist niemand mehr zu retten.
Es ist der 22. Februar 1945, im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs. Die alliierten Streitkräfte wollen Nazi-Deutschland mit einem massiven Luftangriff in die Knie zwingen, indem sie aus der Luft Transportwege und Versorgungsbrücken zerstören und so den feindlichen Nachschub an Truppen und Material unterbinden. Auch die britische Luftwaffe beteiligt sich an der Operation «Clarion», dem grössten und weiträumigsten anglo-amerikanischen Luftangriffsmanöver des Zweiten Weltkriegs. Hunderte Bomber sind Richtung Berlin und zu weiteren deutschen Grossstädten unterwegs, aber auch im Süden des Landes entlang der Schweizer Grenze.
Für die Piloten sind die Grenzen schwer auszumachen. Der Rhein dient an diesem Mittag des 22. Februars zwar als Orientierungshilfe. Dass das nördlich des Flusses gelegene Rafz aber noch zur Schweiz gehört, wissen die US-amerikanischen Piloten vermutlich nicht. Ebensowenig scheint den Dorfbewohnern die drohende Gefahr bewusst gewesen sein – zumindest einem Teil. «Als sich um 12.45 Uhr eines der Flugzeuge von Nordosten her Rafz näherte», schreibt die NZZ am Tag nach dem Abwurf auf der Titelseite, habe die Bevölkerung «halb geängstigt, halb voller Spannung» dem Vorgang zugeschaut.
Unweit der Kirche sitzt zu diesem Zeitpunkt eine Rafzer Familie am Tisch ihres Chalets: Jakob Sigrist, seine Frau, deren Schwester und seine Kinder Melanie, Jakob, Verena, Heinz und Hans Rudolf. Jakob Sigrist ist Sägereiarbeiter und im Nebenberuf Kassier der Allgemeinen Schweizerischen Kranken- und Unfallkasse Sektion Rafzerfeld. In der reformierten Kirchgemeinde engagiert er sich als Organist.
In historischen Bildern greift die Redaktion Momente der Zeitgeschichte auf, die in der reformierten Landschaft Relevanz haben. Die Texte in der Rubrik «Zeitzeuge» erscheinen in loser Folge. (red)
Wie die NZZ erfährt, isst die Familie gerade zu Mittag – «da geschieht das Schreckliche». Einer der Flieger wirft versehentlich Bomben über der Schweizer Gemeinde ab. Neun bis zehn Stück dürften es gewesen sein, mutmasst die Zeitung: «In einer dichten Reihe von Einschlägen, hundert Meter hinter der Kirche und der Häusergruppe, die sie umgibt.» Das Haus der Familie Sigrist wird getroffen – und komplett zerstört. Alle acht Personen werden getötet.
Rafz ist nicht die einzige Schweizer Gemeinde, die nach dem Luftmanöver Todesopfer zu beklagen hat. In Stein am Rhein SH und Vals GR sterben weitere 11 Menschen. Basel und Schaffhausen vermelden Sachschäden.
Nach dem Angriff spricht ein Vertreter der US-amerikanischen Regierung bei Bundesrat Max Petitpierre vor und äussert sein Bedauern für den tödlichen Fehler. Es war nicht das erste Mal, dass sich die Alliierten im Laufe des Zweiten Weltkriegs bei der Schweizer Regierung entschuldigten. Am 1. April 1944 hatten amerikanische Flugzeuge irrtümlicherweise Schaffhausen angegriffen. 40 Menschen kamen ums Leben. Nach dem Abwurf hatten die Alliierten versprochen, alle Vorsichtsmassnahmen zu treffen, um eine Wiederholung solcher Irrtümer zu vermeiden.