Versöhnliches Ende
Wer kennt die Szene nicht? Hand in Hand betreten Heidi und ihr Grossvater, der Alpöhi, die Dorfkirche, um sich unter die Gottesdienstbesucher zu mischen. Der jahrelange Streit zwischen dem mürrischen Alten, den man fälschlicherweise für eine Feuersbrunst verantwortlich machte, und den Dorfbewohnern ist endlich beigelegt – dank Heidi. Versöhnt stimmt die Gemeinde ein in das Lied «Dein Wort ist unser höchstes Gut, es schenkt uns Kraft und Leben».
Die Verfilmung des Kinderbuch-Klassikers von Johanna Spyri wurde 1952 von dem italienisch-schweizerischen Regisseur Luigi Comencini umgesetzt und gilt bis heute als eine der gelungensten Heidi-Adaptionen. Auch kommerziell war «Heidi» ein voller Erfolg. Um auch das Publikum in Deutschland anzusprechen, hatte die Produktionsfirma Praesens-Film neben Schweizer Akteurinnen einige bekannte deutsche Schauspieler engagiert. Ein kluger Schachzug, sollte der Film doch über 600'000 Besucherinnen in die deutschen Kinos locken.
Für die Rolle der Heidi und des Geissenpeter setzte Regisseur Comencini hingegen auf Laiendarsteller. Gemeinsam mit seinem Kameramann besuchte er vor den Dreharbeiten Dutzende von Schulen, um die passende Heidi zu finden. Im Filmatelier in Zürich habe ein Kommen und Gehen von Kindern geherrscht, «die bereits davon träumten, Heidi zu sein», schrieb die NZZ. Die Wahl fiel schliesslich auf Elsbeth Sigmund, eine zehnjährige Schülerin aus Kemptthal bei Winterthur.
Dem lebensfrohen Heidi gelingt schliesslich, was der Pfarrer vergeblich versucht hat: den verbitterten Grossvater und die Dorfgemeinschaft wieder zusammenzuführen. Die letzte Szene in der Kirche (gespielt in der reformierten Kirche Bergün) kommt ohne Dialog aus. In den Regieanweisungen von 1952 heisst es dazu: «Blick durch die ganze Kirche, womöglich mit Kanzel im Vordergrund. In dieser Enstellung treten Alp-Oehi und Heidi nicht mehr besonders ins Erscheinung; sie sind Glieder der einen Gemeinde geworden».
Über sechzig Jahre später wird das Bündner Dorf Latsch noch einmal zum Schauplatz einer Heidi-Verfilmung. Alain Gsponers Remake aus dem Jahr 2015 mit Bruno Ganz als Alpöhi wird gar zu einem der erfolgreichsten Schweizer Filme aller Zeiten. Die schmucke romanische Kirche von Bergün spielt darin allerdings keine Rolle mehr.