Gigantisches Himmelsschiff
Ein riesiges Luftschiff, das scheinbar knapp an der Turmspitze des Grossmünsters vorbeifliegt: Dieses oder ähnliche Bilder waren zwischen 1929 und 1934 immer wieder am Schweizer Himmel zu sehen. Es war die Blütezeit der Zeppeline, die von ihrer Basis am Bodensee aus immer wieder zu Testfahrten über die Schweiz starteten. Im selben Jahr, als «Graf Zeppelin» über Zürich flog (Bild), umrundete das wohl berühmteste Luftschiff der Geschichte in sechs Etappen die Welt. Später flog es bei einer Besatzung von 45 Mann bis zu 25 gutbetuchte Passagiere auf einmal über den Ozean, meistens nach Brasilien oder Argentinien. Die Reise mit dem Luftschiff war damals die schnellste Art, um von Europa nach Südamerika zu kommen.
Vor allem aber war das Luftschiff eine riesige Attraktion für die Menschen, die vom Boden aus zusahen. Kein Wunder, befand sich damals die Luftfahrt doch noch in den Kinderschuhen. Ausserdem war das Luftschiff im Vergleich zu Flugzeugen ein Gigant und flog erst noch relativ nahe am Boden. Mit 236 Metern war «Graf Zeppelin» viermal so lang wie heute ein moderner Airbus A380. So häufig hierzulande Überflüge waren, so selten waren Landungen. Viermal setzte «Graf Zeppelin» insgesamt auf Schweizer Boden auf, was stets eine riesige Zuschauermenge anzog. Zur Ankunft auf dem Flugplatz Beundenfeld in Bern im Jahr 1930 kamen 45'000 Menschen.
Das Luftschiff hat eine bewegte Geschichte. Erfunden hat es ums Jahr 1900 Graf Ferdinand von Zeppelin. Der Adlige opferte für den Bau angeblich das Vermögen seiner Frau, sammelte Spenden und tüftelte viele Jahre, ehe es erstmals mehrere Stunden am Stück am Himmel bleiben konnte. Gesteuert wurde das starre Megaluftschiff, das aus einem Aluminium-Skelett bestand und mit Wasserstoff aufgefüllt wurde, durch einen mit Benzin oder Gas betriebenen Motor. Skeptiker und Neider nannten den Adligen den «Narr vom Bodensee». Der Graf hatte aber auch viele Bewunderer. Bis zu seinem Tod im Jahr 1917 war nur der Kaiser berühmter als er, heisst es.
In historischen Bildern greift die Redaktion Momente der Zeitgeschichte auf, die in der reformierten Landschaft Relevanz haben. Die Texte in der Rubrik «Zeitzeuge» erscheinen in loser Folge. (red)
Die starren Luftschiffe blieben aber noch lange danach eine Attraktion – bis im Jahr 1937 der «Graf Zeppelin»-Nachfolger «Hindenburg» in der Nähe von New York verunfallte. Beim Landeanflug hatte sich der Wasserstoff entzündet, mit dem der Zeppelin gefüllt war, worauf 36 der 97 Insassen starben. Die verbleibenden Luftschiffe, darunter auch «Graf Zeppelin», wurden während dem zweiten Weltkrieg gesprengt, da sie nicht für militärische Zwecke geeignet waren.
Erst seit 1993 sind zeitweise wieder Luftschiffe über dem Schweizer Himmel zu sehen. An der früheren Wirkungsstätte des Grafen in Friedrichshafen entwickelten Luftschiff-Begeisterte einen Zeppelin, der statt mit Wasserstoff mit dem nicht entzündlichen Helium gefüllt ist. Auch Passagiere können wieder einsteigen – wenn auch nur für Rundflüge über den Bodensee und nicht mehr für Reisen um die Welt.