Theologie
Der neue Mann im Kloster ist ein Weltenbummler
Das Zürcher Säuliamt ist eine ländliche Gegend. An den Kantonsgrenzen zu Aargau und Zug gelegen, prägen kleine Dörfer das Bild. Kappel am Albis hat zum Beispiel knapp 1350 Einwohner – aber nur deshalb, weil die Nester Uerzlikon und Hauptikon zur Gemeinde gehören. Doch Kappel hat auch ein Kloster und ist damit ein geschichtsträchtiger Ort.
Das Kloster Kappel stammt aus dem 12. Jahrhundert. Vor rund 500 Jahren begann ein gewisser Heinrich Bullinger die Zisterziensermönche zu unterrichten. Er machte sie mit den Ideen der Reformatoren bekannt und kurz darauf legten die Mönche ihre Kutten ab. Hier assen reformierte und katholische Truppen die Kappeler Milchsuppe, hier fiel bei deren zweitem Aufeinandertreffen Bullingers Freund Ulrich Zwingli im Kampf. Heute nutzt die reformierte Zürcher Landeskirche den Ort als Seminarhaus.
Von Bern nach Kappel am Albis
Der neue theologische Leiter des Klosters Kappel ist Andreas Nufer. Er tritt seine Stelle Anfang Februar an. Für den 60-Jährigen schliesst sich ein Kreis: Er wuchs im Kanton Zürich auf, jetzt ist er wieder da. In der Zwischenzeit arbeitete er in St. Gallen, war sieben Jahre in Brasilien und 13 Jahre in der Heiliggeistkirche beim Bahnhof Bern.
Als ihn ref.ch zum Gespräch trifft, bereitet er den Umzug in seine neue Wohnung in der Stadt Zürich vor. Die Berner WG, in welcher der Vater dreier erwachsener Kinder wohnte, wird gerade aufgelöst.
Am Cafétisch sitzt er als interessierter Gesprächspartner mit freundlichem Blick und einem Armbändchen am Handgelenk, auf das eine Kaurimuschel aufgezogen wurde.
Bald wird er auf dem Land arbeiten, an einem Ort, der vorübergehend «Haus der Stille» hiess. Nufer freut sich darauf. «Es ist gut, ein bisschen aus dem Wind zu sein», sagt der fast schon prototypische City-Pfarrer: Ob St. Gallen, Bern oder Belém – Andreas Nufer war immer mittendrin, immer auf der Seite der Bedürftigen und nie um eine Antwort auf eine politische Frage verlegen. «Wenn mich jemand nach meiner Meinung fragte, habe ich mich geäussert», sagt er. Selten habe er von sich aus Stellung bezogen.
Einsatz für die Schwächsten
Aber wenn er es tat, dann mit vollem Einsatz. Nufer erzählt von einem folgenreichen Ereignis nach seiner Rückkehr aus Brasilien. Drei Männer hätten an der Pfarrwohnungstür geläutet. Er öffnete und erfuhr im Gespräch mit ihnen, dass sie Geflüchtete waren, die ihre Unterkunft verloren hatten. «Der Bundesrat hatte damals gerade die Einführung der Nicht-Eintretensentscheide im Asylverfahren beschlossen. Das führte unter anderem dazu, dass Geflüchtete nur Nothilfe statt Sozialhilfe bekamen und auf der Strasse standen», erinnert er sich.
Nufer bat sie herein auf eine Tasse Kaffee, informierte sich genauer über das Thema und liess die drei Geflüchteten in seinen vier Gottesdiensten am folgenden Wochenende ihre Geschichte erzählen. Die Gemeindemitglieder waren ebenso betroffen, wie Nufer es gewesen war: «Dass so etwas bei uns in der Schweiz geschehen kann.»
Die Aktion des Pfarrers trug Früchte: «Eine Woche später haben wir in St. Gallen das Solidaritätsnetz gegründet», erzählt er. Weitere zwei Wochen später sei daraus bereits das Solidaritätsnetz Ostschweiz geworden. Dieses setzt sich nun seit zwanzig Jahren für eine «menschenwürdige Asyl- und Migrationspolitik» ein, wie die Organisation es selbst beschreibt.
Prägende Erfahrungen in Brasilien
Es ist kein Zufall, dass sich dies nach Nufers Rückkehr aus Südamerika abspielte. Er hatte häufig in den Armenvierteln von Belém zu tun, die Grundsätze der Befreiungstheologie waren durch Erfahrungen für ihn erlebbar geworden und Nufer fragte sich, ob sich auch in der Schweiz Gott und die Kirche besonders den Armen zuwende. Nach Jahren der Arbeit mit Menschen am Rand der Gesellschaft, sagt Nufer: «Ich wollte das gar nicht unbedingt beantworten und will es noch immer lieber als Frage behalten.»
Die Jahre in Brasilien, das er seine zweite Heimat nennt, prägt sein politisches Engagement über die Asylfrage hinaus. Nufer setzte sich für die Konzernverantwortungsinitiative ein, weil er mit eigenen Augen sah, welche Auswirkungen die Geschäfte der Unternehmen in Entwicklungs- und Schwellenländern haben. «Die Folgen sind gigantisch», sagt er, «auch darauf beruht unser Reichtum. Deshalb müssen wir es regeln.»
In seiner Funktion im Kloster Kappel wird sich Nufer voraussichtlich weniger politisch äussern können – für ihn kein Problem. Er hat sich vorgenommen, Impulse und Ideen aufzunehmen, um Räume zu schaffen, in denen etwas entstehen kann. «Wenn die Erwartungen und der Ort zueinanderpassen, entsteht eine Schwingung», davon ist Nufer überzeugt. In St. Gallen, Belém und in der Heiliggeistkirche habe er versucht, das zu erreichen – mit Erfolg. «Im Kloster Kappel werde ich es jetzt wieder versuchen.»