Krise in Afghanistan

«Ich erwarte von der EKS ein Zeichen der Betroffenheit»

Das Schweigen der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) zur Situation in Afghanistan hat einige Kirchenvertreter irritiert. Sie sehen die EKS in der Pflicht sich zu äussern. Diese kündigt nun ein Statement an.

Unzählige Menschen versuchen zum Flughafen Kabul zu gelangen, um aus Afghanistan zu flüchten. (Bild: Keystone/epa/Akhter Gulfam)

Die Bilder vom Flughafen in Kabul haben auch kirchliche Kreise in der Schweiz aufgerüttelt. So haben das «Netzwerk Migrationscharta» und das Hilfswerk Heks einen Appell an den Bundesrat gerichtet, in dem sie die Aufnahme von Flüchtlingen fordern. Nichts zu hören war von der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS). Sie liess gegenüber ref.ch verlauten, dass sie sich nicht äussern werde.

Dies hat bei vielen Kirchenvertretern Unverständnis ausgelöst, wie auch in den sozialen Medien spürbar war. Pfarrerin Verena Mühlethaler vom «Netzwerk Migrationscharta» ist enttäuscht. «Ich erwarte von der offiziellen Stimme der Reformierten ein Zeichen der Betroffenheit. Das ist doch das Minimum.» Ganz ähnlich reagiert Christoph Knoch, Pfarrer in Muri-Gümligen und Mitglied der Synode der EKS: «Ich bin irritiert und verstehe es nicht. Menschenrechts- und Flüchtlingsfragen sind zentrale Themen für die Kirche.» Pfarrer Andreas Nufer vom «Netzwerk Migrationscharta» berichtet sogar von «allgemeinem Kopfschütteln». Nach dem Sonntagsgottesdienst seien mehrere Personen zu ihm gekommen und hätten ihr Unverständnis ausgedrückt.

Christoph Knoch vermutet, dass das Schweigen der EKS mit Nachwehen der Abstimmung über die Konzernverantwortungsinitiative zu tun haben könnte. Vielleicht wolle sich die EKS nicht erneut politisch exponieren.

EKS will sich Bild der Situation machen

Die EKS selbst argumentiert anders. Auf Nachfrage hält sie fest, dass die bisherige Zurückhaltung nicht Untätigkeit bedeute. «Das Leid und die Ungewissheit der Menschen vor Ort, darunter Frauen und Kinder, wühlen auf», so der Kommunikationsverantwortliche Dominic Wägli. Eine überstürzte Formulierung von Forderungen habe aus Sicht des Rates jedoch keinen Sinn. Zuerst wolle man sich ein Bild der Situation machen. Dafür nutze die EKS die Beziehungen zu den Bundesbehörden, um sich «die nötigen Informationen aus erster Hand zu holen».

Es brauche auch weitere Abklärungen, etwa welche Partner der EKS Erfahrungen mit Afghanistan und geflüchteten Menschen aus Afghanistan haben und ob schon Beziehungen bestehen, an welche die EKS anknüpfen könnte. Weiter wolle man prüfen, welche politischen Forderungen Sinn machten und wo die Kirche unterstützen könne. Danach werde die EKS sich äussern, kündigt Dominic Wägli an.

«Ich erwarte, dass die EKS Sorge ausdrückt»

Ein Appell oder zumindest ein Votum der EKS in Sachen Afghanistan wäre dringend nötig, finden die Kritiker. Christoph Knoch: «Aus nachvollziehbaren Gründen müsste die Kirche ja keine exakten Zahlen nennen, wie viele Flüchtlinge aufgenommen werden sollen, oder grössere Forderungen stellen. Aber ich erwarte, dass die EKS zumindest Bestürzung und Sorge ausdrückt.»

Andreas Nufer wünscht sich darüber hinaus einen direkten Appell an den Bundesrat für die Aufnahme von Flüchtlingen. Auch finanzielle Unterstützung von engagierten Kirchgemeinden durch die EKS fände Nufer sinnvoll.

Kirche engagiert sich bereits

Denn an der Basis ist das Engagement für Afghanistan deutlich spürbar. So pflegt die Kirchgemeinde Heiliggeist, wo Andreas Nufer als Pfarrer tätig ist, seit langem Kontakt zu afghanischen Flüchtlingen. Man unterstütze sie im Alltag, etwa bei der Wohnungs- oder Stellensuche, so Nufer. Das «Netzwerk Migrationscharta» setzt sich unter anderem für die Aufnahme von Flüchtlingen und für den Familiennachzug ein. Die Kirchgemeinde Muri-Gümligen hat signalisiert, dass sie bereit ist, Geflüchtete aufzunehmen.

Dominic Wägli verweist denn auch auf das Engagement der gesamten Kirche. Die EKS sei immer die Summe verschiedener Akteure, die sich ergänzten. In Bezug auf Afghanistan sei die Kirche auf verschiedenen Ebenen aktiv.

Ob die angekündigte «Äusserung» der EKS die Kritiker befriedigt, ist offen. Es ist zu erwarten, dass an der ausserordentlichen Synode der EKS Anfang September entsprechende Fragen gestellt werden.