150. Geburtstag von Clara Ragaz

Die unermüdliche Pazifistin

Vor 150 Jahren kam die Frauenrechtlerin und Friedensaktivistin Clara Ragaz-Nadig zur Welt. Trotz Weltkriegen und atomarem Wettrüsten gab sie den Glauben an eine bessere Welt nie auf.

Das Ehepaar Clara und Leonhard Ragaz an einem Treffen des Versöhnungsbundes in Dänemark im Jahr 1923. (Bild: Schweizerisches Sozialarchiv)

Der letzte Krieg auf Schweizer Boden lag gerade erst 27 Jahre zurück, da erblickte Clara Nadig 1874 in Chur das Licht der Welt. Die Industrialisierung hatte auch den jungen Bundesstaat erfasst und sorgte für einen gewaltigen sozialen, politischen und technologischen Umbruch. Nadig sollte sich ihr Leben lang damit beschäftigen – als scharfsinnige Beobachterin des Zeitgeschehens und als Verfechterin eines religiösen Sozialismus. Am 30. März jährt sich ihr Geburtstag zum 150. Mal.

«Bis heute gibt es keine Erinnerung an Clara Nadig im öffentlichen Raum.»
Geneva Moser, Co-Redaktionsleiterin «Neue Wege»

Ihre theologischen Überzeugungen hätten sie stets dazu bewogen, die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht auf ein Jenseits zu richten, sondern sich im Hier und Jetzt für eine gerechtere Welt einzusetzen, sagt Geneva Moser, Co-Redaktionsleiterin der sozial-religiösen Zeitschrift «Neue Wege».

Die Redaktion hat ihrer Kollegin aus früheren Zeiten ein Heft gewidmet und organisiert im Oktober ein dreitägiges Festival in Zürich. «Bis heute gibt es keine Erinnerung an Clara Nadig im öffentlichen Raum», sagt Moser. Im Jubiläumsjahr wolle man deshalb auf sie aufmerksam machen.

Nadig wuchs mit drei Schwestern in einer bürgerlichen Familie auf. Ob sie schon durch ihr familiäres Umfeld politisiert wurde, sei nicht klar, erzählt Moser. «Allerdings hat ihre Patentante Marie Beeli im Kanton Graubünden den ersten Verein gegründet, der sich für das Frauenstimmrecht einsetzte.» Zudem sei überliefert, dass sich Nadig mit dem Roman «Die Waffen nieder!» der österreichischen Pazifistin Bertha von Suttner befasst habe, der 1889 publiziert worden war.

Über die Bildung zum Engagement

Als Jugendliche absolvierte Nadig die Ausbildung am Lehrerinnenseminar in Aarau. Nach Abschluss arbeitete sie als Hauslehrerin in England und Frankreich, bevor sie wieder nach Chur zurückkehrte. Ihre internationale Erfahrung und ihre ausgezeichneten Sprachkenntnisse sollten sich später als äusserst wertvoll für ihr Engagement erweisen.

In der Heimat unterrichtete sie an der Sonntagsschule und lernte so den Stadtpfarrer Leonhard Ragaz kennen, der sich in sie verliebte. Als Ragaz sieben Jahre später den Mut fand, um Nadigs Hand anzuhalten, lehnte sie ab – sie empfinde eher Freundschaft als Liebe für ihn.

«Ich muss den Neid der Götter fürchten.»
Leonhard Ragaz, Pfarrer und Ehemann von Clara Ragaz

Ein intensiver Briefwechsel über Weltanschauungen und Lebensziele folgte. Schliesslich änderte Nadig ihre Meinung aus unbekannten Gründen. Leonhard Ragaz schrieb daraufhin seinem Bruder. «Clara ist die Perle von Chur, weitaus das leuchtendste weibliche Wesen, das ich je gesehen; ein Glück, nur viel zu hoch für mich. Ich muss den Neid der Götter fürchten.» 1901 heirateten die beiden, um in den Worten von Geneva Moser für die nächsten Jahrzehnte das «Powercouple» der religiös-sozialen Bewegung zu werden.

«Kennzeichnend für ihre Beziehung war, dass Clara Ragaz immer ihre eigenen Tätigkeitsfelder hatte», sagt Moser – und zwar nicht im Privaten, sondern in der Öffentlichkeit und international, was zu dieser Zeit alles andere als eine Selbstverständlichkeit gewesen sei. Stets habe sie sich dabei auf die verschiedenen Ursachen von Armut und sozialer Ausgrenzung fokussiert, ohne dabei eine moralisierende Haltung einzunehmen, erzählt Moser.

So gründete Clara Ragaz mit Mitstreiterinnen den «Schweizerischen Bund abstinenter Frauen», der gegen Alkoholismus kämpfte, war Vorstandsmitglied der «Sozialen Käuferliga», die sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzte und organisierte 1909 die Schweizerische Heimarbeit-Ausstellung mit demselben Ziel. Ragaz hielt Vorträge über die soziale Stellung der Frau und Friedenspolitik. Noch vor ihrem Mann trat sie 1913 der Sozialdemokratischen Partei bei.

International vernetzt

Als die Welt 1915 mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges aus den Fugen geriet, betrat Clara Ragaz die internationale Bühne. Gemeinsam mit Frauenrechtlerinnen aus der ganzen Welt gründete sie die Vorläuferorganisation der «Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit» (IFFF) und wurde Präsidentin des Schweizer Zweigs. «Es handelte sich um ein weltweites Netz engagierter Frauen, aus dem drei Friedensnobelpreisträgerinnen hervorgingen», sagt Geneva Moser. Als Teilnehmerin und Organisatorin internationaler Konferenzen leistete Ragaz viel Vermittlungs- und Übersetzungsarbeit – sie beherrschte die drei häufigsten Konferenzsprachen Deutsch, Französisch und Englisch einwandfrei.

In der Zwischenkriegszeit zog Clara Ragaz mit ihrem Mann, der seine Theologieprofessur an der Universität Zürich aufgegeben hatte, ins Zürcher Arbeiterviertel Aussersihl. Ihr neues Zuhause an der Gartenhofstrasse 7 wurde zu einer Volkshochschule für die Arbeiterschaft und einem Zentrum der Friedensbewegung, die sich beispielsweise um die Einführung eines Zivildienstes bemühte. Ende der 1920er Jahre wurde Ragaz zur Co-Präsidentin der IFFF gewählt.

«Ich selbst werde ihn nicht aufgeben, solange meine Kräfte reichen.»
Clara Ragaz, Friedensaktivistin

Sie hielt auch an ihrem Engagement fest, als die Zeichen vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges schon wieder auf Krieg standen und sich pazifistische Organisationen dem Vorwurf ausgesetzt sahen, dem Kommunismus nahezustehen. So versuchten Schweizer Medien etwa, die IFFF als Agentin Moskaus zu diskreditieren. Als auch die SP ihren jahrelangen Widerstand gegen die Armee aufgab und sich 1935 für die militärische Landesverteidigung aussprach, trat Clara Ragaz gemeinsam mit ihrem Ehemann aus der Partei aus.

Verschrieb sie sich im Ersten Weltkrieg noch einem absoluten Pazifismus, war die Lage im Zweiten Weltkrieg komplexer. War bewaffneter Widerstand gegen Faschismus und Nationalsozialismus legitim? Ja, fand Clara Ragaz. «Schweren Herzens», sagt Moser. Ragaz liess sich von diesem ethischen Dilemma aber nicht entmutigen, sondern setzte sich für Flüchtlinge ein. Am Gartenhof fanden diese Aufnahme und Schutz vor der nationalsozialistischen Verfolgung. Noch heute ist das Haus Sitz des Schweizerischen Friedensrats, der 1945 als Dachorganisation zahlreicher pazifistischer Bewegungen gegründet wurde.

Aktiv bis ans Lebensende

Wenige Monate nach Ende des Zweiten Weltkriegs starb ihr Mann Leonhard Ragaz. Clara Ragaz, mittlerweile über 70 Jahre alt, blieb noch ein weiteres Jahr lang Co-Präsidentin der IFFF und Präsidentin des Schweizer Zweiges. «Es war eine Zeit grosser Erschöpfung für sie», sagt Moser. Das lebenslange Engagement, aber auch der Beginn des Kalten Krieges und der atomaren Aufrüstung dürften sie gezeichnet haben.

Trotzdem gab sie sich bei ihrer Abschiedsrede kämpferisch. «Darum hoffe ich, dass unsere Liga den Kampf, den sie vor drei Jahrzehnten so tapfer aufgenommen hat, auch weiterhin tapfer fortführen wird. Ich selbst werde ihn nicht aufgeben, solange meine Kräfte reichen», sagte sie. Mit Stift und Papier warb sie weiterhin für ihre Anliegen und zeigte sich überzeugt davon, dass nach ihr andere Menschen für den Frieden kämpfen würden.

Das war der Fall: Nicht nur ihre eigenen Kinder waren überzeugte Friedensaktivisten, auch gesellschaftlich und politisch haben sich viele Hoffnungen von Clara Ragaz nach ihrem Tod im Jahr 1957 erfüllt. Dazu gehören etwa die Unterzeichnung des Atomwaffensperrvertrags 1968 auf internationaler Ebene oder die Einführung des Frauenstimmrechts (1971) und des Zivildienstes (1996) in der Schweiz.

Zum Jubiläum von Clara Ragaz 150. Geburtstag sind zahlreiche Anlässe geplant, unter anderem Ausstellungen und ein Festival.