«Friedensarbeit ist ein Knochenjob»
Frau Famos, viele Menschen in der Schweiz, insbesondere auch in den Kirchgemeinden, haben ukrainische Flüchtlinge bei sich aufgenommen. Haben Sie Kontakt zu einer Person, die geflohen ist?
Nur indirekt. In meinem privaten Umfeld an meinem Wohnort in Uster leisten viele Menschen Hilfe für Ukrainerinnen. Freunde von mir haben Flüchtlinge aufgenommen.
Wie geht es diesen Menschen?
Die psychische Belastung für die Geflüchteten und die Menschen, die sie unterstützen, ist enorm gross. Das berührt mich sehr. Ich finde es wichtig, dass wir auch den Menschen zuhören, die Geflüchteten ein Zuhause geben. Denn auch sie kommen manchmal an Grenzen.
Ukrainische Flüchtlinge haben den Schutzstatus S bekommen. Deswegen war von einer Ungleichbehandlung im Asylwesen die Rede. Sollte anderen Flüchtlingen derselbe Status zugesprochen werden?
An unseren letzten Gesprächen mit dem Staatssekretariat für Migration war auch das ein Thema. Konkret geht es um eine Überprüfung der verschiedenen Aufenthaltsbewilligungen für Flüchtlinge. Wir hoffen, dass die neue Justizministerin, Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider, bald Zeit findet, diese Arbeit voranzubringen.
Rita Famos ist seit zwei Jahren Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) und die erste Frau in dieser Funktion. Im Sommer des vergangenen Jahres wurde sie in ihrem Amt bestätigt. Famos stammt aus dem Kanton Bern. Nach dem Theologiestudium in Bern und den USA war sie lange Gemeindepfarrerin in Uster, wo sie nach wie vor lebt. Sie ist verheiratet und hat eine erwachsene Tochter und einen erwachsenen Sohn. (bat)
Ein anderes politisches Thema sind Waffenlieferungen. Staaten wie Deutschland wollten der Ukraine in der Schweiz produzierte Waffen zur Verfügung stellen. Bisher liessen die Schweizer Gesetze das nicht zu. Müssen sie überarbeitet werden?
Es ist nicht an der EKS, die politische Haltung der Eidgenossenschaft zur Neutralität zu kommentieren. Klar ist für mich: Die Ukraine hat das Recht, sich zu verteidigen. Auch mit Waffen. Es gibt auch keine Neutralität bei Menschenrechtsverletzungen und völkerrechtswidrigen Interventionen. Ich war nie eine Anhängerin des absoluten Pazifismus, der etwa die Armee abschaffen will. Ein Staat muss seine Bevölkerung schützen und verteidigen können. Das ist im Übrigen kein Widerspruch dazu, sich für den Frieden einzusetzen.
Annette Kurschus, Ihr Pendant als Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, hat sich klar für Waffenlieferungen ausgesprochen. Warum sind Sie zurückhaltender?
Ich finde es gut und richtig, dass sich Annette Kurschus so klar geäussert hat. Sie hat sehr weise Worte gewählt, indem sie sagte, dass das Gebot «Du sollst nicht töten» auch bedeute, man dürfe nicht zusehen, wie unschuldige und wehrlose Menschen getötet werden. Deutschland ist im Gegensatz zur Schweiz als Nato-Land ganz anders gefordert. Wir können die Kirchen in der Ukraine aktiv bei der Friedensförderung unterstützen.
Wie?
Irgendwann muss die Ukraine wieder aufgebaut werden. Von den verschiedenen orthodoxen Kirchen im Land wird zu Recht erwartet, dass sie in der Versöhnungs- und Wiederaufbauarbeit eine tragende Rolle einnehmen. Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) kann bereits jetzt versuchen, die Kirchen der Ukraine an einen Tisch zu bringen. Eines muss dabei klar sein: Friedensarbeit ist ein Knochenjob. Da braucht es sehr viele Gespräche und Mediationen.
Sie selbst nahmen im vergangenen April an einer Friedensdemonstration in Bern teil. Welche Eindrücke sind Ihnen geblieben?
Die Veranstalter wollten die Kirchen mit an Bord haben. Das zeigte, dass man das Potenzial der Religionen bei der Friedensförderung anerkennt. Geblieben ist mir, wie breit abgestützt die Bewegung war. Ich marschierte mit meinen jüdischen, muslimischen, freikirchlichen und katholischen Kollegen hinter dem Transparent «Religions for peace», das war eine sehr schöne Erfahrung. Dieses Bild habe ich noch heute als Bildschirmschoner auf meinem Computer.
Am 24. Februar, dem Tag, als die russische Invasion in die Ukraine begann, rufen die Kirchen zu einem Friedensgebet auf. Was soll damit erreicht werden?
Das gemeinsame Gebet soll uns verbinden und in uns die Hoffnung und das Vertrauen stärken, dass wir miteinander und mit Gott in diesen schwierigen Zeiten unterwegs sind. Wir wollen bewirken, dass die Solidarität mit der ukrainischen Bevölkerung hier, aber auch in der Ukraine, nicht abbricht (siehe Kasten).
Die Schweizer Kirchen organisieren unter der Schirmherrschaft der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz (AGCK.CH) am 24. Februar 2023 eine ökumenische Gebetsfeier, auf den Tag genau ein Jahr nach der russischen Invasion in der Ukraine. Die Feier findet ab 16 Uhr im Berner Münster statt. Auch Rita Famos wird daran teilnehmen.
Eingeladen sind Vertreterinnen und Vertreter der ukrainischen Gemeinden in der Schweiz. Der Präsident des Nationalrates, Martin Candinas (Die Mitte), wird ein Grusswort ausrichten. In anderen Städten sind ebenfalls Gottesdienste geplant. In Zürich findet die Feier im Grossmünster statt, in Basel in der Elisabethenkirche. Die ACGK stellt den Kirchgemeinden auf ihrer Website zudem Material für eigene Gottesdienste zur Verfügung. (bat)
Beten ist schön und gut. Was tut die EKS sonst noch für Menschen, die vor dem Krieg fliehen?
Die EKS hat eine Taskforce einberufen. Diese hat etwa einen Mitarbeiter der Schweizerischen Flüchtlingshilfe eingeladen, der uns Know-How für die Unterstützung von Flüchtlingen vermittelt hat. Weiter haben uns Experten des Bundes erklärt, was der Schutzstatus S bedeutet und weshalb ihn ukrainische Flüchtlinge erhalten, andere aber nicht. Dieses Wissen haben wir den Mitgliedkirchen in der Task Force weitergegeben. Zudem haben wir einen Online-Kurs für Seelsorgende organisiert. Häufig sind die Menschen, die geflüchtet sind, sehr religiös. Fachleute aus der Orthodoxie haben im Kurs erklärt, was Seelsorgerinnen berücksichtigen müssen und wie die Situation der orthodoxen Kirchen in der Ukraine ist.
Im Oktober haben Sie den damaligen ÖRK-Generalsekretär, Ioan Sauca, kritisiert, weil er den Moskauer Patriarchen Kyrill I. getroffen hatte. Dieser unterstützt Putins Krieg. Was ist seither geschehen?
Meine Kritik richtete sich nicht gegen das Treffen an sich, sondern an die Pressemitteilung des ÖRK nach dem Gespräch zwischen dem damaligen Generalsekretär Ioan Sauca und dem Patriarchen Kyrill. Dort wurde nicht klar, ob Sauca überhaupt Kritik gegenüber der theologischen Haltung von Kyrill geübt hat. Seither hat der neue Generalsekretär Jerry Pillay in einem Interview den völkerrechtswidrigen Krieg Russlands und die unterstützende Haltung des Patriarchen gegenüber dem Angriff auf die Ukraine klar verurteilt.
Reicht das?
Nein, da braucht es mehr und es tut sich einiges im ÖRK. Zurzeit laufen Vorbereitungen für einen Runden Tisch mit den Kirchenvertretern aus Russland, der Ukraine und den umliegenden Ländern. Ausserdem plant auch Pillay eine Reise nach Moskau. Dort soll das Verständnis der Leitung der russisch-orthodoxen Kirche vom «Gerechtem Krieg» herausgefordert werden. Ich glaube zwar nicht, dass Kyrill und seine Anhänger ihre Position ändern werden, aber es ist zwingend, dass die Kritik an der russisch-orthodoxen Kirche aufrecht erhalten bleibt.
Die Kritik scheint an der russisch-orthodoxen Kirche jedoch abzuprallen. Wie viel Sinn ergeben solche Gespräche unter diesen Umständen noch?
Widerstand und Kritik brauchen einen langen Atem. Ein Jahr ist eine sehr kurze Zeit. Ich glaube nicht, dass wir Kyrill dazu bewegen können, von seiner Position abzuweichen. Er steht Putin seit Jahren nahe. Gleichzeitig ist der ÖRK der einzige Ort, an dem sich die russisch-orthodoxe Kirche die anderen Positionen anhören muss.
In einem Interview sagte Pillay, dass die Leitung der russisch-orthodoxen Kirche den Krieg keinesfalls unterstützt. Das mutet absurd an.
Ja, tatsächlich löst diese Aussage Stirnrunzeln aus und steht im Widerspruch dazu, dass er im gleichen Interview sagt, dass der ÖRK nicht aufhören wird, die Haltung der russisch-orthodoxen Kirchenleitung zu kritisieren. Ich werde an der Amtseinsetzung von Pillay teilnehmen und ihn fragen, wie er auf diese eigenartige Aussage kommt. Es gibt innerhalb der russisch-orthodoxen Kirche kritische Stimmen, aber die kommen nicht von der Leitung. Ich plädiere dafür, dass der ÖRK nach Möglichkeiten suchen soll, den innerorthodoxen Widerstand gegen den Angriff Russlands auf die Ukraine zu unterstützen. Beispielsweise beabsichtigt Kyrill gerade, kritische Priester zu sanktionieren. Das muss der ÖRK unbedingt anmahnen. Kritik muss innerhalb einer Kirche möglich sein.
Der Zürcher Kirchenratspräsident Michel Müller hat laut darüber nachgedacht, ob es an der Zeit sei, dass die EKS ihren ÖRK-Mitgliedsbeitrag streiche. Steht das zur Debatte?
Ich hoffe nicht. Es wäre zu einfach, aus der reichen Schweiz die Gelder zu streichen und damit die theologische Debatte zu umgehen. Der ÖRK ist keine Kirchengemeinschaft, sondern eine theologische Austauschplattform. Die Unterschiede zwischen den Konfessionen innerhalb des ÖRK sind allgemein riesig. Mitglied des ÖRK zu sein heisst, sich diesen Unterschieden zu stellen. Auch wenn das nicht immer einfach ist: Da gehört der Schweizer Protestantismus mit dazu.