Krieg in der Ukraine

«Wir werden über den Schutz des Friedens neu diskutieren müssen»

Die Kirche müsse sich im Krieg auf die Seite der Opfer stellen. Das sagt Michael Coors, Professor für Theologische Ethik. Im Interview erläutert er zudem, wieso ihn die militärische Invasion Russlands besonders bewegt.

Zehntausende Menschen demonstrieren auch in der Schweiz für den Frieden – im Bild eine Kundgebung am Montagabend, 28.02.2022, in Zürich. (Bild: Keystone/ Michael Buholzer)

Herr Coors*, die Schweiz hat entschieden, die von der EU verhängten Sanktionen gegen Russland vollständig mitzutragen. Finden Sie das richtig?
Ja, eindeutig. Neutral zu sein hiesse aus meiner Sicht, in keinerlei Geschäfte mit russischem Geld involviert zu sein. Hätte die Schweiz nicht mitgezogen, wäre sie das einzige europäische Land gewesen, in dem Putins Regime Zugriff auf das Geld gehabt hätte. Die Schweiz wäre also auch dann nicht neutral gewesen. Man darf nicht vergessen: Der Angriff auf die Ukraine ist eindeutig völkerrechtswidrig. Hier muss die Schweiz eine klare Position beziehen, und zwar zugunsten der Ukraine.

Welche Rolle kann die Kirche in dieser schwierigen Zeit übernehmen?
Ich finde es gut, dass für den Frieden gebetet wird, und dass die Kirchen mit Gottesdiensten für die Menschen da sind. Die Zeiten sind, auch mit Blick auf die Corona-Pandemie, sehr herausfordernd. Konkret kann die Kirche über ihre Hilfswerke Menschen in den Kriegsgebieten unterstützen und zu Spenden für Betroffene aufrufen.

Schweiz sanktioniert Russland

Die Schweiz übernimmt die EU-Sanktionen gegen Russland. Das hat der Bundesrat am Montag beschlossen angesichts des anhaltenden russischen Einmarsches in die Ukraine. Der beispiellose militärische Angriff Russlands auf ein souveränes europäisches Land hatte im Bundesrat den Ausschlag gegeben, die bisherige Sanktionspraxis zu ändern.

So würden per sofort Vermögen der gelisteten Personen und Unternehmen gesperrt, hiess es vom Bundesrat. Auch die Finanzsanktionen gegen den russischen Präsidenten Wladimir Putin, gegen Premierminister Michail Mischustin und Aussenminister Sergej Lawrow würden mit sofortiger Wirkung vollzogen.

Die Schweiz werde auch den Entscheid über den Ausschluss Russlands aus dem Banken-Kommunikationsnetzwerk Swift mittragen, sagte Finanzminister Ueli Maurer an einer Medienkonferenz in Bern.

Der Krieg in der Ukraine bewegt auch die Schweizer Bevölkerung. In Bern haben am Samstag rund 20’000 Menschen an einer Friedensdemonstration teilgenommen – so viele waren an so einem Anlass letztmals vor knapp zwanzig Jahren anlässlich des Irak-Kriegs gezählt worden. (bat)

Darf man als Christ für Waffenlieferungen befürworten?
Das ist tatsächlich ein Dilemma. Es ist richtig darauf hinzuweisen, dass Krieg gegen den Willen Gottes ist. Und die Friedensbewegung hat durchaus eine theologische Tradition. Aber Krieg ist eine politische Realität. Wenn ein Land angegriffen wird, halte ich es für legitim, sich als Kirche auf Seite der Opfer zu stellen und sich für ihre Unterstützung auszusprechen.

Geht es darin auch um die Verteidigung europäischer Werte?
Ja, natürlich geht es auch um die Verteidigung einer liberalen und demokratischen Gesellschaftsordnung. Man muss aber aufpassen, dass man nicht westliche Werte gegen östliche ausspielt. Hier geht es um die Auflehnung gegen die Autokratie, gegen Diktatoren wie Putin. Er belügt mithilfe der staatlichen Medien das Volk und er setzt auch die Leben junger russischer Soldaten aufs Spiel. Mir ist zudem wichtig zu betonen: Es darf nicht sein, dass man jetzt Ressentiments gegenüber russischen Menschen entwickelt. Das wäre grundfalsch.

Bemerkenswert ist, dass in der Schweiz unkompliziert ukrainische Flüchtlinge aufgenommen werden könnten. Sie sollen einfacher einen Schutzstatus bekommen. Andere Flüchtlinge aus Kriegsgebieten wie Syrien hatten es weitaus schwerer. Überrascht Sie das?
Es erschreckt mich. Es gibt Berichte, wonach Kenianer, die in der Ukraine studierten und jetzt flüchteten, an der polnischen Grenze abgewiesen werden. Das zeigt deutlich, dass die rassistische Diskriminierung nicht überwunden ist.

Es ist auffallend, wie intensiv Sie in sozialen Netzwerken wie Twitter den Krieg verfolgen und die Ereignisse kommentieren. Geht Ihnen die Situation nah?
Ja, dieser Krieg bewegt mich sehr. Nicht nur das Elend berührt mich. Dieser Krieg leitet einen Umbruch ein, der uns alle noch lange beschäftigen wird.

Weshalb?
Krieg ist jetzt nichts mehr, das in fernen Ländern passiert. Nicht einmal zwei Flugstunden von hier werden Menschen in einem brutalen Angriffskrieg getötet. Die Prioritäten in unseren Gesellschaften werden sich angesichts dessen neu sortieren. Wir werden neu diskutieren müssen, was es heisst, den Frieden angesichts eines mächtigen und gewaltbereiten Aggressors zu schützen.

*Michael Coors ist ausserordentlicher Professor für Theologische Ethik und Leiter des Instituts für Sozialethik an der Universität Zürich.