Porträt

«Ungerechtigkeiten vertrage ich überhaupt nicht»

Die ehemalige SP-Nationalrätin Ursula Bäumlin sagt von sich, sie sei schon als Zweijährige politisiert worden. Später setzte sie sich in Kirche und Politik für linke Anliegen ein – und wurde dafür heftig angefeindet.

Eigentlich müsste ein Gespräch mit Ursula Bäumlin auf einem Spaziergang durch Bern stattfinden. Man könnte mit ihr die zahlreichen Stätten ihres politischen Wirkens aufsuchen, das Bundeshaus etwa, wo sie 1987 für die SP in den Nationalrat gewählt wurde, oder die Kirchgemeinde Nydegg, in der sie sich viele Jahre für eine zeitgemässe Kirche einsetzte. Aufgrund der Corona-Pandemie ist der Radius der 82-Jährigen, die sonst auch mal mit dem Trottinett in den Strassen der Stadt unterwegs ist, derzeit aber stark eingeschränkt. Sie verlasse ihr Haus fast nur noch zum Einkaufen, sagt Bäumlin am Telefon. Für die Fotografin wird sie später eine Ausnahme machen.

Mit Ursula Bäumlin könnte man sich viele Stunden unterhalten und käme dennoch an kein Ende. Sie erlebte den Zweiten Weltkrieg, die boomende Nachkriegszeit, das vergiftete Klima im Kalten Krieg, die Aufbruchsstimmung der 68-er und die grosse Ernüchterung durch die Wirtschaftskrise in den Siebzigerjahren. Bäumlins Leben ist so vollgepackt mit Erinnerungen und Anekdoten, dass es für mehrere Biographien reichen würden. «Sie tun mir wirklich leid», sagt sie dem Journalisten mehrmals. Und lacht dazu ihr raumgreifendes Lachen.

Ursula Bäumlin liess sich nie vorschreiben, was sie zu tun hatte. Für ihre politischen Überzeugungen ging sie auch mal in den Hungerstreik. (Bilder: Noëlle Guidon)

Auf der rund zweistündigen Tour d’Horizon fällt es der Bernerin schwer, eine Chronologie einzuhalten, so viel hat sie zu erzählen. Ein Satz aber zieht sich wie ein roter Faden durch das Gespräch: «Ungerechtigkeiten vertrage ich überhaupt nicht», sagt sie mehrfach.

Politisiert durch Nazideutschland

Der Kampf für Gerechtigkeit ist die grosse Konstante im Leben von Ursula Bäumlin. Er ist das, was sie antreibt und wofür sie sich in Politik und Kirche eingesetzt hat. Wann alles angefangen hat, das weiss Bäumlin noch ganz genau. «Politisiert wurde ich schon als Zweijährige», sagt sie, und zwar so überzeugend, dass man ihr glaubt. Damals – es war das Jahr 1940 – lebte ihre Familie in Muri im Kanton Bern. Ihr Vater war Alfred Ernst, einer jener Offiziere, die sich in der «Aktion Nationaler Widerstand» der bewaffneten Opposition gegen Hitlerdeutschland verschrieben – notfalls auch gegen den Willen der Schweizer Regierung.

Bäumlins Mutter, eine Berlinerin, hatte ihre Familie in Nazideutschland zurücklassen müssen. Am Telefon sah sie die Mutter weinen. «Ich bekam mit, wie sie meinem Vater, der gerade im Dienst war, von den Ereignissen in Deutschland berichtete», erinnert sich Bäumlin. So erfuhr sie, wie jüdische Nachbarn und Bekannte aus ihren Wohnungen vertrieben und ihr Eigentum versteigert wurde. Zum ersten Mal in ihrem Leben ahnte sie, was Ungerechtigkeit heisst. «Dieses Erlebnis hat mich zutiefst geprägt.»

«Dass die biblischen Texte bis in die Gegenwart wirken und somit eminent politisch sind, war mit ein Grund, warum Bäumlin sich später für das Theologiestudium entschied.»

Früh wurde auch die Bibel zum Bezugspunkt für sie. Die Eltern waren kirchlich engagiert, der Vater einige Jahre sogar als Kirchgemeindepräsident. Der reformierte Pfarrer in Muri predigte während des Krieges oft aus dem Alten Testament. Die Geschichten über die Versklavung der Israeliten und ihre Flucht aus Ägypten erschütterten sie. «Ich begriff, dass das, was da in der Bibel stand, gerade in Europa passierte», sagt sie. Dass die biblischen Texte bis in die Gegenwart wirken und somit eminent politisch sind, war mit ein Grund, warum sie sich später für das Theologiestudium entschied.

Fürs Dasein als Pfarrfrau nicht gemacht

Wäre Ursula Bäumlin ein paar Jahre später geboren – wäre sie vielleicht Pfarrerin geworden? Zwar gab es im Kanton Bern bereits die Frauenordination, aber erst einige Jahre nach ihrem Studium – nämlich 1965 – wurde die erste Frau ins Pfarramt gewählt. An den Universitäten stellte sich die Frage, was aus den Theologiestudentinnen beruflich werden sollte. Sie seien eher als Last empfunden worden, erinnert sich Bäumlin. Auch habe sie sich als Frau manch herabwürdigenden Spruch anhören müssen. «So wurde den Studenten geraten, die Kommilitoninnen doch einfach ‹wegzuheiraten›, damit das Problem aus der Welt war.»

Was Kirche und Gesellschaft von Pfarrfrauen erwarteten, erfuhr sie nach ihrer Heirat mit dem Theologen Klaus Bäumlin. Als ihr Mann in Brienz seine Vikariatsstelle antrat, wurde das Ehepaar im Pfarrhaus zum Znacht eingeladen. Die Hausherrin nahm sie gleich am Arm und führte sie in die Küche. «Dort sollte ich beim Salatrüsten helfen», sagt Bäumlin.

Heute lacht sie über solche Episoden. Das traditionelle Rollenbild der Pfarrfrau war nichts für sie, das ahnte sie früh. Schon ihr Vater sagte zu ihr, sie sei eine «Gibä», eine Geiss. «Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, dann setze ich das auch um», sagt sie. Ihre Stimme am Telefon klingt in diesem Moment energiegeladen, fast meint man sogar ein wenig Furor rauszuhören. Gleichzeitig hat es etwas völlig Befreites, wenn Ursula Bäumlin so über ihr Leben spricht. So als hätte sie schon lange aufgehört, sich um Konventionen zu scheren.

Theologin, Ehefrau, Mutter – und Studentin

Dazu passt, dass sie mit über Dreissig noch einmal ein Studium aufnahm. Zu einer Zeit, in der Frauen viel seltener die Universität besuchten als Männer, ein ungewöhnlicher Schritt. Für eine Frau, die verheiratet und zweifache Mutter war, gar ein skandalöser. Doch die «Gibä» hatte sich entschieden – für Geschichte. Auslöser dafür war die Bürgerrechtsbewegung in den USA. Der Kampf der Schwarzen um Gleichstellung und ihre Suche nach den eigenen Wurzeln faszinierten sie. «Mir wurde klar, dass wir auch über unsere eigenen Wurzeln noch zu wenig wissen», sagt sie.

«Dass politisches Engagement – und noch dazu für linke Anliegen – in der Kirche nicht immer gut ankam, merkte Bäumlin, als sie 1972 in den Kirchgemeinderat Nydegg gewählt wurde.»

Zu dieser Zeit hätte sie sich nicht ausgemalt, dass sie einmal für die SP im Nationalrat sitzen würde. Eine politische Karriere hat Ursula Bäumlin nie angestrebt, vielmehr politisierte sie immer aus Leidenschaft. Einen Mitstreiter fand sie in ihrem Ehemann Klaus Bäumlin. «Wir haben uns in den Siebziger- und Achtzigerjahren in so ziemlich allen politischen Fragen engagiert, die gerade auf der Agenda standen: Vom Kampf gegen die Apartheid über die Asylpolitik bis zu umweltpolitischen Themen», erinnert sie sich.

Dass politisches Engagement – und noch dazu für linke Anliegen – in der Kirche nicht immer gut ankam, merkte Bäumlin, als sie 1972 in den Kirchgemeinderat Nydegg gewählt wurde. Die Kirchgemeinde gehörte damals zu den fortschrittlicheren in der Schweiz. Bei den Predigten des Dichters und Pfarrers Kurt Marti war die Kirche gestossen voll. Im Rat sei das Kräfteverhältnis allerdings anders gewesen. Als Teil einer progressiven Minderheit sei sie oft auf taube Ohren gestossen, sagt Bäumlin. «Uns schwebte eine junge und lebendige Kirche vor, die offen für Veränderungen war und in der auch die Frauen mitreden durften. Dagegen haben sich die konservativen Mitglieder mit Händen und Füssen gewehrt.»

Kirchlicher Protest gegen Kernkraft

Der weltweite Aufbruch der späten Sechzigerjahre spaltete die Kirche tief. Die einen wollten sie am liebsten komplett umkrempeln, die anderen klammerten sich hartnäckig an das tradierte Kirchenbild. Es sei eine aufregende und verrückte Zeit gewesen, erinnert sich Bäumlin, und hüpft bereits zur nächsten Anekdote: Dem Gegenwind für die Kirchliche Arbeitsgruppe für Atomfragen (KAGAF), deren Präsidentin sie war.

Die Gruppe unterstützte die Atomschutz-Initiative, die eine Konzessionspflicht für den Bau neuer Atomanlagen forderte und 1979 nur knapp an der Urne scheiterte. Die Pfarrer Kurt Marti und Jacob Schädelin verfassten ein «Atom-Denkwort», in dem sie vor den Folgen der Atomkraft warnten. Mit Petitionen an den Bundesrat, Inseraten und Plakaten mischte sich die Gruppe aktiv in den Abstimmungskampf.

Dem Berner Synodalrat sei dieses Engagement von Kirchenvertretern ein Dorn im Auge gewesen. «Er störte sich daran, dass wir im Namen der Kirche sprachen und wollte uns gar das ‹K› in KAGAF verbieten.» Einer öffentlichen Auseinandersetzung über diese Frage sei der Synodalrat dann allerdings aus dem Weg gegangen

Bürgerlicher Gegenwind

Harsche Kritik habe es auch von Seiten der Bürgerlichen gegeben. Die Vorwürfe seien immer dieselben gewesen: «Man ärgerte sich darüber, dass sich die Kirche in die Tagespolitik einmischte und unterstellte uns, dass wir den Gegnern der Vorlage das Christsein absprechen würden», sagt Bäumlin.

«Für ihre Überzeugungen ist sie bereit, viel aufs Spiel zu setzen. So trat sie in den Achtzigerjahren aus Protest gegen die Asylpolitik des Bundesrates in einen siebentägigen Hungerstreik.»

Wer den Geschichten der Bernerin zuhört, ist über die Parallelen zu heute verblüfft. Wegen ihres Engagements für die Konzernverantwortungsinitiative (KVI) stehen die Kirchen derzeit heftig unter Beschuss. Die Grabenkämpfe zwischen Linken und Rechten in der Kirche seien heute wie damals dieselben, bestätigt Bäumlin.

Auf welcher Seite ihr Herz schlägt, ist offensichtlich. Auch im hohen Alter mag sie sich nicht ganz aus der Politik heraushalten. Gegen den Vorwurf der Bundeskanzlei, die Kampagne für die KVI sei «grenzwertig» gewesen, wehrte sie sich mit einem Leserbrief in der Zeitung. Für ihre Überzeugungen ist sie bereit, viel aufs Spiel zu setzen. So trat sie in den Achtzigerjahren aus Protest gegen die Asylpolitik des Bundesrates in einen siebentägigen Hungerstreik. «Wenn ich Ungerechtigkeiten sehe, kann ich nicht einfach stillsitzen. Dann muss ich dagegen ankämpfen», sagt sie.

Ursula Bäumlin hätte noch viel zu erzählen – nicht nur über Politik. Zum Beispiel darüber, was Kirche für sie bedeutet: Dass sie der Ort sei, an dem die Menschen nicht allein seien. Am Ende des Gesprächs verabschiedet sie sich auf gut Berndeutsch mit dem Satz: «Blibet gsund und tüet nid z wüescht». Und sie schickt nach: Sie selber habe sich nicht immer daran gehalten.

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