50 Jahre Frauenstimmrecht

«Gescheitert bin ich an der St. Galler Kirche»

Nachdem 1971 das Frauenstimmrecht eingeführt wurde, zog die Pfarrerin Hanna Sahlfeld-Singer als erste Frau für den Kanton St. Gallen in den Nationalrat ein. Zu einer zweiten Amtszeit kam es jedoch trotz Wiederwahl nicht – weil ihr Mann, der ebenfalls Pfarrer war, in der Kantonalkirche keine Stelle mehr fand.

Hanna Sahlfeld-Singer am Rednerpult des Nationalrates 1972. (Bild: Keystone / Str.)

Es gehört zu den Absurditäten der Schweizer Geschichte, dass die Männer darüber bestimmten, ob die Frauen politisch mündig sein durften. Erst am 7. Februar 1971, nachdem 5000 Menschen auf dem Bundesplatz demonstriert hatten, konnten sie sich in dieser Frage zu einem Ja durchringen: Mit 65,7 Prozent wurde das Frauenstimmrecht bei der entsprechenden Abstimmung angenommen. Am Wochenende feierte die Schweiz den 50. Jahrestag dieses historischen Anlasses.

Für Hanna Sahlfeld-Singer fällt die Erinnerung an die Ereignisse allerdings zwiespältig aus. Die Pfarrerin aus dem Kanton St. Gallen gehörte zu den elf Frauen, die im Herbst 1971 in den Nationalrat einzogen. Vier Jahre später wurde sie wiedergewählt, trat von ihrem Amt jedoch zurück. «Wissen Sie, gescheitert bin ich letztendlich nicht an der Politik, sondern an der St. Galler Kirche», sagt sie gleich zu Beginn des Gesprächs, bevor die Rede überhaupt auf die Umstände von damals gekommen ist.

Freiwilliger Verzicht aufs Pfarramt

Ihre Stimme klingt durchs Telefon hell und wach, fast so, als hätte sie sich gerade eben noch mit der Schweizer Politik oder mit Gleichstellungsfragen beschäftigt. Tatsächlich hat die 77-Jährige, die mittlerweile in der Nähe von Hannover lebt, im Rahmen des Jubiläums einige Male Auskunft über ihre Erlebnisse gegeben, etwa gegenüber der evangelischen Zeitschrift «Frauenforum». Weitere Fragen möchte sie deshalb lieber schriftlich beantworten. Was sie dann auch tut, umgehend und sehr ausführlich. Das Thema bewegt sie noch immer, das merkt man den Zeilen an.

«Sowohl der Kirchenrat in St. Gallen als auch wenige prominente freisinnige Gemeindeglieder kramten den Art. 75 der damals gültigen Bundesverfassung aus, wonach nur Personen weltlichen Standes wählbar waren», lautet eine dieser Zeilen. Und weiter: «Jetzt wurde ich als junge Frau – ordiniert für ein reformiertes Pfarramt – damit konfrontiert und von Seiten der St. Galler Kirche darauf aufmerksam gemacht, dass ich ja gar nicht wählbar sei. Erstaunlich, dass Vertreter der reformierten Kirche diesen Verfassungsschutz-Artikel aktivierten und nicht der Staat!»

«Ich will nicht aufzählen, was eine Minderheit in der Gemeinde gegen meinen Mann anzettelte. Gemeint waren aber natürlich ich und mein politisches Engagement.»
Hanna Sahlfeld-Singer

Sahlfeld-Singer schreibt in diesem Zusammenhang von einer «Kampagne» gegen sie. Doch diese blieb zunächst ohne Erfolg: Angetreten für die Sozialdemokraten – weil diese «sich schon seit Jahrzehnten für die Frauen eingesetzt hatten» –, landete sie bei den Nationalratswahlen zunächst auf dem dritten Platz. Als dann der Erstplatzierte in den Ständerat gewählt wurde, konnte sie aufrücken. Ihr aus Deutschland stammender Mann war damals Pfarrer in Altstätten, wo sie ebenfalls in Teilzeit angestellt war. Artikel 75 umging sie, indem sie auf jegliche Vergütung in der Kirchgemeinde verzichtete und ihre Arbeit ihrem Mann überliess. Sie selbst durfte nur noch Aufgaben übernehmen, die ohnehin jede Pfarrfrau erledigen durfte. Das Predigen aber, das war ihr von da an verwehrt.

Damit sei die Verfassung gewahrt, «der Staat geschützt» gewesen, schreibt die ehemalige Pfarrerin und Nationalrätin. «Aber die Kirche auch? Leider nicht. Ich will nicht aufzählen, was eine Minderheit in der Gemeinde gegen meinen Mann anzettelte. Gemeint waren aber natürlich ich und mein politisches Engagement.» Zwei Jahre führte die Pfarrfamilie die Auseinandersetzungen, dann entschied sie sich, Altstätten zu verlassen. «Um der Gemeinde Frieden zu gönnen» und weil «keine Unterstützung vom Kirchenrat zu erwarten war», wie Hanna Sahlfeld-Singer heute schreibt.

Die Hoffnung, dass ihr Mann eine andere Stelle im Kanton finden würde, blieb vergebens. Dass es nicht an seinen Qualifikationen gelegen haben konnte, zeigte sich später, als er bei den Stellen als Schulpfarrer in der Rheinischen Kirche aussuchen konnte, heisst es dazu im Artikel des «Frauenforums».

Reformierte Kirchen als Wegbereiter?

Die Geschichte von Hanna Sahlfeld-Singer mag auf den ersten Blick überraschen, galten doch die Schweizer Reformierten in Frauenfragen durchaus als aufgeschlossen. Anfang des 20. Jahrhunderts waren es vornehmlich Frauen – und einige Männer – aus dem protestantischen Bürgertum, welche die ersten Stimmrechtsvereine gründeten, wie dem Historischen Lexikon zu entnehmen ist. Bereits 1919 wurden zudem in Zürich die ersten Frauen ordiniert, womit die dortige Kantonalkirche eine Vorreiterrolle in Europa einnahm. Zwar durften die Frauen noch kein ordentliches Pfarramt übernehmen, sondern waren zunächst als Pfarrhelferinnen angestellt. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren wurden Pfarrerinnen aber in den meisten Kantonalkirchen gleichgestellt.

«Dass das Frauenstimmrecht in den reformierten Kirchen vor dem jeweiligen Kanton eingeführt wurde, eignet sich schlecht für eine Imagekampagne zugunsten der Kirchen.»
Pierre Aerne, Historiker

Ebenfalls wurde in den reformierten Kantonalkirchen schon verhältnismässig früh das Frauenstimmrecht eingeführt, noch bevor dies auf politischer Ebene der Fall war. «Wie bei allem Neuartigen gab es dagegen Opposition in Kirchenräten, Synoden, im Männervolk. Aber diese Stimmen blieben in der Minderheit», sagt der Historiker Pierre Aerne, der zur Geschichte der Frauenordination und des Frauenstimmrechts forscht. Konnte das kirchliche Frauenstimmrecht fakultativ in der Kirchgemeinde eingeführt werden, brauchte es laut Aerne zwar mitunter mehrere Anläufe. Konnte es dagegen abschliessend durch eine kantonalkirchliche Abstimmung eingeführt werden, so wurde es mit Ausnahme von Appenzell Ausserrhoden und St. Gallen überall im ersten Anlauf angenommen.

Der lange Weg zum Frauenstimmrecht

Erst 50 Jahre ist es her, seit Frauen in der Schweiz das Stimm- und Wahlrecht erhalten haben. Der Weg dahin war steinig und lang.

Bereits 1893 forderte der Schweizerische Arbeiterinnenverband das Frauenstimmrecht, kurz darauf wurden die ersten Stimmrechtsvereine gegründet. Beim Generalstreik 1918 gehörte das Frauenstimmrecht zu den wichtigsten Forderungen.

Dennoch gingen entsprechende Abstimmungen auf kantonaler Ebene zunächst verloren. Ab den Zwanzigerjahren formierten sich zudem die Gegnerinnen des Frauenstimmrechts. In den wirtschaftlich schwierigen Dreissiger- und Vierzigerjahren wurden die Frauen zunehmend wieder auf den häuslichen Bereich eingeschränkt.

1957 plante der Bundesrat schliesslich die Verstärkung des Zivilschutzes mittels eines Zivilschutzobligatoriums auch für Frauen. Ohne Rechte keine Pflichten, sagten die Frauenverbände. Um das Zivilschutzprojekt zu retten, legte der Bundesrat rasch einen Entwurf zur Einführung des Frauenstimmrechts vor. Dieser wurde jedoch bei der Abstimmung vom 1. Februar 1959 mit 67 Prozent wuchtig versenkt. In den kleinen Kantonen der Zentralschweiz lag die Ablehnung bei über 80 Prozent, in Innerrhoden gar bei 95 Prozent. Nur Waadt, Genf und Neuenburg stimmten dafür – und führten das Stimmrecht kurz darauf auf kantonaler Ebene ein.

Entscheidend für die Einführung des Frauenstimmrechts auf Bundesebene dürfte mitunter der folgende Punkt gewesen sein: Der Bundesrat wollte 1962 dem Europarat beitreten und die Europäische Menschenrechtskonvention unterzeichnen – unter Vorbehalt des Frauenstimmrechts. Die Frauenverbände protestieren. Der Bundesrat wollte die Lage mit einer Volksabstimmung sondieren. Diesmal hielten sich die Gegner zurück: Man ging davon aus, dass das Frauenstimmrecht irgendwann sowieso kommen würde und wollte die künftige Hälfte des Stimmvolks nicht den Sozialdemokraten überlassen.

Am 7. Februar 1971 nahmen die männlichen Stimmbürger schliesslich das eidgenössische Stimm- und Wahlrecht für Frauen mit 65,7 Prozent deutlich an. 6,5  Kantone der Zentral- und Ostschweiz (UR, SZ, OW, GL, SG, TG, AR und AI) lehnten es ab.

Noch 1990 verwarf die Innerrhodener Landsgemeinde eine Vorlage für das kantonale Frauenstimmrecht ein drittes Mal. Doch das Bundesgericht hiess zwei staatsrechtliche Beschwerden gut und zwang den Halbkanton, als letztes ebenfalls das Frauenstimmrecht einzuführen. (sda/vbu)

Doch darf man daraus schliessen, dass Protestanten besonders progressiv waren, ja gar zu den Vorreitern des Frauenstimmrechts gehörten? Das wäre zu kurz gegriffen, findet Aerne. «Dass das Frauenstimmrecht in den reformierten Kirchen vor dem jeweiligen Kanton eingeführt wurde, eignet sich schlecht für eine Imagekampagne zugunsten der Kirchen.» Vielmehr sei die Einführung des Frauenstimmrechts, kirchlich wie auch politisch, von den «Stimmrechtlerinnen» ausgegangen sowie langwierig und komplex gewesen. Sie sei eingebettet in den Prozess der Gleichstellung, der bis heute andauere. Zudem habe es grosse Unterschiede zwischen den Kirchen gegeben, was die Ausgestaltung des Stimmrechts – beispielsweise aktiv oder passiv oder auch nur auf Ebene der Kirchgemeinde – betrifft. «Jeder Kanton und jede Kantonalkirche ist also für sich zu betrachten, ist ein Sonderfall», so Aerne.

Ähnlich äussert sich auch die Historikerin und Geschäftsleiterin der Evangelischen Frauen, Edith Siegenthaler, gegenüber dem Portal reformiert.info: «Oft erfolgte das Erteilen des Stimmrechts im Rahmen der Rollen: Weil Kirche und Schule oder Schulpflege Frauensache war», wird Siegenthaler in dem Artikel zitiert. Es sei zudem die Strategie der Frauenrechtlerinnen gewesen, zunächst bei der Kirche anzusetzen und später dann das Stimmrecht auf staatlicher Ebene anzustreben. Juristen hätten zu diesem Vorgehen geraten, heisst es dazu auch im Historischen Lexikon. «Dieser taktische Rat, zum demokratietheoretischen Dogma erhärtet, bestimmte fortan das Vorgehen der Frauenverbände und das Denken von Politikern aller Parteien.»

Nach Deutschland ausgewandert

Letztendlich führte diese Taktik zum Erfolg. Doch für Hanna Sahlfeld-Singer war es ein zwiespältiger Sieg. Weil das Einkommen der Nationalrätin nicht ausreichte, um die inzwischen vierköpfige Familie zu ernähren, pendelte ihr Mann zeitweise als Verweser nach Zürich. Die Eltern und Schwestern von Hanna Sahlfeld-Singer unterstützten sie mit den Kindern. Doch das Ideal, sich gleichberechtigt um die Sorgearbeit zu kümmern, konnten sie so nicht leben. Als dann noch Gerüchte aufkamen, bei der Familie stehe die Scheidung an, zogen sie einen Schlussstrich: Obwohl Hanna Sahlfeld-Singer 1975 wiedergewählt wurde, entschieden sie sich für den Umzug nach Deutschland. Dort, genauer gesagt in der Nähe von Köln, hatte ihr Mann eine Stelle als Schulpfarrer an einem Gymnasium gefunden. Er ging vor, sie kam nach. Und wurde ebenfalls Schulpfarrerin, mit halber Stelle. Daneben engagierte sie sich ehrenamtlich für den Kirchlichen Entwicklungsdienst.

Am Ende waren die Frauen also doch noch zu ganzen Bürgern gewonnen. Hanna Sahlfeld-Singer aber kostete ihr Engagement zuerst den Job und danach ihr politisches Amt. Es ist eine dieser Absurditäten der Schweizer Geschichte.