Interview mit lutherischem Pastor

«Wir müssen diesen Krieg gewinnen»

Auch ein Jahr nach Kriegsausbruch harrt Alexander Gross, Synodepräsident der Deutsch Evangelisch Lutherischen Kirche der Ukraine, im Kriegsgebiet aus. Im Interview blickt er zurück auf die schwierigen letzten Monate.

Vor einem Jahr startete die Invasion der Russen in die Ukraine. Seitdem toben die Kämpfe auf den Schlachtfeldern heftiger denn je. Auf dem Bild: Ukrainische Soldaten feuern auf eine russische Position in der Nähe von Cherson. (Bild: Bernat Armangue/AP)

Herr Gross, am 24. Februar hat die russische Invasion in die Ukraine begonnen. Wie geht es Ihnen ein Jahr danach?
Mittlerweile haben wir uns an den Kriegsalltag gewöhnt. Was will man auch anderes machen? Wir leben von Tag zu Tag und schauen, dass wir gut durchkommen. Es gibt so viel zu tun, dass man gar nicht gross über den Krieg nachdenken kann.

Wenn Sie zurückblicken: Was war für Sie das Schlimmste in den vergangenen zwölf Monaten?
Die schlimmsten Momente erlebte ich zu Beginn des Krieges als die ersten Bomben fielen. Hier in Odessa habe ich die Einschläge gehört. Ich habe gedacht, ich sei in einem Albtraum und müsse nur aufwachen.

Zur Person

Alexander Gross ist Pastor und Synodepräsident der Deutsch Evangelisch Lutherischen Kirche der Ukraine (DELKU).

Zu Beginn griff die russische Armee primär militärische Ziele an. Mittlerweile bombardieren die Streitkräfte die ukrainische Stromversorgung. Sind auch Sie von Stromausfällen betroffen?
Ja. Von Mitte November bis Mitte Dezember war die Situation schrecklich. Wir hatten keinen Strom mehr, also auch keine Telefonverbindung und kein fliessendes Wasser. Ich musste mit dem Handy auf einen Berg fahren, um Empfang zu haben. Zum Glück funktionierte unsere Gasheizung. Anders sah es in der Flüchtlingsunterkunft in unserem Dorf aus, in der 21 Menschen untergebracht sind. Dort fiel auch die Heizung aus. Bei -5 Grad Aussentemperatur mussten wir schnell handeln.

«Ich bin als Pastor rund um die Uhr im Einsatz und versuche, möglichst viele Sozialprojekte umzusetzen.»

Was haben Sie gemacht?
Wir konnten einen kleinen Strom-Generator organisieren. Solche Generatoren stehen in der Ukraine mittlerweile dank internationaler Hilfe überall und sind überlebenswichtig.

Wie gehen Sie als Kirchgemeinde mit der Situation um?
Wir versuchen zu helfen. Zum Beispiel kümmern wir uns um 53 Kinder im Gebiet Cherson, deren Eltern krank oder sehr arm sind und die deshalb nicht flüchten konnten. Für sie haben wir fünf Herde gekauft, auf denen mit Holz gekocht werden kann. Auch haben wir Essenspakete verteilt. Ich bin als Pastor rund um die Uhr im Einsatz und versuche, möglichst viele Sozialprojekte umzusetzen.

«Alles, was wir wollen, ist, in Freiheit und Frieden zu leben.»

Eines der wichtigsten christlichen Feste ist Weihnachten. Hatten Sie mit ihrer Gemeinde trotz des Krieges ein schönes Weihnachtsfest?
Wir hatten ein sehr schönes Weihnachtsfest! Ich bin der Pastor von vier Gemeinden. Überall konnten wir Weihnachten feiern. Es kamen viel mehr Menschen in den Gottesdienst als sonst. Die Kirche in Odessa etwa war bis auf den letzten Platz besetzt. Die meisten der Besucherinnen und Besucher waren nicht von unserer Kirche. Sie haben uns aber gesagt, dass sie lieber mit uns am 25. Weihnachten feiern als mit der orthodoxen Kirche im Januar.

Gab es etwas, das Sie in Ihrer Predigt den Menschen mitgegeben haben?
Ja, wir haben für Frieden und gegen Hass gebetet. Ich habe den Menschen gesagt, dass Hass gegen die Russen am Ende nur ihnen selbst schadet.

Wie sehen Sie die Zukunft der Ukraine?
Wir haben keine andere Wahl, als diesen Krieg zu gewinnen. Ansonsten wird es keine Ukraine mehr geben. Alles, was wir wollen, ist, in Freiheit und Frieden zu leben. Mir ist aber klar, dass so schnell nicht möglich sein wird.