«Für uns ist die russische Bedrohung nicht neu»
Noch immer ist unklar, ob Russland eine Invasion in die Ukraine plant. Der grösste Teil der ukrainischen Bevölkerung sei trotz anhaltend angespannter Situation nicht sehr besorgt, meint Alexander Gross. «Wir befinden uns schon seit 2014 im Krieg mit Russland in der Ostukraine. Für uns ist die russische Bedrohung nicht neu», erläutert der Synodepräsident der Deutsch Evangelisch Lutherischen Kirche der Ukraine (DELKU) im Gespräch mit ref.ch.
Fast jeder kenne jemanden, der im Konflikt in Donbas oder auf der Krim ums Leben gekommen sei. «Wir sind Kriegserfahren. Deshalb erschüttert uns der russische Aufmarsch nicht so sehr», sagt Gross.
Beten für den Frieden
Viele mehr zu schaffen als die drohende Grossinvasion mache den Menschen die wirtschaftliche Lage. Einerseits habe die Corona-Krise auch die Ukraine wirtschaftlich hart getroffen, andererseits hätten wegen der drohenden Kriegsgefahr einige ausländische Investoren das Land verlassen. «Die Leute auf der Strasse reden über gestiegene Gaspreise, Löhne und Renten.»
Gross glaubt nicht, dass Putin tatsächlich in die Ukraine einmarschiere. «Er spielt geopolitisches Poker. Für einen Einmarsch würde er einen sehr hohen Preis zahlen. Das weiss er.»
Trotzdem hat die DELKU Anfang Februar ein politisches Zeichen gesetzt, und einen Aufruf zum Friedensgebet veröffentlicht. Darin heisst es: «Beten Sie, dass eine gross angelegte Invasion, die uns droht, nicht eintritt. Beten Sie, dass der Herr den Gläubigen die Kraft gibt, nicht in Panik zu verfallen, sondern stattdessen anderen zu helfen und sie zu trösten.» Gross betont, dass der Aufruf zum Gebet nicht gegen Russland gerichtet sei. «Auch unsere lutherische Partnerkirche in Russland ist für den Frieden.»
Slawen gegen Slawen
Die DELKU ist nicht die einzige Kirche in der Ukraine mit Bezug zum Protestantismus. Auch die Reformierte Kirche Transkarpatien ist im Land aktiv, sie zählt rund 100'000 Mitglieder. Bischof Sándor Zán Fábián sagt auf Anfrage, auch er spüre in der Bevölkerung wenig Angst. Man sei eher überrascht, wie aufgeheizt westliche Medien über eine drohende Invasion berichten. «Truppenübung von Russland nahe unserer Grenze gibt es jedes Jahr. Bis jetzt hat sich kaum jemand dafür interessiert.»
Trotz aller Gelassenheit müsse Krieg unbedingt verhindert werden. «Es kann nicht sein, dass sich Slawen gegenseitig töten», betont Fábián. Damit der Frieden gewahrt bleibe, habe die Reformierte Kirche in Transkarpatien zusammen mit der Orthodoxen Kirche sowie der römisch-katholischen Kirche eine ökumenische Gebetswoche abgehalten. «Ich hoffe, dass auch die Schweizer Reformierten für uns beten», sagt Fábián.