Pfarrfamilie nimmt Flüchtling auf

Zerbissene Sofas und zerstörte Träume

Mit einer riesigen Hündin und einem kleinen Rucksack ist Ilona Gutsu in die Schweiz geflüchtet. Der reformierte Pfarrer Mike Gray und seine Frau Susan haben die junge Frau aus Odessa bei sich in Winterthur aufgenommen. Der gemeinsame Alltag ist schön, aber auch schwierig.

Ilona Gutsu, ganz rechts im Bild, findet sich beim reformierten Pfarrer Mike Gray und seiner Frau Susan langsam zu recht. Dazu haben auch die Hunde Capone (Mitte) und Choco beigetragen. (Bild: Madeleine Schoder)

«Da gibt es eine junge Frau und einen riesigen Hund, hättet ihr nicht Platz für sie?» Von drei verschiedenen Personen sei er das gefragt worden, erzählt Mike Gray. Der reformierte Pfarrer und seine Frau Susan wohnen in Winterthur, zum Paar gehören Bernhardiner «Capone» und Mischlingshündin «Choco».

Der 50-Jährige und seine 59-jährige Frau haben seit jeher Gäste, die sie in ihrem sieben-Zimmer-Pfarrhaus beherbergen und mit denen sie ihren grossen Garten teilen. Manche bleiben bloss wenige Tage, andere mehrere Jahre. «Die Menschen finden uns, nicht wir sie», sagt Susan Gray. 

So war es auch bei Ilona Gutsu. Vor rund zehn Monaten, zwei Wochen nach Ausbruch des Krieges in der Ukraine, ist die junge Frau aus Odessa geflüchtet. «Ich habe nur wenig eingepackt und mir keine grossen Gedanken gemacht. Ich wollte bald zurückkehren», sagt sie.

Die 24-Jährige war nicht allein unterwegs, sondern hatte Kimi bei sich. Ihre Herdenschutzhündin war damals noch ein Welpe, wog aber bereits gut zwanzig Kilogramm. Das Duo verbrachte wenige Wochen in Moldawien und Rumänien, bevor sie mit dem Zug in die Schweiz reisten. Hierher war eine Kindheitsfreundin von Ilona Gutsu geflüchtet, die ihr den Tipp gab, nachzureisen.

«Man muss achtsam sein.»
Mike Gray

In Winterthur kamen Gutsu und die Hündin im Hotel unter. Die Behörden wollten der Frau eine Asylunterkunft vermitteln, doch Kimi hätte ins Tierheim gemusst. Das war für Gutsu undenkbar. «Sie ist alles für mich.»

Mike Gray, nicht nur als Pfarrer sondern eben auch als Hundeliebhaber bekannt, nahm Ilona Gutsu mitsamt Kimi auf. Drei grosse Hunde unter einem Dach – geht das gut? «Man muss achtsam sein», sagt Mike Gray. Dass Kimi unzählige Schuhe und zwei Sofas zerbissen hat, nimmt er gelassen.  

Schwierige Familiensituation

Das Zusammenleben mit Illona Gutsu sei vor allem am Anfang herausfordernd gewesen, sagt Susan Gray. «Sie hat viel Zeit am Handy verbracht und das Kriegsgeschehen beinahe in Echtzeit verfolgt.» Ilona chattete oder telefonierte häufig mit ihrer Grossmutter, bei der sie aufgewachsen ist, und die lange in Odessa bleiben wollte. Die Enkelin sprach mit ihrer Oma, die gemächlich in Kochtöpfen rührte, während im Hintergrund Sirenen heulten.

Mittlerweile ist die Seniorin in Spanien, wohin auch Ilonas Mutter und zwei Halbgeschwister geflüchtet sind. Sie selbst will in der Schweiz bleiben. Ihr sei egal, wer wo lebe – Hauptsache alle gesund. Susan Gray deutet an, die familiären Verhältnisse seien nicht ganz unbelastet. Ilona Gutsu sagt, sie sei sehr gestresst gewesen, habe viel geweint. Sie kann nicht sagen, ob es ihr gut geht oder nicht. Sie lebt von Tag zu Tag. Wie soll ein Mensch, der vor wenigen Monaten sein Zuhause verloren hat, darüber nachdenken, wo er leben möchte, ob er je zurückkehren kann und will?

Starke Migrationsbewegungen

In der Schweiz leben laut dem Staatssekretariat für Migration rund 65’000 Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind und den Schutzstatus S erhalten haben (Stand Ende Januar 2023). In Österreich sind es rund 90’000 Menschen, in Frankreich rund 120’000 Personen. Die meisten ukrainischen Flüchtlinge mit Schutzstatus hat Polen aufgenommen (rund 1,56 Millionen Menschen). Schätzungen nach gibt es in Europa rund 6 Millionen ukrainische Binnenflüchtlinge. (jow)

Das Gespräch stockt. Immer wieder unterbricht sich die junge Frau. Sie macht lange Pausen, beginnt Sätze neu. Ihr fehlen die Wörter. Sie kann sich zwar grob verständigen, fliessend ist die Sprache aber noch nicht. Als Jugendliche verbrachte sie Ferien in Deutschland und meinte, sie verstehe Deutsch. Das war ein Irrtum. Mittlerweile kann sie sich mit Mike und Susan Gray unterhalten, anfangs war die Kommunikation aber sehr schwierig. Automatisierte Übersetzungshilfen am Mobiltelefon vermittelten das Nötigste.

Deutsch lernen beim Kochen

Seit sie in Winterthur wohnt, besucht Ilona Gutsu einen Deutschkurs. Die Kosten haben anfangs die Grays übernommen, nun bezahlt das Sozialamt den Unterricht. Rund dreissig Jahre ist es her, seit Mike Gray in die Schweiz kam. Auch er hat sich die Sprache erarbeiten müssen. Susan arbeitete damals bereits als Pflegefachfrau und verdiente Geld, so dass er die Freiheit hatte, die Schulbank zu drücken.

«Dafür bin ich meiner Frau noch heute dankbar. Ohne Deutschkenntnisse wäre ich hier nicht reformierter Pfarrer geworden.» Die Grays hoffen, dass Gutsu das Niveau B2 möglichst rasch abschliesst. Dieses Zertifikat würde ihr den Weg ebnen zu einer Ausbildung.

Ihre Hündin Kimi, ein Herdenschutzhund, ist für Ilona Gutsu sehr wichtig. (Bild: Madeleine Schoder)

Eine Arbeitsstelle zu finden, wünscht sich Ilona Gutsu sehr. Sie will arbeiten. Sie sei jemand, der anpacke, sagt sie. «Ich möchte selbstständig und unabhängig sein». Sie will im Berufsleben Fuss fassen, eine eigene Wohnung einrichten.

Doch wie soll das gehen, ohne Sprachkenntnisse, ohne Geld, und vor allem mit dem riesigen Hund? Kimi müsste betreut werden, während Ilona arbeitet. «Manchmal kommt mir alles vor wie ein böser Traum», sagt die junge Frau. 

«Ich könnte fotografieren oder als Eventmanagerin arbeiten.»
Ilona Gutsu

Sie sei den Grays sehr dankbar dafür, dass sie sie aufgenommen hätten. Ilona Gutsu hat den Schutzstatus S. Das Sozialamt unterstützt sie finanziell, und vom Sozialamt fliessen zusätzlich wenige hundert Franken an die Grays für Unterhalt und Miete. Nochmals betont Gutsu, dass sie auf eigenen Beinen stehen will. «Ich brauche eine Arbeitsstelle. Ich könnte fotografieren oder als Eventmanagerin arbeiten, das habe ich schon in der Ukraine gemacht.» 

Mike und Susan Gray haben rasch gemerkt, dass ihr Schützling nicht gern Hilfe annimmt. In den ersten Wochen ass Ilona Gutsu wenig. Sie traute sich nicht, sich aus dem Kühlschrank zu bedienen. Dann, eines Tages, habe sie Susan Gray gestanden, gleich drei Schokoladenjoghurts gegessen zu haben. «Ich war so glücklich und habe mich riesig gefreut. Das zeigte mir, sie fühlt sich wohl», sagt Susan Gray.

Mittlerweile bewege sich Illona Gutsu fast frei im Haus. «Wir haben gekocht und Deutsch gebüffelt – Messer, Karotte, schneiden – das fand ich schön, weil ich den Eindruck hatte, sie erhält endlich einen Alltag und ein Zuhause», erzählt Susan Gray. Häufig treffen sich die Frauen in der Küche, am Abend essen Grays und Gutsu meistens gemeinsam. 

Sport verbindet

Das Gespräch am grossen Holztisch ist intensiv, weil es immer wieder emotional wird. Einmal bilden sich Lachfalten um Ilona Gutsus Augen, dort, wo ein dicker, schwarzer Lidstrich endet. Sie erinnert sich daran, wie schön es war, als sie nachts nicht mehr fünf Mal aufstehen musste, weil Kimi endlich stubenrein war. Dann bittet die junge Frau um eine Pause, sie ist müde. Als sie zurück an den Tisch kehrt, ist ihr Lächeln verschwunden, der Blick ist starrer geworden.

Was vermisst sie aus Odessa und würde es gerne hierher zaubern? Diese Frage ist zu viel. Tränen fliessen. Ihr altes Leben, ihre Arbeit, die Familie, die Freunde, all das fehle Ilona Gutsu sehr, sagt Susan Gray. «Sie muss ihren Platz in diesem neuen Leben erst finden». Gutsus Kindheitsfreundin, wegen der sie in die Schweiz gekommen ist, lebt in Pfäffikon im Zürcher Oberland. Die beiden Frauen sehen sich etwa einmal pro Woche.

Mit Mike oder Susan Gray ist sie einige Male zu Freizeitveranstaltungen der Kirchgemeinde gegangen, Ilona Gutsu ist gläubige Christin. «Sport ist ein wichtiger Teil meines Lebens», sagt Mike Gray. Ein Zivildienstler aus der Kirchgemeinde gibt Stunden für Menschen aus der Ukraine, Ilona Gutsu und Mike Gray gehen gemeinsam hin. «Es ist schön, meine Leidenschaft für Crossfit mit ihr zu teilen.» 

«Da kommt jemand mit einem riesigen Rucksack, und wir wissen nicht, was drin ist.»
Susan Gray

Im Alltag aber nimmt der Spassfaktor natürlich nur wenig Raum ein. Seine Frau und er fühlten sich verantwortlich für Ilona Gutsus Wohlbefinden, sagt Mike Gray, wieder ganz Seelsorger. Das Empfinden sei vergleichbar mit der Erziehung eigener Kinder, die der Grays sind bereits erwachsen und ausgezogen. Ihr Sohn Evan ist 25 und lebt in Amerika, die 26-jährige Tochter Natascha doktoriert an der ETH und lebt in Zürich.

In Ilona Gutsu sehen die Grays eine Art Pflegetochter. Sie begleiten sie, unterstützen sie und versuchen sie zu schützen. Gleichzeitig müssen sie lernen, loszulassen und darauf zu vertrauen, dass sie ihren eigenen Weg findet. «Da kommt jemand mit einem riesigen Rucksack, und wir wissen nicht, was drin ist und was ausgepackt wird», schildert Susan Gray die Erfahrung. «Eine Belastung ist es nicht, aber eine Aufgabe», sagt Mike Gray.