Umstrittene Weihnachtskrippe

«Theologen müssen versuchen, zu provozieren»

Eine Weihnachtskrippe ohne heilige Familie als Protest gegen die Trump-Regierung beschäftigt die USA. Grossmünster-Pfarrer Christian Walti unterstützt die Aktion.
Die Anti-Trump-Protest-Krippe von Dedham bei Boston beschäftigt Kirche und Kirchgänger seit Tagen. (Screenshot: youtube.com/ WCVB Channel 5 Boston)

In der Krippe vor der katholischen Kirche St. Susanna in Dedham bei Boston fehlt die heilige Familie. An ihrer Stelle hängt ein Plakat, auf dem steht: «Die Immigrationsbehörde war hier». Die politische Aussage in der Krippe erzürnt Vertreter der katholischen Kirche des Bundesstaats. Manche bezeichnen den verantwortlichen Pfarrer Steve Josoma als «bekannten Dissidenten» (ref.ch berichtete). Die Erzdiözese Boston hat in einer Mitteilung gefordert, dass die Krippe «wiederhergestellt» wird. Ein Entscheid steht noch aus.

Medien berichten, dass Gläubige mittlerweile von ausserhalb anreisen, um an der Messe teilzunehmen: Die Krippe und die politische Haltung Pfarrer Josomas hätten sie dazu bewogen. In den USA ist die Krippe mittlerweile ein nationales Gesprächsthema. Grossmünsterpfarrer Christian Walti hat vor einem Jahr an einem theologischen Institut in New York studiert (ref.ch berichtete) und kennt die Verhältnisse aus erster Hand.

Christian Walti, was halten Sie von der Aktion in Dedham?
Ich finde sie der gegenwärtigen Situation angemessen und interessant.

Weshalb?
Weil es ein Versuch ist, die sozialkritische Bedeutung von Weihnachten in den Vordergrund zu stellen. Es ist eine Kunstaktion mit theologischem Gehalt. Durch einen Verfremdungseffekt wird die Weihnachtsgeschichte mit der Gegenwart verknüpft.

Die meisten Menschen denken bei Weihnachten an Harmonie, Liebe und Geschenke – und nicht an Ausschaffung.
Das ist es ja gerade. Weihnachten und Symbole wie Kerzen, Baum und Krippe sind vereinnahmt worden von Konsum und wohlbehüteter Bequemlichkeit. Das ganze Fest ist derart überlagert von Harmlosigkeit, dass es schwierig ist, die Weihnachtsbotschaft überhaupt noch zu vermitteln. Durch einen Verfremdungseffekt wie diesen mit der unvollständigen Krippe kann es gelingen.

Können Sie das konkreter ausführen?
Das Beispiel aus Dedham legt den Finger auf die richtige Stelle. Die heilige Familie ist ohne Obdach. Und der egomane Herodes will alle kleinen Jungen töten lassen. Vor dieser Gefahr flüchten Maria und Josef mit ihrem Kind. In den USA werden Menschen aufgrund ihres Aussehens festgenommen. Die Verhaftungen durch die Immigrationsbehörde ICE sind theatralisch. Das wird von einem neuen Herodes absichtlich so inszeniert, um zu signalisieren, dass durchgegriffen wird – ein menschenunwürdiges Vorgehen.

Haben Pfarrer Josomas Kritiker also doch recht mit dem Vorwurf, dass er die heilige Familie politisiert?
Das ist noch kein Politisieren, wenn man darauf hinweist, was die Botschaft von Weihnachten ist: Gott macht sich verletzlich, in dem er in Gestalt eines Kindes auf die Welt kommt – und er wird nicht gerade willkommen geheissen. Nennen Sie das politisch oder gesellschaftskritisch oder was auch immer. Es steht nun mal so in der Bibel.

Hinter dem Vorwurf steckt auch die Ansicht, dass die Protestaktion die Krippe zweckentfremdet.
Ich habe sehr viel übrig für die Herzigkeit von Weihnachten. Sie macht die Menschen porös, verletzlich, sentimental und zugänglich für ihre eigene Menschlichkeit. Aber wenn man um der Vorstellung einer heilen Welt willen alles, was nicht in die warme Stube passt, verdrängt, dann ist das eine Zweckentfremdung. Wenn man nicht mehr merkt, dass in der Krippe verletzliche und verfolgte Menschen dargestellt sind.

Das ist für manche sicher provokant …
… und es ist eine wichtige theologische Aufgabe abzuschätzen, wie viel Provokation es an Weihnachten verträgt. Durch das Aufbrechen der harmlosen Oberfläche kann die heutige Bedeutung von Weihnachten neu sichtbar werden. Aber man muss gleichzeitig im Blick behalten, ob man damit wiederum Menschen ausschliesst. Weihnachten ist für alle Menschen da, auch die in der warmen Stube und die Harmoniebedürftigen. Ich finde es nicht gut, wenn man jemandem Weihnachten dauerhaft wegnimmt durch eine solche Aktion. Provokationen verpuffen innert wenigen Tagen. Die Weihnachtsgeschichte hingegen ist immerhin rund 2000 Jahre alt.

Sie sind auch Bahnhofspfarrer am Zürcher Hauptbahnhof. Dort haben Sie eine philippinische Weihnachtskrippe aufgestellt, die auch Reaktionen provozieren kann.
Sie ist ein anderes Beispiel als diejenige in Dedham. Hier geht es im Grunde um den evangelischen Moment, wenn einem ein Licht aufgeht.

Erklären Sie.
Die Krippenfiguren sehen von weitem normal aus. Tritt man näher heran, sieht man, dass sie aus Zeitungen bestehen. Schaut man noch genauer, erkennt man, dass es Boulevardzeitungen sind mit Artikeln über Verbrechen und Inseraten aus dem Sexgewerbe. Je näher man hinzoomt, umso ungemütlicher wird es.

Weshalb?
In diesem Fall besteht Gott aus dem Stoff, den wir verdrängen wollen. In den Zeitungen geht es um Arme, Sexworker, Gewalt – Themen, die wir an Weihnachten nicht unter dem Baum haben wollen. Aber dann geht einem beim Betrachten das Licht auf: Das ist die Weihnachtsgeschichte! Gott geht an den niedersten Ort, einen Stall, wo man sich nicht lange aufhalten möchte, weil es schmutzig ist und stinkt.

Gefaltet haben die Krippe Kinder und Jugendliche aus den Slums von Manila. Was trägt das zur Bedeutung bei?
Aus dem Material, der ihren Alltag abbildet, konnten sie etwas mitgestalten. Für die Jugendlichen ist es ein künstlerischer Beweis, dass es Hoffnung gibt: Ihr Gott ist einer, der in ihrer unmittelbaren Nähe auf die Welt kommen könnte. Diese Krippe berührt mich sehr.

Die Zeitungskrippe ist bis Ende Jahr im Raum der Stille am Zürcher Hauptbahnhof ausgestellt. Sie stammt aus dem Museum KrippenWelt in Stein am Rhein. Das Museum erwirbt künstlerische Krippen auf der ganzen Welt. Seit etlichen Jahren leiht es im Advent jeweils eine seiner Krippen an die Zürcher Bahnhofskirche aus.

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