Wahlen in den USA

«Der politische und spirituelle Widerstand geht in die Verlängerung»

Der zukünftige Pfarrer des Grossmünsters, Christian Walti, verfolgt zurzeit Kurse am Union Theological Seminary in New York. Für ref.ch gibt er Einblicke in die Stimmung unter den Mitstudentinnen und Mitstudenten am Wahltag.

Ein Wahllokal bei der Riverside Church nahe der Columbia Universität. Viele Leute haben schon vor dem Wahltag abgestimmt. (Bild: Christian Walti)

Dienstag, 5. November 2024

8.15 Uhr Ecke 9 Avenue/40 Street
Der Wahltag beginnt für mich wie immer mit einem Kaffee «Americano» bei Corvo an der 9th Avenue. Einige Klientinnen und Klienten kommen schon mit dem «I voted»-Sticker hinein. Einer fragt, ob es zum Election Day ein besonderes Angebot gäbe für Leute, die gewählt haben. Die meisten Leute arbeiten heute ganz normal, nur staatliche Einrichtungen sind geschlossen.

9.20 Uhr Union Theological Seminary, Room 307
Der Unterricht am Union findet ganz normal statt. In Professor Andrea White’s Klasse über «Phänomenologie der Gewalt» besprechen wir heute unsere Forschungsprojekte und gelesene Texte über «Afropessimismus», eine afroamerikanische Denkrichtung, die keine politische Hoffnung für die Befreiung der Schwarzen sieht. Sie habe die Besprechung des Textes absichtlich auf den Wahltag gelegt, sagt Dr. White mit ironischem Unterton. In ihrer Vorlesung erklärt sie dann aber doch etwas hoffnungsvoller, wie wichtig das «Aushalten der Hoffnungslosigkeit» für eine nicht an falschen Hoffnungen orientierte, christliche Glaubensperspektive sei.

«Viele Menschen mit queeren Identitäten studieren am Union Theological Seminary.»
Christian Walti, designierter Grossmünster-Pfarrer

12.00 Uhr St. James Chapel, Union Theological Seminary
Eine ausserordentlich grosse Gruppe Studierender und Professorinnen versammelt sich zum Mittagsgebet. Der Liturgieprofessor Claudio Carvalhaes leitet ein an indigener Spiritualität orientiertes Ritual an: Wir strecken uns aus nach dem Himmel über uns, verneigen uns voreinander und unseren Vorfahren, berühren den Boden, der uns trägt. Dazwischen reichen wir uns immer wieder die Hände. Das Union Theological Seminary ist sehr international. Viele Menschen mit queeren Identitäten studieren hier, weil sie an anderen theologischen Einrichtungen nicht akzeptiert werden. Niemand wagt es hier auszusprechen, aber alle sind nervös und besorgt über das, was kommen könnte. Die Gesten des Rituals beruhigen uns, bestärken uns darin, dass wir nicht allein sein werden.

Das Mittagsgebet zieht mehr Leute an als üblich. (Bild: Christian Walti)
«Doktorand Mark würde am liebsten seinen Kopf für die nächsten vier Tage unter einem Kissen verbergen.»
Christian Walti, designierter Grossmünster-Pfarrer

12.30 Uhr Mittagspause im «Quad», dem Innenhof des Union
Die Bibliothek ist geschlossen und so treffen sich zur Mittagszeit viele Studierende im begrünten Innenhof, dem «Quad». Mark, ein ehemaliger Anwalt und jetziger Doktorand am Union, meint, er würde am liebsten seinen Kopf für die nächsten vier Tage unter einem Kissen verbergen, bei all dem, was nun an Tumult zu erwarten sei. John, ein australisch-palästinensischer Mitstudent, ist sich sicher, dass Trump gewinnen wird.

Christian Walti (rechts) mit John, der sich schon frühzeitig auf einen Wahlsieg von Trump eingestellt hat. (Bild: Christian Walti)

Er denkt aber auch, dass wir uns ohnehin schon längst darauf einstellen müssen, uns gegen die amerikanische Regierung zu organisieren, besonders angesichts dessen, was in Gaza passiert. Schliesslich ist auch Steff da. Er ist ein feuriger Unterstützer von Cornel West, einem bekannten Philosophieprofessor des Union, der als unabhängiger Präsidentschaftskandidat angetreten ist. Er ist besonders besorgt darüber, was bei einer Niederlage von Trump passieren könnte. Er sucht hier die Community der Menschen, die ihm bei allem, was kommen könnte, beistehen wird.

Steff hat den Philosophieprofessor und unabhängigen Präsidentschaftskandidaten Cornel West unterstützt. (Bild: Christian Walti)

18.30 Uhr Ritualseminar mit Claudio Carvalhaes, Union Theological Seminary, Room 207
Im Ritualseminar mit Claudio Carvalhaes hören wir eine Gastvorlesung von Professor Marion Grau aus Norwegen über Aktivismus für den Planeten. Die Fragen nach dem Vortrag werden rasch politisch: Wie sollen wir uns organisieren, falls die rechtlichen Grundlagen für öffentliche Proteste nicht mehr gegeben sind? Was können wir überhaupt sinnvollerweise «tun», wenn das Tun «nur symbolischen Charakter» hat? Was ist überhaupt ein «symbolischer Charakter» in einer hoffnungslosen Welt? Ich fühle immer noch die Hoffnung der letzten Möglichkeiten, aber merke wie sich bei den Studierenden langsam eine gewisse Resignation durchsetzt.

20.30 Uhr Gespräche mit einigen Studierenden vor dem Union, mitten im Broadway
Nach dem Seminar treffen wir uns bei einigen Bänken auf einer Verkehrsinsel mit Getränken und Snacks vom Deli-Geschäft gegenüber. Ausser John sind wir alle «irgendwie» der Überzeugung, dass Harris gewinnen wird. Aber wirklich begründen können wir das nicht.

«Die Stadt, die niemals schläft, ist merkwürdig still.»
Christian Walti, designierter Grossmünster-Pfarrer

Als wir gegen 21 Uhr noch zu einer Wahlnacht «Watchparty» in die Riverside-Church wechseln wollen, finden wir uns vor verschlossenen Türen. Offenbar sind alle schon wieder nach Hause gegangen. Ich interpretiere das zunächst so, als würde niemand mit einem Resultat vor dem Morgen rechnen.

Ich verabschiede mich und breche alleine mit dem Fahrrad auf in Richtung Midtown, wo ich wohne. Auf dem Weg ist «die Stadt, die niemals schläft» merkwürdig still. Es hat kaum Strassenverkehr, die Restaurants und Bars sind fast alle leer. Nur ein paar einsame Taxis und gelegentliche Polizeistreifen durchkreuzen die Strassen. Es wirkt alles angespannt und gespenstisch.

Mittwoch, 6. November 2024

0.30 Uhr Metro Baptist Church, 4. Stock
Zuhause angekommen, sind alle Mitbewohnenden schon schlafen gegangen. Ich schaue die News im TV und verstehe nach und nach, dass das Rennen sich zugunsten Trumps entwickelt. Ich schlafe ein mit dem Gefühl, dass ich und wir alle hier nichts mehr tun können. Die Perspektive der theologischen und politischen «Hoffnungslosigkeit», die am Union Theological Seminary eingeübt wird, ist wohl das einzige, was uns im Moment bleibt. Und der politische und spirituelle Widerstand, an dem viele meiner Mitstudierenden und viele Kirchenleute in meinem Umfeld hier arbeiten, wird nun tatsächlich in die Verlängerung geschickt.

Es fühlt sich taub an. Aber auch echt. Gemeinsam werden wir das schaffen.

«Hat die Wahlnacht die versteckte Gewalt der Amerikanischen Gesellschaft so direkt offenbart? »
Christian Walti, designierter Grossmünster-Pfarrer

8.15 Uhr 9 Av/40 St
Entgegen allen Gefühlen von letzter Nacht: Blauer Himmel über Manhattan. Heute wird es über 25 Grad warm, für den November etwas seltenes auch hier. Draussen vor der Kirche hat sich offenbar gestern Abend noch eine Messerstecherei abgespielt mit mehreren Verletzten. So etwas habe ich bisher hier nicht erlebt. Hat die Wahlnacht die versteckte Gewalt der Amerikanischen Gesellschaft so direkt offenbart? 

Wir sehen noch Blutspuren am Boden. Heute sind die Autoscheibenwascher und Obdachlosen aber wie immer an ihrer Ecke.

Die Freiwillige Ava Solow betreut Asylsuchende in der Kirche – sie spüre eine Dynamik, die den Einsatz für Gerechtigkeit anheizen wird (Bild: Christian Walti)

9.30 Uhr Metro Baptist Church, 40 St
Wir machen die Tische und Stühle bereit für das Hilfsprogramm für Asylsuchende. Ich koche Kaffee. Meine Freunde kommen mit verschlafenen Augen. Einige ganz aufgelöst. Andere zynisch-heiter. Pfarrerin Jana Dye fragt, wie es uns mit unserer ersten Wahl ginge. Wir hätten vor 8 Jahren dabei sein sollen. Das war damals eine richtige Katastrophe. Dieses Mal scheinen alle irgendwie vorbereitet gewesen zu sein. Eine Freiwillige verbreitet Zuversicht: Nun wissen wir, weshalb wir das hier tun. Sie spüre eine Dynamik, die den Einsatz für Gerechtigkeit anheizen wird. Irgendwie will ich ihr glauben. Wäre das dann diese «hoffnungslose Hoffnung» von denen die Theoretikerinnen am Union sprechen? Jedenfalls sind wir nicht alleine mit unseren Gefühlen und Gedanken.

Für den Abend ist ein interreligiöses Gebet in der grössten Kathedrale New Yorks angesagt. Ich denke, das werden nicht leere Gebete sein. Es wird wichtig sein, auch im Glauben zusammenzustehen.

Grosser Andrang bei der interreligiösen Andacht in der St. Johns the Divine Kirche am Tag nach den Wahlen. (Bild: Christian Walti)