USA
Anti-Trump-Protest im Stall von Bethlehem
Die katholische Kirche St. Susanna steht in einem wohlhabenden Vorort von Dedham, einer Kleinstadt in der Nähe von Boston. Jedes Jahr wird vor der Kirche eine Krippe aufgebaut, gut sichtbar für Menschen, die mit dem Auto vorbeifahren. Die diesjährige Krippen-Szene polarisiert die Gemeinde.
Im Stall von Bethlehem sind zwar alle Figuren versammelt – Hirten, Engel, Esel, Ochse, die drei Könige –, aber es fehlt die heilige Familie. Stattdessen hängt ein Plakat an der Stallwand, auf dem steht: «ICE war hier».
Die Abkürzung ICE steht für die US-Immigrations- und Zollbehörde. Deren Beamte machen seit Monaten förmlich Jagd auf Menschen, bei denen es sich um Immigranten handeln könnte. Sie nehmen sie fest, um sie später ausschaffen zu können. Gerade Kirchen versuchen, den in erster Linie gefährdeten Einwanderern aus Südamerika in dieser unsicheren Lage zu helfen (ref.ch berichtete).
«Ich wünschte, alle Kirchen täten das»
Im Interview mit dem Lokalsender «Boston 25 News» macht CJ Doyle seiner Wut Luft. Er ist der Vorsitzende der Catholic Action League von Massachusetts. Der Pfarrer von St. Susanna sei ein «bekannter Dissident», der nicht zum ersten Mal eine solche Aktion durchführe. Aber dieses Mal geht es Doyle zu weit: «Er politisiert Weihnachten! Er nutzt die heilige Familie aus, um seine linke Ideologie zu verbreiten.»
Beim Kritisierten handelt es sich um Pfarrer Steve Josoma. Er arbeitet seit 24 Jahren in der Kirchgemeinde und sagt über die Krippe: «Wir dachten, das sei ein guter Weg, um zu zeigen, welche Dynamik heute in der Welt herrscht.» Er wünscht sich, dass es ihnen viele Kirchen gleichtun.
Es gibt noch mehr politische Weihnachtskrippen
Tatsächlich gibt es dieses Jahr etliche politische Weihnachtskrippen, wie die «New York Times» schreibt. Im Bundesstaat Illinois zeigt eine Kirchgemeinde ein Jesuskind, dessen Arme mit Kabelbindern hinter dem Rücken zusammengebunden wurden. In einer Kirchgemeinde in der Nähe von Chicago fehlen Maria, Josef und Jesus in der Krippe, weil sie sich laut einem Schild vor den ICE-Beamten verstecken müssten.
Für Pfarrer Josoma ist es nicht der erste Protest in Bethlehems Stall: In vergangenen Jahren hat er einmal an der Rückwand des Stalls Tafeln mit der Anzahl von Toten durch Schiessereien in US-Bundesstaaten aufgehängt. Ein anderes Mal stand die heilige Familie im Hochwasser als Protest gegen den Klimawandel. 2018 platzierte Josoma das Jesuskind in einem Eisenkäfig als Kritik an der Einwanderungspolitik der ersten Trumpregierung: Damals wurden an der Südgrenze der Vereinigten Staaten einwandernde Familien getrennt und Kinder in Käfigen eingesperrt.