Leben in den USA nach der Trump-Wahl

«Zurück in die Schweiz? Wir sprechen jeden Tag davon»

Der Emmentaler Thomas Dummermuth ist Pfarrer in einer Kirche in Lincoln, Nebraska. Den Einfluss der Trump-Regierung spürt er beinahe täglich. Seiner Gemeinde predigt er, zwischendurch offline zu gehen.
Die presbyterianische Kirche von Eastridge in der US-amerikanischen Stadt Lincoln ist der Arbeitsplatz von Thomas Dummermuth. Der Emmentaler lebt seit fast 15 Jahren in den USA. (Bild: zvg)

Herr Dummermuth, sie sind Pfarrer in einer Stadt in Nebraska. Wie hat sich das Leben unter der Regierung Trump verändert?
Dummermuth: Am stärksten hat sich die Befindlichkeit geändert – bei mir selbst und bei vielen Menschen in meiner Gemeinde. Es herrscht eine spürbare Verunsicherung: Was heute gilt, kann morgen schon wieder anders sein. Das betrifft nicht nur die landesweite Politik, sondern auch uns ganz konkret hier vor Ort: Lincoln ist eine Universitätsstadt. Ich kenne Studierende und Doktoranden, deren Projekte von einer Woche auf die nächste schlicht nicht mehr existieren.

Hat die neue Politik auch Auswirkungen auf Ihre Kirchgemeinde?
Ja, zum Beispiel im sozialen Bereich. Wenn ich hier aus meinem Fenster schaue, sehe ich neben dem Kirchengebäude unsere «Food Pantry» – eine Lebensmittelausgabe für Menschen in Not. Wir arbeiten eng mit der lokalen Food-Bank zusammen, die in der ganzen Stadt weitere Ausgabestellen betreibt. Bis vor Kurzem erhielt sie frisches Gemüse von Bauern aus der Region – finanziert durch ein staatliches Programm. Dieses ist nun eingestellt worden. Die allgemeine Verunsicherung trifft die Ärmsten am stärksten. Wird dann auch noch an solchen sozialen Projekten gespart, trifft es die Schwächsten gleich doppelt.

Haben Sie seelsorgerlich mehr zu tun?
Es ist schwierig, das zu quantifizieren. Es ist mehr ein Gefühl, das mich zur Kanzel begleitet. Zwar äussere ich mich im Gottesdienst nicht explizit politisch, aber ich versuche, dieses Gefühl zu benennen, das gerade herrscht. Viele Leute wissen nicht, wo ihnen der Kopf steht. Sie sind überfordert von den Nachrichten. Manche kommen nach der Predigt zu mir und sagen, diese Worte hätten sie gebraucht. Aber wir haben auch Mitglieder verloren seit Januar. Sie meinten, wir seien zu politisch.

In den USA gibt es keine Kirchensteuer, man ist angewiesen auf die Beiträge der Gemeindemitglieder. Beeinflusst Sie das?
Während des Wahlkampfs hatte ich stärker das Gefühl, mich vorsichtiger äussern zu müssen – um nicht den Eindruck zu erwecken, Partei zu ergreifen. Aber heute erleben wir eine Krisensituation. Was viele empfinden, empfinde ich auch. Es geht heute nicht darum, für eine politische Seite Partei zu ergreifen. Ich halte es mit Bischöfin Budde, die im Gottesdienst zu Donald Trumps Amtseinführung klarmachte: Der Jesus, an den wir glauben, ist anders, als jener der religiös aufgeladenen politischen Macht, die wir im Moment sehen. Ich meine, das darf man sagen – besonders dann, wenn sich Menschen auf Jesus berufen und dabei ein Bild verbreiten, das mit Jesus von Nazareth wenig zu tun hat.

Was können Sie den Menschen geben, die zu Ihnen in den Gottesdienst kommen?
Im Vergleich zu der Zeit vor dem Regierungswechsel bemerke ich eine Veränderung beim Schreiben der Predigt sowie der Vorbereitung und Gestaltung der Gottesdienste. Heute ist es mir besonders wichtig, die Resilienz der Menschen zu unterstützen. Sie sollen durchatmen können. Ich lade sie ein, sich bewusst zu machen, wo ihr Herz steht – im Leben und im Glauben. Und ich ermutige sie, den Blick auf ihr unmittelbares Umfeld zu richten:  Wo bin ich handlungsfähig? Wo kann ich etwas bewegen? Seit ich diese Themen in den Mittelpunkt stelle, ist eine neue Dringlichkeit, aber auch eine neue Klarheit, in meine Arbeit gekommen.

Wie vermitteln Sie das konkret?
Ich lade die Besucherinnen und Besucher ein, präsent zu sein in diesem Moment und mit den Füssen auf dem Boden zu stehen. Im Gottesdienst integrieren wir spirituelle Übungen und geben Impulse mit, die sich im Alltag weitertragen lassen. Diese Woche etwa lautet die Einladung: Achte auf das, was buchstäblich in deiner Reichweite liegt – im Radius deiner Armlänge.

Vereinfacht gesagt, sollen die Leute nicht ständig Nachrichten verfolgen und in die Sozialen Netzwerke schauen.
Ja, genau. Ich gebe ihnen die Erlaubnis, einmal abzuschalten. Viele haben den Anspruch, als gute Bürgerinnen immer auf dem Laufenden zu sein. Aber wir sehen, dass wir dadurch die Nähe zu anderen Menschen einbüssen. Wir sind wie gelähmt, weil wir Menschen nicht dafür gemacht sind, ständig von diesen Reizen überflutet zu werden. Ich glaube, es geht jetzt darum, dort präsent und aktiv zu sein, wo wir tatsächlich wirken können. Das schafft Selbstwirksamkeit – anstelle des lähmenden Gefühls der Hilflosigkeit.

Zur Person

Seit 2011 lebt Thomas Dummermuth in den Vereinigten Staaten. Er ist mit einer US-Amerikanerin verheiratet und hat drei Kinder. Angestellt ist er als Pfarrperson bei der presbyterianischen Kirche in der Universitätsstadt Lincoln, Nebraska.

Die Presbyterianische Kirche ist gemässigt und galt früher als eine der Hauptkirchen der USA. Heute zählt sie noch knapp über eine Million Mitglieder – in einem Land mit 340 Millionen Einwohnern. (dst)

Was kann man tun angesichts der vielen Veränderungen in den USA?
Unsere Kirchgemeinde ist Teil eines Netzwerks von 25 religiösen Gemeinschaften. Jedes Jahr führen wir sogenannte «Listening Sessions» durch – Gesprächsabende, bei denen gefragt wird: Was hält dich nachts wach? Aus diesen Rückmeldungen wählen wir dann einen oder zwei Schwerpunkte aus, für die wir uns lokal engagieren. Das kann Zugang zu psychologischer Unterstützung sein oder Kampf gegen Wohnungsnot und zu hohe Mieten. Zusammen sind wir 1500 Menschen und wir binden gezielt politische Vertreter mit ein.

Sie haben die Predigt von Bischöfin Mariann Budde erwähnt. Was hat sie in Ihnen ausgelöst?
Ich dachte: «Wow, da wagt jemand, den Kopf rauszustecken.» Ich fand es beeindruckend, wie sie den Präsidenten direkt ansprach. Sie machte ihm keinen Vorwurf, sondern bat um Barmherzigkeit. Das hat mich sehr angesprochen. Sie zeigte: Gerade im leisen Ton liegt vielleicht die stärkste Antwort auf den christlichen Nationalismus.

Können Sie das genauer ausführen?
Sie sagte sinngemäss: Ich nehme euch ernst und euer Gefühl, in göttlichem Auftrag zu arbeiten. Doch wir verstehen Gott als einen Gott der Barmherzigkeit und ich bitte euch, zu hören, dass die Leute Angst haben und verunsichert sind. Die Predigt hat sehr viel ausgelöst, im Guten wie im Schwierigen. Aus gewissen Kreisen kam sofort heftige Kritik. Man nannte sie eine «Fake»-Bischöfin. Das zeigt mir: Die Immunisierung mancher Menschen in ihren Ansichten ist sehr stark. Wie sie durchbrochen werden kann, ist für mich theologisch und praktisch eine Schlüsselfrage.

Haben Sie schon eine Antwort gefunden?
Es gibt keine einfache Antwort. Aber ein Satz aus der Predigt der Bischöfin begleitet mich: Sie zitierte den russischen Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn, der in einen Gulag gesteckt wurde, weil er den Machthaber Stalin kritisiert hatte. Er schrieb: «Die Linie zwischen Gut und Böse verläuft durch das eigene Herz.» Wer sich das eingesteht, ist erreichbar. Genau dort versuche ich anzusetzen: nicht mit moralischer Überlegenheit, sondern mit ehrlichem Interesse. In einem Klima, in dem vieles polarisiert und festgefahren ist, glaube ich: Echte Begegnung und innere Selbstreflexion gehören zu den wenigen Brücken, die uns bleiben.

In einem Interview von 2023 sagten Sie, die Demokratie in den USA kämpfe ums Überleben. Wie würden Sie das heute formulieren?
Ich würde sagen, sie ist ernsthaft gefährdet. Im Moment herrscht nicht nur ein ideologischer Kampf zwischen den Parteien, sondern zunehmend ein Kampf gegenüber den Institutionen selbst. Ich bin ernüchtert, wie gross die Unterstützung für eine Politik ist, die gezielt auf Zerstörung und Verunsicherung setzt. Für mich ist das Ausdruck eines tiefen Nährbodens an Frustration und Unzufriedenheit – und darin liegt die eigentliche Gefahr.

Was wird in den nächsten Jahren auf Lincoln und auf Ihre Kirchgemeinde zukommen?
Unserer Stadt ging es gut. Viele Menschen arbeiteten in der Verwaltung, an der Uni oder im Gesundheitswesen. Es ist eine bunte Stadt, die sich seit den späten 1970er-Jahren aktiv in der Aufnahme und Integration von Geflüchteten engagiert hat. Doch im neuen politischen Klima kommt das nicht gut an. Bisher gab es zwar noch keine Ausschaffungen von Migranten, aber die Anzeichen verdichten sich. Wir als Kirchgemeinde haben deshalb bereits einen Notfallplan ausgearbeitet für den Fall, dass es zu Deportationen kommt. Und klar ist: Wenn es so weit ist, werden wir helfen.

Ihre Frau ist Amerikanerin, Ihre drei Kinder sind in den USA aufgewachsen. Ist es für Sie eine Option, in die Schweiz zu kommen, wenn die Lage sich verschlechtert?
Jeden Tag denken wir darüber nach. Die gegenwärtige Krise lässt die Schweiz in besonders gutem Licht erscheinen. Gleichzeitig bin ich hier tief verankert – familiär und als Pfarrer einer Kirchgemeinde. Ich will diese Leute und diese Stadt, die ich liebe, nicht im Stich lassen, nur weil ich es könnte. Im Gegenteil: Gerade jetzt habe ich das Gefühl, dass ich hier etwas bewirken kann.

Womit?
Indem ich meine Einwanderungsgeschichte teile. Ich weiss aus eigener Erfahrung, was es heisst, Einwanderer zu sein. Und ich merke, dass meine Perspektive Gehör findet. Natürlich hatte ich es leichter als viele andere, in den USA bleiben zu dürfen – vor allem, weil ich während des gesamten Prozesses von einem Anwalt begleitet wurde. Ich weiss, wie schnell ein kleiner Fehler reichen kann, damit der Traum platzt. Seit 2011 lebe ich in den USA – und doch habe ich mich in all diesen Jahren nie so sehr als Migrant gefühlt wie jetzt.

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