Übertritt von der katholischen in die reformierte Kirche

«Ich dachte lange an den Wechsel – jetzt musste es sein»

Sie sind gläubige Menschen, verwurzelt in der katholischen Kirche. Dann treten sie aus und werden reformiert. Warum? Vier Menschen erzählen von der Konversion.

Neue Mitglieder schildern, sie erlebten die reformierte Kirche im Vergleich zur Katholischen als offener. (Illustration: Bureau Chateâu)

Sacha Rüegg

«Ich denke schon lange reformiert»

Zum Jahreswechsel habe ich die Konfession gewechselt. Lange Zeit hatte ich darüber nachgedacht und es doch nie getan. Doch jetzt musste es sein. Aufgewachsen bin ich in Langnau am Albis. Ich ging in die katholische Kirche, empfing die Erstkommunion, wurde gefirmt, lernte Orgelspielen und übte regelmässig in der Kirche. Bald begleitete ich den ersten Gottesdienst, ich machte nur gute Erfahrungen in der katholischen Kirche. Ein paar Jahre lang spielte ich abwechslungsweise in den katholischen und den reformierten Gottesdiensten in Langnau die Orgel.

Seit 25 Jahren bin ich in der Offenen Kirche St. Jakob in Zürich als Organist angestellt. Es war nie ein Problem, dass ich katholisch war. Aber je länger ich hier arbeitete, desto stärker identifizierte ich mich mit der reformierten Kirche. Es gefällt mir, dass dieser Ort hier mitten in der Stadt so offen und frei ist. Ich lernte viele spannende Pfarrpersonen kennen und erlebte sie in den Gottesdiensten. Ich machte mir meine Gedanken darüber, was in den Predigten gesagt wurde.

«Ich liebe die katholische Liturgie weiterhin. Eine Osternacht in Einsiedeln ist ein herrliches Erlebnis.»
Sacha Rüegg, Organist

In der katholischen Kirche habe ich zwar starke Wurzeln, aber ich denke schon lange reformiert. Nach wie vor liebe ich die Liturgie in einem festlichen katholischen Gottesdienst mit dem ganzen Brimborium. Eine Osternacht in Einsiedeln ist ein herrliches Erlebnis. In den Ferien besuche ich gerne eine Messe in einer Kathedrale. Dabei geht es mir aber vor allem um die Musik und die Orgel, die darin steht.

Obwohl ich keine negativen Erlebnisse in der katholischen Kirche gemacht habe, ist es nicht mehr meine Kirche. Ich nehme sie insgesamt als schwerfällig wahr und dass sie sich nicht bemüht, ihre dunklen Seiten aufzuarbeiten. Mich stört, dass vordergründig alle Katholiken dazugehören, aber trotzdem viele ausgeschlossen werden. Homosexuelle zum Beispiel oder Geschiedene, welche die Kommunion nicht empfangen dürfen. Oder dass die Frauen so wenig zu sagen haben.

In meinem Austrittsschreiben schrieb ich, es sei mir bewusst, dass an der Basis viel wertvolle Arbeit geleistet werde, aber die Kirche verliere viele Mitglieder, weil sie so unbeweglich sei. Ich wollte zeigen, dass ich nicht mehr hinter der katholischen Kirche als Ganzes stehen kann.

Durch den Wechsel der Konfession hat sich meine Beziehung zu Gott nicht verändert, meine Einstellung zur Institution Kirche hingegen schon. Bei den Reformierten fühle ich mich wohl. Ich bin ein gläubiger Mensch und es war kein Thema, auszutreten und konfessionslos zu sein.

Sacha Rüegg ist Organist. Der 51-Jährige arbeitet für die Offene Kirche St. Jakob in Zürich

Nicole Zaugg

«Ich bin wegen den konservativen Priestern ausgetreten»

Früher war ich sehr aktiv in der katholischen Kirche. Ich engagierte mich in der Jugendarbeit der Kirchgemeinde, leitete Jugendlager und sass in der Kirchenpflege. Dabei war mir immer bewusst, dass meine «kirchliche Karriere» vom damaligen Pfarrer der Gemeinde abhing. Charismatisch war er und offen für alle. Er begleitete mich von der Kindheit bis ins Leben als junge Erwachsene.

Später zog ich in eine andere Gemeinde und fand nie mehr etwas Vergleichbares. Die Pfarrer waren andernorts viel konservativer, in ihren fixierten Werten verankert. Häufig fehlte die Offenheit gegenüber Frauen, anderen Religionen, anderen Lebensformen. Mich beschlich das Gefühl, dass es nicht mehr viele Kirchgemeinden geben könne, in denen ich mich als ökumenisch orientierte Katholikin wohlfühlen würde.

«Mir gingen die veralteten Ansichten gegen den Strich.»
Nicole Zaugg, Tierärztin

In einer Gemeinde sang ich im Kirchenchor. Wir hatten einen konservativen Priester mit veralteten Ansichten. Im Gottesdienst ging mir das so gegen den Strich, dass mir die Freude am Singen verging. Deswegen trat ich schliesslich aus dem Chor aus.

Und nun bin ich zu Beginn des Jahres auch aus der katholischen Kirche ausgetreten. Es war für mich kein schwieriger Schritt, aber in meiner Kirchgemeinde in Brugg waren viele Mitglieder irritiert. Durch meine Arbeit als Homöopathin bin ich gewohnt, jeden Menschen so zu nehmen, wie er zu mir kommt. In der katholischen Kirche sehe ich diese Haltung nicht mehr.

Die Skandale in der katholischen Weltkirche gaben nicht den Ausschlag für meinen Austritt. Es waren viel mehr meine Erfahrungen im persönlichen Umgang mit den Pfarrern und Priestern. Dass ich jetzt nicht gleich konfessionslos bin, liegt an meinem Mann. Er ist reformierter Pfarrer und deshalb wollte ich natürlich der Kirche nicht ganz den Rücken kehren. Im Ernst: Unsere drei Kinder sind reformiert aufgewachsen und durch sie hatte ich schon einen Einblick in das kirchliche Leben der Reformierten. Ich hatte ihretwegen schon früher darüber nachgedacht, die Konfession zu wechseln.

Es kann sein, dass ich den «Pomp», den Ablauf, das Feierliche der katholischen Messe vermissen werde, was es in jedem Land, in jeder Sprache sehr einfach macht, dem Gottesdiensts zu folgen. Aber sonst? Es gefällt mir, wie offen und zugewandt die Reformierten sind. Ich fühle mich sehr willkommen. Katholische Pfarrer waren häufig distanziert. Vor einem reformierten Gottesdienst werde ich von der Pfarrperson persönlich begrüsst.

Die 53-jährige Nicole Zaugg ist Tierärztin, sie lebt in Brugg AG.

Corinne Zbären-Lutz

«Die Missbrauchsstudie war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brauchte»

Ich wuchs in Solothurn in einer gemischt-konfessionellen Familie auf. Mein Vater war katholisch, meine Mutter reformiert. Als meine Eltern in der katholischen Kirche heiraten wollten, mussten sie erst unterschreiben, dass ihre Kinder katholisch getauft werden. So kam es, dass ich meine religiöse Erziehung in der St. Ursen-Kathedrale erhielt. Ich habe schöne Erinnerungen an diese Zeit. Die Kirche war in den 70er Jahre viel präsenter als heute, sie bestimmte die Fixpunkte im Leben. Unter meinen Gspänli war damals nur ein einziges konfessionslos.

Mit dem Studium trat die Kirche für mich in den Hintergrund, andere Dinge wurden wichtiger. Auch später war ich nie praktizierende Katholikin. Für meine eigene Spiritualität brauchte ich den sonntäglichen Gottesdienstbesuch nicht. Wichtig ist mir aber, dass unsere christlichen Feiertage noch für etwas anderes stehen als nur für Konsum.

Die starren Vorgaben der katholischen Kirche, etwa zum Thema Verhütung, fand ich nicht zeitgemäss. Ich störte mich auch daran, dass meine reformierte Mutter sitzen bleiben musste, wenn wir im katholischen Gottesdienst die Kommunion empfingen. Solche Regeln sind für mich nicht stimmig, weil sie Menschen ausschliessen, die mir nahe sind.

«Mir wurde klar, dass man in der katholischen Kirche in den letzten zwanzig Jahren nichts gelernt hatte.»
Corinne Zbären, Anwältin

Zum ersten Mal an Austritt dachte ich, als ich 2004 nach Luzern zog und dort meinen Mann heiratete. Er ist reformiert. Damals war das Thema Missbrauch in der katholischen Kirche schon einmal aktuell. Schliesslich entschied ich mich aber gegen eine Konversion. Ich wollte nicht nur deshalb zu den Reformierten wechseln, weil mir ein Teil des Katholizismus missfiel.

Zehn Jahre später sprach sich der Vatikan noch einmal klar gegen ein gemeinsames Abendmahl von Katholiken und Protestanten aus. Das war für mich völlig unverständlich. In der reformierten Kirche, die ich zusammen mit meinem Mann besuchte, erlebte ich mehr Offenheit. Dort sagten die Pfarrpersonen, alle seien willkommen, Reformierte und Katholikinnen.

Die Missbrauchsstudie von vergangenem Herbst war der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Mir wurde klar, dass man in der katholischen Kirche in den letzten zwanzig Jahren nichts gelernt hatte. Statt die Täter zu verfolgen, hat man sie versetzt oder ihre Handlungen gar vertuscht. Das war für mich der Moment, den Austritt aus der katholischen Kirche zu erklären.

Ich verstehe mich bis heute als Christin. Gar keiner Kirche anzugehören, kam für mich nicht in Frage. Ich wollte nicht konfessionslos sein. Die reformierte Kirche war mir aufgrund meiner Familie und durch meinen Mann bereits nahe, also wurde ich reformiert. Mit ihren sozialen Projekten leisten die Kirchen für die ganze Gesellschaft Dienste, die ich nach wie vor unterstützen möchte.

Die 56-jährige Corinne Zbären-Lutz ist Anwältin und lebt in Malters LU.

Carla Bieri*

«Das Zölibat und den Ausschluss der Frauen vom Priesteramt halte ich für unmenschlich»

Ich wurde in eine katholische Familie geboren, meine Grossmutter war sehr gläubig. Als Kind war es für mich normal, in die Kirche zu gehen, den Religionsunterricht zu besuchen und zu ministrieren. Die katholischen Rituale kenne ich in- und auswendig, sie bedeuten für mich Tradition.

Als gläubig würde ich mich aber nicht bezeichnen, höchstens als spirituell. Spiritualität bedeutet für mich, sich am Wunder der Welt zu erfreuen, darüber nachzudenken und zu sich zu kommen. Dieses Bedürfnis hat die Kirche in meiner Kindheit abgedeckt – auch das Gefühl, beschützt zu sein.

Seither hat die Religion in meinem Leben aber keine grosse Rolle mehr gespielt. Zur Kirchgemeinde des Dorfes, in dem ich aufgewachsen bin, habe ich keinen Bezug mehr. Von der Kirche habe ich mich schon seit Längerem entfernt. Als mich im Teenageralter ein Priester einmal aufforderte, zur Beichte zu gehen, habe ich ihm gesagt, dass ich nichts zu beichten hätte.

Mit der Doppelmoral der katholischen Kirche hatte ich schon immer Mühe. Die Missbrauchsfälle sind grauenhaft. Niemand hat etwas gesagt, vieles wurde vertuscht. Das Zölibat und den Ausschluss der Frauen vom Priesteramt halte ich für unmenschlich. Meine Kinder konnte ich deshalb nicht guten Gewissens in die katholische Kirche einführen. Sie sind wie mein Mann reformiert.

«Ganz ohne Kirche wollte ich nicht leben.»
Carla Bieri*

Selber die Konfession zu wechseln ergab für mich zunächst aber keinen Sinn, da ich dennoch in der katholischen Tradition verankert bin. Ausserdem blieb ich auch ein wenig meiner Grossmutter zuliebe Mitglied der katholischen Kirche. Sie verstarb vor rund 10 Jahren.

Den Ausschlag für meinen Austritt gab schliesslich die Missbrauchsstudie der katholischen Kirche vom vergangenen Jahr. Enttäuscht hat mich, dass ich als Antwort nur einen Standardbrief von der katholischen Kirche erhalten habe, obwohl ich die Gründe für meinen Austritt aufgezählt habe. Sie hätten mindestens darauf eingehen können.

Ganz ohne Kirche wollte ich aber nicht leben. Ich finde, sie erfüllt einen Zweck. Mir ist etwa wichtig, dass meine Kinder eine Art spirituelle Bildung erhalten. Die Werte, die ihnen im Konfirmationsunterricht vermittelt werden – Nächstenliebe und Menschlichkeit – entsprechen meiner Vorstellung von Kirche.

Letztlich zählt, was in der lokalen Kirche läuft. Das gilt auch für die katholische Kirche. Es gibt viele Leute, die sich für Dinge einsetzen, die mir wichtig sind. Zur reformierten Kirchgemeinde meiner Kinder habe ich mittlerweile aber einen viel stärkeren Bezug. Deshalb bin ich ihr beigetreten. Im Rahmen ihres Konfirmationsunterrichts besuche ich manchmal einen Gottesdienst.

Ich bin der Meinung, dass sich die Kirche auf ihren Unique Selling Point konzentrieren und das anbieten sollte, was sich so viele Menschen wünschen: Dem Alltagsstress zu entkommen, sich auf die eigenen Werte zu besinnen, sich Gedanken über die eigenen Bedürfnisse und diejenigen der anderen Menschen zu machen. Und Musik zu hören – beispielsweise eine Bach-Kantate oder Orgelmusik. In der Kirche kann man die ganze Kulturgeschichte erleben, wer ausser ihr bietet das sonst noch an? Sie muss einen Weg finden, das in die moderne Zeit zu übersetzen.

Die Missbrauchsstudie der Evangelischen Kirche in Deutschland bereitet mir Sorgen. Wenn es auch hierzulande so schlimm ist, müsste ich mir Gedanken machen, ob ich Mitglied bleiben will. Die Hemmschwelle für einen Austritt ist jetzt sicher etwas tiefer, nachdem ich schon der katholischen Kirche den Rücken gekehrt habe.

Carla Bieri* ist Mitte 40.

*Auf Wunsch anonymisiert