«Man muss die Krisen anpacken – und nicht aussitzen»
Michel Müller, Sie hatten für eine vierte Amtszeit kandidiert, zogen sich aber überraschend zurück. Bereuen Sie diesen Entscheid jetzt, kurz nach der Wahl?
Nein. Meine neue Stelle als Pfarrer im Kanton Luzern ist eine gute Perspektive für die nächsten Jahre. Meine Nachfolgerin wird in der Synode breit unterstützt. Das hat mir geholfen zu sagen: Es ist gut, wie es ist.
Aber Sie verlieren Macht und Einfluss. Einer Ihrer Kollegen scherzte 2011, Sie seien nur Kirchenratspräsident geworden, weil sie eine Führungsposition in der Kirchgemeinde abgeben mussten.
Ueli Bona und ich waren wirklich gut befreundet. Deshalb spürte er das schon richtig. Als Konventspräsident in der Kirchgemeinde Thalwil merkte ich: Ich bin gern in einer Führungsposition. Das sagte ich auch bei meinem Abschied im Oktober an der Synode: Ich habe Macht genossen, weil ich damit gestalten, Prozesse anregen, in Gang bringen und am Laufen halten konnte.
Welche Art Chef sind Sie?
Mir wurde ein Führungsstil attestiert, der inspiriert und die Leute motiviert. Im engeren Kirchenumfeld ist mir das gut gelungen. In der Synode war es zu Beginn gut, wurde aber immer harziger. Das ist politisch normal: Ein Teil der Leute zieht von Anfang an mit, ein Teil lässt sich bewegen und 20 Prozent bleiben Bremser.
Waren Sie frustriert?
Das nicht gerade. Aber irgendwann spüren die Menschen, dass es einen Wechsel braucht. Jetzt kommt eine frische Kraft, eine Frau, die Freude am Amt hat und es auch neu entdeckt. Neue Leute müssen Neues ausprobieren können – mit der Zeit ist man ja auch etwas betriebsblind geworden.
Nach zwölf Jahren ...
… zwölfeinhalb! Eigentlich ist das eine lange Zeit. Ich verstehe die Menschen, die sagen, das sei genug. Heute läuft alles schneller, auch in anderen Exekutiven macht kaum jemand mehr als drei Amtsperioden.
Apropos Schwierigkeiten: Sie haben den Reformprozess «KirchGemeindePlus» angestossen und begleitet. Es ging unter anderem um die Zusammenlegung von Kirchgemeinden – ein emotionales Thema. Haben sich die Mühen gelohnt?
Das wird sich zeigen. Dass sich so viele Menschen auf diesen Weg gemacht haben, davor habe ich grössten Respekt. Und wir lassen den Prozess mit einer grossangelegten Begleitstudie evaluieren. Das geschieht sonst fast nirgends. Die Auswertung kommt nächstes Frühjahr in die Synode. Dem will ich jetzt nicht vorgreifen.
Aber Sie hatten schon Einblick.
Ich habe viel Anerkennendes und auch ein paar kritische Voten gelesen. Der Prozess ist nicht zu Ende, so etwas dauert lange und bringt Veränderung. Gottesdienst und Gemeinschaft sind nun häufig nicht mehr im Quartier oder im Dorf. Man muss einen Weg auf sich nehmen und sich stärker dazu bekennen, reformiert zu sein. Das ist auch positiv.
Inwiefern?
Die Vorstellung, dass man zufällig reformiert ist, weil man an einem bestimmten Ort lebt, ist überholt. Die reformierte Kirche steuert auf eine Diaspora-Situation zu: Um eine gesellschaftliche Ausstrahlung zu haben, muss sie die Menschen auf regionaler Ebene zusammenbringen. Als Zürcher Landeskirche haben wir früh mit dem Prozess begonnen. Das heisst: Wir haben genügend Zeit, Geld und Leute dafür. Wir müssen nicht plötzlich Kirchen schliessen und Kirchgemeinden zusammenlegen.
Sie sind also zufrieden?
Wer sich selbst bewegt hat, fühlt sich besser, als wer sich bewegen lässt. Das ist für mich Ausdruck des Glaubens: Etwas wagen, anstatt zu warten, bis es nicht mehr anders geht. Aber man verliert auch immer etwas. «KirchGemeindePlus» wird auch dann etwas gebracht haben, wenn wir aus den Fehlern und voneinander gelernt haben.
Was haben Sie gelernt?
Dass ich in dem Prozess länger und mehr hätte kommunizieren sollen. Zu Beginn kommunizierte ich viel und dann immer weniger. Ich wurde ungeduldig und ein bisschen müde, stets dasselbe zu erklären. Ich hätte dranbleiben und die Menschen immer wieder ermutigen müssen. Zwar hatte ich nicht unterschätzt, wie lange Gemeinden brauchen, um gewachsene Strukturen zu verändern. Mir selber fehlte dazu aber manchmal die Geduld. Dass ich zum Schluss die Innovationsphase noch mitanregen konnte, freut mich sehr.
Oft haben Sie sich mit Haut und Haar für ein Thema eingesetzt. Etwa für Diversity und die «Ehe für alle». Aus welchem Antrieb?
Weil ich es wichtig fand. Die Synode hatte bereits 1999, noch vor meinem Amtsantritt als Synodaler, beschlossen, Diversity zu fördern. Aber als die Gesellschaft Jahre später die «Ehe für alle» forderte, zeigte sich, dass die reformierte Kirche wenig vorweisen konnte. Dabei ist Liebe unser Kernthema. Wir mussten Stellung beziehen, um glaubwürdig zu bleiben. Ich sagte mir: Wir sind gefragt, das geht uns direkt an. Was wird aus uns, wenn wir zur Liebe nichts mehr zu sagen haben?
Und dann sah man Sie auf Demonstrationen für ein Ja zur «Ehe für alle».
Ich spürte, dass es für uns um alles ging: Um Liebe und ums Evangelium. Ich warf mich hinein und hatte auch Lust, ein bisschen zu provozieren. Wichtiger fand ich aber, dass die Zürcher Kirche eine positive Vernehmlassungsantwort an den Bund ablieferte.
Positioniert haben Sie sich auch in anderem Zusammenhang. Als es in der Causa Locher um Grenzüberschreitungen und den Rücktritt des damaligen Präsidenten der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) ging, bezogen Sie Stellung auf nationaler Ebene. Was hat das mit Ihnen gemacht?
Jemand musste sich dieses Themas annehmen. Das konnte am ehesten machen, wer am wenigsten abhängig war. Und ich wusste, dass ich nicht alleine war.
Wie war es, als die «Causa Locher» ans Licht kam?
Viele wussten oder ahnten zumindest von seinem Verhalten. Man musste damit rechnen, dass es irgendwann einmal an die Öffentlichkeit kommen würde. Die Uhr tickte schon lange. Überraschend war, dass es durch ein Verhältnis mit einem EKS-Ratsmitglied so weit kam. Ich kritisierte ja hauptsächlich das Präsidialverhalten. Auch wenn es um einen selber geht: Als Präsident muss man heikle Themen angehen und darf nicht versuchen, eine Krise auszusitzen. Vielleicht hätte sich Locher durch die richtige Kommunikation sogar im Amt halten können. Aber im Gegenteil, es hiess bald: Bist du nicht für mich, bist du gegen mich. Das Misstrauen wuchs. Mittlerweile funktioniert die Zusammenarbeit in der EKS wieder einigermassen. Für die Herausforderungen der Zukunft braucht es sie als Auffangorganisation, aber das setzt sehr viel Vertrauen voraus.
Die EKS hat die Causa in einer externen Untersuchung aufgearbeitet, der neue Rat ist der Ansicht, vieles habe sich verbessert. Sehen Sie das auch so?
Da gebe ich Ihnen keine direkte Antwort. Ich glaube, man sollte ein Bewusstsein dafür behalten, dass eine 100-jährige Organisation Altlasten hat und eine solche Krise Schatten wirft und Verletzungen hinterlässt. Es ist gut, mit einem neuen Rat nach vorne zu schauen. Aber wenn er auf Widerstände trifft, kann das mit alten Geschichten zusammenhängen.
Bei Ihrem Abschied von der Zürcher Synode im Oktober sagten Sie, Sie würden eine Kirche weitergeben, die in guter Verfassung sei. Aber Probleme wie Pfarrmangel und Austritte sind da. Sind Sie insgeheim erleichtert, gehen zu können?
Wenn ich nur Erleichterung spürte, wäre es billig. Aber: Es ist schon etwas dran. Wir stehen vor sehr grossen Herausforderungen und ich hatte angeboten, einen Übergang zu gestalten. Auf der Baustelle, die ich hinterlasse, hat es aber nicht nur Krisen, sondern auch die nötigen Ressourcen. Ich gehe mit einem guten Gefühl, weil ich die Probleme nicht verschlafen, sondern angepackt habe. Den Pfarrmangel zum Beispiel: Vom Lehrermangel lernten wir und bauten das Angebot zum Quereinstieg in den Pfarrberuf auf.
Sie verschwinden jetzt von der Bildfläche und wechseln in den Kanton Luzern, wo nur jeder Zehnte reformiert ist. Haben Sie keine Angst, dass es Ihnen dort zu klein und zu still werden könnte?
Ein Stück weit suche ich genau das. Der Kantonswechsel ist der richtige Entscheid. Ich komme in eine kleinere und feine Kirche. Und ich will gar nicht erst in Versuchung kommen, Esther Straub nach meinem Abgang Tipps zu geben.
Sie lachen. Aber wie geht es Ihnen damit, die Privilegien ablegen zu müssen, nachdem Sie lange Zeit Macht und Einfluss ausüben konnten?
Es ist schön, nicht gleich in die Pensionierung loszulassen, sondern nochmals in den Pfarrdienst zu wechseln. Mein Wirkungsbereich mag kleiner sein und auch die Reichweite dessen, was ich sage. Aber ich finde es enorm bereichernd, wieder seelsorgerisch tätig zu sein – ich hatte schon erste solche Gespräche am Telefon und jemand hat bereits einen Termin für ein Traugespräch vereinbart. Ich fühle mich willkommen, stehe vor neuen Herausforderungen und bin ein bisschen aufgeregt.