Krieg in der Ukraine

ÖRK-Generalsekretär hält an Dialog mit Russisch-orthodoxer Kirche fest

Seit wenigen Wochen ist Jerry Pillay Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK). Im Interview mit dem Evangelischen Pressedienst plädiert der Südafrikaner für eine Fortsetzung des Gesprächs mit der Russisch-orthodoxen Kirche – auch wenn deren Leitung den Ukraine-Krieg rechtfertigt.

Jerry Pillay war vor seiner Wahl zum Generalsekretär des ÖRK Dekan der Fakultät für Theologie und Religion an der Universität Pretoria. (Bild: Thomas Lohnes/epd)

Generalsekretär Pillay, kann der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK)
zu einem Ende des Ukraine-Krieges beitragen?

Der Weltkirchenrat setzt sich seit Februar vergangenen Jahres für ein Ende des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine ein. Keine Seite gewinnt an einem Krieg, unter dem vor allem die normale Bevölkerung leidet. Daher engagiert sich der ÖRK für einen gerechten Frieden.

Wie kann der ÖRK dazu beitragen, eine friedliche Lösung zu
finden?

Auf der Suche nach einem gerechten Frieden wollen wir den Dialog zwischen den Konfliktparteien fördern. Der beste Weg dafür ist, unterschiedliche Menschen und verschiedene Parteien an einen Tisch zu bringen. Wir wollen damit Wege zu einer Konfliktlösung unterstützen. Wir sind aber keine politische Gruppe, sondern Christen auf der Suche nach Frieden in der Welt. Wir beten für Frieden in der Ukraine. Aber Gebete ohne Taten und entsprechende Handlungen reichen nicht. Ich glaube fest daran, dass religiöse Führer in diesen schwierigen politischen Zeiten zu Lösungen beitragen können, wenn sie zusammenarbeiten. Die Suche nach einem gerechten Frieden ist etwas, wozu wir Christen von Gott beauftragt sind.

Wie helfen Sie den Menschen konkret?
Wir werden fortfahren, an den Kriegsfolgen leidende Menschen und ihre Angehörigen zu unterstützen. Wir tun das als Weltkirchenrat mit den uns angeschlossenen Hilfswerken, wie dem internationalen kirchlichen Netzwerk ACT Alliance zum Beispiel, einem der grössten Bündnisse für humanitäre Arbeit und Entwicklungshilfe.

«Wir können den Standpunkt des Patriarchen in dieser Angelegenheit nicht nachvollziehen.»
Jerry Pillay, Generalsekretär des ÖKR

Unterstützen Sie Waffenlieferungen an die Ukraine?
Die Menschen in der Ukraine müssen sich gegen den Aggressor verteidigen. Der Ruf nach mehr Waffen ist ein Hilferuf für mehr Beistand gegen die russische militärische Invasion. Das Land hat natürlich das Recht auf Verteidigung. Wir als Weltkirchenrat bevorzugen aber Wege zu einer friedlichen Lösung. Das hängt natürlich auch von den Russen ab und ihrer Bereitschaft, sich auf Friedensgespräche einzulassen.

Der Moskauer Patriarch Kyrill I. rechtfertigt seit fast einem
Jahr diesen grausamen Krieg. Wie reagiert der ÖRK darauf?

Der Weltkirchenrat hat dazu eine sehr eindeutige Haltung, vor allem nach der 11. ÖRK-Vollversammlung im September vergangenen Jahres in Karlsruhe. Wir haben klargemacht, dass wir Krieg in jeder Form verurteilen. Wir können den Standpunkt des Patriarchen in dieser Angelegenheit nicht nachvollziehen. Der frühere ÖRK-Generalsekretär Ioan Sauca machte gegenüber der Leitung der Russisch-orthodoxen Kirche die Position des Weltkirchenrates sehr deutlich. Wir werden auch weiterhin versuchen, auf den Moskauer Patriarchen Kyrill und den Rest der Russisch-orthodoxen Kirche einzuwirken, um eine friedliche Lösung in diesem Konflikt zu finden. Statt die militärische Aggression Russlands zu rechtfertigen, muss die orthodoxe Kirche sich daran beteiligen, eine friedvolle Lösung in dem Konflikt zu finden.

«Wir beobachten, dass es auf russischer Seite eine Bereitschaft zum Dialog gibt.»
Jerry Pillay, Generalsekretär des ÖKR

Ist das nicht etwas blauäugig?
Wir werden nicht aufhören, von Gerechtigkeit zu sprechen. Wenn die Russisch-orthodoxe Kirche an ihrer Position mit Blick auf den Ukraine-Krieg festhält, werden wir dazu nicht schweigen. Wir werden sie immer wieder dazu aufrufen, ihre Position in dieser Angelegenheit zu ändern.

Sehen Sie in der Russisch-orthodoxen Kirche (ROK) Anzeichen
dafür, sich auf eine friedliche Lösung im Ukraine-Konflikt
einzulassen?

In Gesprächen mit der Leitung der Russisch-orthodoxen Kirche wurde deutlich, dass man dort den Krieg keinesfalls unterstützt. Dort verurteilt man den Krieg genauso, wie wir das tun. Wir sehen auch die Schwierigkeit für eine Nationalkirche in diesem Land in dieser Zeit. Für die Orthodoxen ist es sehr schwierig, eine andere Position einzunehmen, als sie es im Moment tun. Leider ist es so, wie es ist. Aber wir beobachten, dass es auf russischer Seite eine Bereitschaft zum Dialog gibt. Sie wollen den Dialog mit anderen Kirchen in der Welt fortsetzen und bitten zugleich um Verständnis für ihren Kontext. Deshalb ist der Dialog gerade jetzt so entscheidend.

Könnte es dennoch eine Entwicklung geben, damit Sie sagen:
«Genug ist genug, wir müssen die ROK aus dem ÖRK ausschliessen»?

Auf der ÖRK-Vollversammlung in Karlsruhe ist dies von verschiedenen Seiten ja verlangt worden. Auch jetzt üben einige ÖRK-Mitgliedskirchen entsprechenden Druck auf uns aus, die ROK aus dem ÖRK auszuschliessen oder deren Mitgliedschaft zu suspendieren. Die Vollversammlung hat sich für eine Fortsetzung des Dialogs ausgesprochen, solange es möglich ist. Diese Haltung setzt der Weltkirchenrat zurzeit um. Aber das schliesst nicht aus, dass wir drastischere Massnahmen ergreifen, wenn die Dinge ausser Kontrolle geraten. Dann wird der Weltkirchenrat angemessen reagieren.

Das heisst, am Ende könnte es eine Aussetzung der
Mitgliedschaft der ROK geben?

Nun, dazu kann es kommen. Aber wie ich schon sagte, sind wir noch nicht so weit. Zum jetzigen Zeitpunkt werden wir den Dialog fortsetzen.