Der reformierte Weg
Am 26. September befindet das Schweizer Stimmvolk über die «Ehe für alle». Die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) spricht sich offiziell für die Vorlage aus.
Hinter diesem Entscheid steht ein jahrzehntelanger Weg. Bis weit in die 1960er-Jahre war Homosexualität in der reformierten Kirche stigmatisiert. Offen gelebte Homosexualität galt als Sünde und als Krankheit. Lesben und Schwule waren in der Kirche nicht willkommen – im Gegenteil. Erst mit dem gesellschaftlichen Umbruch in den 68ern befasste sich auch die reformierte Kirchen intensiv mit der Homosexualität. Es war der Beginn des Weges hin zur Öffnung.
Welche Personen, Ereignisse und Orte dabei eine wichtige Rolle gespielt haben, zeigt der nachfolgende Zeitstrahl.
Lange blieb die Beziehung der Reformierten zur Homosexualität eine schwierige. So erinnert sich etwa Ernst Ostertag, Mitglied des Vereins Schwulengeschichte Schweiz: «Die Kirche schloss Homosexuelle noch lange aus. So erzählten uns einige im KREIS, der von 1943 bis 1967 bestehenden Organisation schwuler Männer, dass sie bei der Konfirmation aufgrund ihrer sexuellen Orientierung ausgeschlossen wurden.» Solche Ausschlüsse seien zwar nicht die Norm gewesen. «Die Norm aber war, dass jede homosexuelle Handlung als Sünde bezeichnet wurde.»
Mit der sexuellen Revolution Ende der 1960er-Jahre befasst sich auch die Kirche zunehmend mit gesellschaftlichen Themen wie Schwangerschaftsabbruch, neue Beziehungs- und Lebensformen sowie Homosexualität. An dessen Diskussion beteiligt sich auch die akademische Theologie. Die damit einsetzende Öffnung von Theologie und Kirche führte zu einer allgemeinen Liberalisierung.
Die Theologinnen Marga Bührig und Else Kähler veranstalten ab 1976 Tagungen zu Homosexualität im Evangelischen Tagungszentrum Boldern, oberhalb von Männedorf im Kanton Zürich. Die Tagungen entwickelten sich zu einem wichtigen Treffpunkt für Schwule und Lesben. Marga Bührig und Else Kähler gelten als Vorreiterinnen im Kampf für die Gleichberechtigung von homosexuellen Menschen und Frauenrechten. Sie selbst leben zusammen in einer lesbischen Beziehung.
In der Lukas-Kapelle der Evangelisch-methodistischen Kirche in Bern gründen homosexuelle Christen die Arbeitsgruppe Homosexuelle und Kirche (HuK) Schweiz. Ziel ist es, die Interessen der Homosexuellen in der Kirche zu stärken und sich auszutauschen. Die HuK betont explizit, dass sie es ablehnen, wenn die Kirche homosexuelles Verhalten als «Folge von Verführung, Krankheit oder Sünde» bezeichnet. Weitere Arbeitsgruppen entstehen wenig später in Zürich und in Basel.
In den 90er-Jahren beschliessen zahlreiche reformierte Landeskirchen, dass Segnungsfeiern oder Gottesdienste für homosexuelle Paare möglich sein sollen. So zum Beispiel in den Kantonen Zürich, Bern, St. Gallen, Luzern, Aargau und Freiburg.
In der offenen Kirche Elisabethen in Basel formiert sich die lesbische und schwule Basiskirche Basel (LSBK). Wunsch und Ziel ist es, regelmässige Gottesdienste für Lesben und Schwule durchzuführen. Der erste LSBK-Gottesdienst findet am 15. Dezember 1991 in der Kapelle des Pfarrhauses der Elisabethenkirche statt. Bis heute versteht sich die LSBK als Basiskirche, in der die Gottesdienste von Gemeindeangehörigen vorbereitet und durchgeführt werden.
Am 8. Juli 1995 gibt es die erste öffentliche Segnungsfeier eines homosexuellen Paares in der Schweiz. Vollzogen wird die Segnung zweier schwuler Männer in der evangelisch-reformierten Nydeggkirche in Bern. Durchgeführt wird sie von Pfarrer Klaus Bäumlin. Der Berner engagierte sich schon länger für die Rechte von Homosexuellen. Im Oktober 1980 hatte er im offiziellen Organ der evangelisch-reformierten Kirche Bern-Jura, der Zeitschrift Sämann, das Thema «Homosexualität» in einer Sondernummer behandelt. Mit seinem Engagement in der Aids-Seelsorge ist er weit über schwule Kreise hinaus angesehen. 2018 verleiht ihm die Universität Bern die Ehrendoktorwürde und würdigt damit sein «Engagement für marginalisierte Gruppen».
Während Jahrhunderten wurde Homosexuellen auch in der Kirche viel Unrecht angetan. Für die erfolgte Diskriminierung und Ausgrenzung bittet die reformierte Landeskirche öffentlich an einer Synode um Entschuldigung und betont, dass die sexuelle Ausrichtung eines Menschen in keinem kirchlichen Zusammenhang ein Kriterium darstellen dürfe. So sollen fortan liturgische Feiern von gleichgeschlechtlichen Paaren möglich sein.
Die erste offizielle kirchliche Trauung eines gleichgeschlechtlichen Paares findet in der evangelisch-reformierte Predigerkirche in Zürich statt. Dort geben sich zwei Frauen das «Ja-Wort». Zur gleichen Zeit verweigert die evangelisch-reformierte Kirchenpflege Winterthur-Seen eine solche Feier für das zweite offiziell registrierte Paar im Kanton Zürich.
Mit 58 Prozent der Stimmen nimmt die Schweizer Stimmbevölkerung das Partnerschaftsgesetz an. Schwule und lesbische Paare können nun ihre Partnerschaft beim Zivilstandsamt eintragen lassen und haben nahezu gleiche Rechte wie heterosexuelle Ehepaare. Der Rat des Kirchenbundes hatte in drei Stellungnahmen (1996, 2000 und 2002) dem Partnerschaftsgesetz ausdrücklich zugestimmt. Das Gesetz tritt per 1. Januar 2007 in Kraft.
Es ist die Grünliberale Fraktion, welche die «Ehe für alle» mit einer Initiative im Nationalrat lanciert. Die parlamentarische Initiative fordert den Gesetzgeber auf, alle rechtlich geregelten Lebensgemeinschaften für alle Paare zu öffnen, «ungeachtet ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung». Auch gleichgeschlechtliche Paare sollten heiraten können, und ungleichgeschlechtliche Paare sollten (wie in Frankreich) eine eingetragene Partnerschaft begründen können.
Redaktioneller Hinweis zu den verwendeten Quellen:
Luca Baschera, Frank Mathwig: «Zankapfel Ehe: Ehe und Trauung für alle aus evangelisch-reformierter Sicht»; Prof. Dr. theol. Matthias Zeindler; Schwulengeschichte.ch, Ernst Ostertag.