Porträt

«Ich habe unter der Konversionstherapie sehr gelitten»

Renato Pfeffer unterzog sich über zehn Jahre einer Konversionstherapie. Denn schwul sein, das ging in seiner Freikirche nicht. Doch schliesslich kam der Bruch. Heute macht Pfeffer sein Vikariat in der Landeskirche und engagiert sich in der EVP. Und ist dabei gerne ein wenig Störenfried.

Renato Pfeffer bei der Segnung eines lesbischen Paares. Er absolviert zur Zeit sein Vikariat im Teilzeitpensum.

Homosexuelle stehen am Rande der Gesellschaft, sind sexsüchtig und nehmen Drogen – davon war Renato Pfeffer überzeugt. So hatte er es von seinem früheren freikirchlichen Umfeld und seiner Freien Evangelischen Gemeinde (FEG) mitbekommen, in der er überzeugtes Mitglied war. Als er als Teenager merkte, dass er sich selbst zu Männern hingezogen fühlt, war für ihn klar, dass er eine sogenannte Konversionstherapie beginnt. Dort sollte er lernen, nicht mehr homosexuell zu sein – oder wenigstens keusch zu leben.

Zu seiner Homosexualität zu stehen, war für Pfeffer lange undenkbar. Während zehn Jahren traf er in regelmässigen Abständen seinen Therapeuten und ging mit ihm verschiedene Situationen aus dem Alltag durch. Wenn er sich in einen Mann verliebte, musste er analysieren, was ihm an diesem Mann gefiel. Das wurde dann auf ihn selbst übertragen: Dass er entweder eine Eigenschaft des Mannes bei sich selbst vermisste und nur deshalb mit ihm zusammen sein wollte. Oder umgekehrt: Dass er diese Eigenschaft selbst hatte und sich auf nichts Neues – also Frauen – einlassen wollte.

«So kann man einfach alles erklären – und die wirklichen Gefühle verdrängen.»
Renato Pfeffer

«Damals schien es mir das Richtige. Heute muss ich sagen: Ich habe sehr gelitten.» Wütend wirkt Pfeffer nicht, wenn er so etwas sagt. Er erzählt locker über das Erlebte und macht Witze. Aber er redet sich auch ins Feuer, etwa wenn es um die Frage geht, ob die Schweiz die «Ehe für alle» einführen soll. Engagement – das gehört zu Renato Pfeffer. «Ich möchte die Gesellschaft mitgestalten. In der Kirche, aber auch in der Politik.» Zur Zeit macht der 35-jährige ein Vikariat in der reformierten Kirche Horgen im Teilzeitpensum, daneben arbeitet er auf dem Sekretariat der EVP und ist Gemeinderat in Richterswil.

Damit lag das Problem bei ihm, er sollte an sich arbeiten. Heute sieht Renato Pfeffer diesen Ansatz sehr kritisch: «So kann man einfach alles erklären – und die wirklichen Gefühle verdrängen.» Damals jedoch sah er das nicht. Zu tief steckte er in dem Raster drin.

Zweifel an der Therapie – nicht an der Theologie

Renato Pfeffer fühlte sich lange gut mit der Therapie. Er tat, was Gott von ihm wollte, und war ein vorbildlicher Christ. So sah er das damals, und das trug ihm auch Achtung in der Gemeinde ein: Der opfert sogar seine eigene Sexualität für den Glauben, hiess es. Pfeffer plagten einzig Zweifel, weil die Therapie nicht anschlug. Eigentlich hatte man ihm versprochen, dass es nicht so lange dauern würde, weil er seine Sexualität noch nicht ausgelebt hatte. Doch nichts schien sich zu verändern, seine homosexuellen Gefühle waren immer noch da.

An seiner theologischen Überzeugung, dass Homosexualität falsch sei, zweifelte Renato Pfeffer aber nicht. Er tröstete sich mit dem Beispiel von Paulus, der nie geheiratet hatte. Wenn er es nicht schaffte, seine Homosexualität zu überwinden, dann würde er sie halt einfach nicht ausleben und hätte so mehr Zeit für die Kirchgemeinde. Ausserdem hatte er gute Freunde, die ihn begleiteten und mit denen er seine Zeit verbrachte.

«Zum ersten Mal kannte ich einen Schwulen»

Nach zehn Jahren Therapie kam der Punkt, an dem Renato Pfeffer «wirklich zu kämpfen» hatte. Er beschreibt es mit einem Bild. Seine homosexuellen Gefühle waren zunächst wie ein kleines Rinnsal, das auf ihn zufliesst. Man legt ein paar Steinchen hin, damit der Wasserlauf unterbrochen wird. Schliesslich wird es mehr, man baut eine Staumauer, immer höher. Und irgendwann ist der Druck des Wassers so gross, dass es aus jeder Ritze dringt.

Pfeffer versuchte, mit aller Kraft dagegen zu halten. Aber er fand keine Kraft mehr. Er betete zu Gott, dass er jemandem begegne, der ihn wirklich versteht. Zu dieser Zeit meldete sich ein Bekannter aus der Nachbarschaft und fragte ihn, ob sie mal zusammen Sport treiben wollten. Schliesslich outete sich dieser Pfeffer gegenüber. Und nun kannte er zum ersten Mal einen Schwulen.

«All meine Vorurteile waren Hirngespinste.»
Renato Pfeffer

«Erstmals musste ich meine Überzeugungen zur Homosexualität nicht nur für mich selbst rechtfertigen, sondern auch meinem Bekannten gegenüber. Das fiel mir immer schwerer.» Durch den Mann kam Renato Pfeffer ausserdem in Kontakt mit «Zwischenraum», einer Organisation für Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung aus ihrer Kirche ausgeschlossen wurden. Dort lernte er Leute kennen, denen es ähnlich ergangen war wie ihm. Und stellte fest, dass alle seine Vorurteile wegen Sexsucht, Drogen und Alkoholismus gegenüber Homosexuellen Hirngespinste waren.  

Praktikum bei einem schwulen Pfarrer

Pfeffer studierte zu dieser Zeit Theologie in Zürich und begann, sich theologisch mit der Frage auseinanderzusetzen. Er merkte, dass die Bibel Homosexualität nicht so klar verurteilt, wie er bisher angenommen hatte. Dass es bei den Textstellen, die in der FEG besprochen wurden, zum Beispiel um Ehebruch oder um Pädophilie geht – und nicht um Homosexualität. Zudem konnte ihm niemand erklären, warum eine treue homosexuelle Beziehung dem «Doppelgebot der Liebe», mit dem man alle Gebote begründen kann, widerspricht. Pfeffer entschied sich, sein Praktikum bei einem schwulen Pfarrer zu machen. Er wollte sehen, wie man als Homosexueller eine Kirchgemeinde leiten kann.

«Ich wusste: Wenn ich mich in der Freikirche oute, verliere ich auch meine alten Freunde.»
Renato Pfeffer

Gleichzeitig baute er sich an der Uni einen neuen Freundeskreis auf. «Ich wusste: Wenn ich mich in der Freikirche oute, verliere ich auch meine alten Freunde.» Zu diesem Zeitpunkt war er trotz seines Praktikums in der Landeskirche noch aktives Mitglied seiner FEG. Er übernahm Predigtvertretungen, moderierte Gottesdienste, leitete die Bibelklasse für Konfirmanden und Konfirmandinnen und Hauskreise.

Keine Frage des Glaubens

2012 kam aber der öffentliche Bruch mit der Freikirche. «Ich wollte meine neue Haltung zur Homosexualität nicht weiter verheimlichen. Es ging einfach nicht mehr», sagt er heute. Pfeffer schrieb auf Facebook, warum er die Bibel in Bezug auf Homosexualität jetzt anders lese. Er betonte aber auch, dass es sich für ihn nicht um eine Frage des Glaubens handle. Im Gegenteil, er halte an seinem Glauben fest. Das betont Renato Pfeffer auch heute.

Von seiner Freikirche aber distanzierte er sich– oder wurde distanziert. Der Pastor lud ihn nach seinem Post zu einem Gespräch ein. Statt dem Pastor erwarteten ihn dort aber alle Ältesten der Gemeinde. Sie verkündeten ihm, dass er gewisse Aufgaben nicht mehr wahrnehmen dürfe, und schickten ihn nach Hause. Renato Pfeffer liess das nicht auf sich sitzen und forderte eine Diskussion über Bibelstellen.

Mit dem Bruch kam die Krise

Doch dazu kam es nie. Nach einem weiteren Gespräch und einer Mitteilung an die ganze Gemeinde trat Pfeffer dann von seinen Ämtern zurück – ein schmerzhafter Schritt, wie er sagt. «Ich hatte eine richtige Krise. Das möchte ich nicht nochmal durchmachen», erinnert er sich. Er verlor enge Freunde und eine Gemeinschaft, die ihm sehr viel bedeutet hatte. Umso dankbarer war er um seine neuen Freunde: «Ohne sie hätte ich es nicht geschafft.» Dank der Unterstützung folgte eine grosse Befreiung. Der Pfarrer, bei dem Renato Pfeffer damals sein Praktikum machte, schickte ihm einen Bibelvers: «Denn wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.» Das begleitet ihn bis heute. «Ich bin jetzt viel freier und glücklicher als damals», sagt er.

«Umpolungstherapien führen viele in tiefe Krisen – bis zum Suizid.»

Pfeffer gibt aber auch zu bedenken, dass dieser Prozess nicht für alle so gut ausgeht. Die Umpolungstherapien und die Ablehnung von Homosexualität gerade in Freikirchen würden viele Menschen in tiefe Krisen führen, sogar bis zum Suizid. In Deutschland sind deshalb solche Therapien für Minderjährige verboten.

In der Schweiz gab es mehrere politische Vorstösse in dieselbe Richtung, doch der Bundesrat sah bisher keinen Handlungsbedarf. Gefährdete Minderjährige könnten der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde gemeldet werden. Zudem würden die Berufsverbände der Psychologen solche Therapien schon heute sanktionieren, argumentierte die Regierung. Allerdings sind die meisten Konversionstherapeuten Laien und in keinem Berufsverband, gerade im freikirchlichen Milieu. Renato Pfeffer mahnt deshalb, dass die Gemeinden hier Verantwortung übernehmen müssten.

Immer noch FEG-Mitglied

Ganz gelöst hat sich Renato Pfeffer von seiner FEG aber nicht. Er ist offiziell weiterhin Mitglied. Zwar könnte ihn die Gemeinde ausschliessen, weil er nicht mehr aktiv ist. Aber das geschah nie. Pfeffer stört das nicht. Er meint lachend: «Ich halte dort gerne ein bisschen den Finger darauf und bin unangenehm.»

«Ich bin nicht in einer Partei, um mich wohlzufühlen, sondern um etwas zu verändern.»
Renato Pfeffer

Diese Rolle nimmt er auch noch andernorts ein, etwa in der EVP, die sich gegen die «Ehe für alle» ausspricht. Das ist für Pfeffer kein Widerspruch. Schliesslich sei er nicht in einer Partei, um sich wohlzufühlen, sondern um etwas zu verändern. Auch innerhalb der Partei. Pfeffer lässt sich deshalb gerne auf Diskussionen zur Ehe für alle ein. Gerade in persönlichen Begegnungen und mit sachlichen Argumenten habe er schon einiges erreichen können, ist er überzeugt.

Minderheit in der Minderheit

Pfeffer ist innerhalb der EVP «Fachmann und Lobbyist» für dieses Thema geworden, wie er es selber nennt. Manchmal sei das anstrengend, wenn man nur noch über die Homosexualität definiert werde. Es gebe schon Momente, wo er denke: Ach, ich trete aus. Aber diese dauerten nur sehr kurz, meint er lachend. Denn abgesehen von der «Ehe für alle» entspreche die EVP am meisten seinen politischen Überzeugungen.

Renato Pfeffer sucht die Auseinandersetzung, in allen Bereichen. In seiner Partei, in der Kirche – und in der LGBTQI-Community. Denn auch dort stösst er als Kirchenmann manchmal auf Widerstände. «Ich bin als angehender Pfarrer quasi eine Minderheit in der Minderheit». Er versucht zu vermitteln, dass gläubig und schwul sein nicht unbedingt Widersprüche sein müssen. Er zeigt es in seiner Person.