Interview

«Ich wünsche jedem Diversität in seiner Familie»

Als Zürcher Kirchenratspräsident gehört Michel Müller zu den einflussreichsten Reformierten des Landes. Was er von dieser Macht hält, mit wem er bei der «Ehe für alle» in Streit gerät und wie er selbst als junger Pfarrer diskriminiert wurde, erzählt er im Interview.

Michel Müller steht aktuell in seiner dritten Amtszeit als Kirchenratspräsident der reformierten Zürcher Kirche. (Bilder: Noëlle Guidon)

Herr Müller, Hand aufs Herz: Hat es Sie schon einmal gereizt, in die Politik einzusteigen?
Ich habe immer gesagt: Solange ich Pfarrer bin und ein öffentliches Amt habe, mache ich keine Parteipolitik.

Warum nicht?
Weil ich offen für alle Menschen sein will. Schon als Gemeindepfarrer habe ich Kinder von Eltern getauft oder konfirmiert, die unterschiedlichen Parteien angehörten. Da schien es mir einfach unpassend, selbst politisch öffentlich Position zu beziehen. Und nun als Kirchenratspräsident ist es meine Aufgabe, mir alle Meinungen anzuhören und eine Mehrheitsposition zu vertreten.

Und nach Ihrer Zeit als Präsident?
Ich habe es mir tatsächlich schon durch den Kopf gehen lassen, ob ich danach in die Gemeinde- oder gar in die nationale Politik einsteigen soll. Aber ich habe das Gefühl, dass ich in meinem jetzigen Amt genug bewirken kann. Irgendwann sind dann auch wieder andere, jüngere dran. Deshalb glaube ich nicht, dass ich weitere Betätigung in einem politischen Amt suchen werde.

Wo verorten Sie sich politisch?
Einer konkreten Partei kann ich mich nicht zuordnen. Aber ich sehe mich schon in der Mitte. Dort, wo sich auch der Synodalverein positioniert, bei dem ich Mitglied bin. Ich finde fast in jeder Partei etwas, das mir entspricht.

Auch in der SVP?
Kaum je in ihrer Rhetorik. Aber die SVP ist eine durchaus reformiert geprägte Partei. Sie zählt viele Reformierte zu ihren Wählerinnen, wohl weil sie aus einer ehemals reformiert schweizerisch homogenen Gesellschaft kommen. Das nehme ich ernst.

«Die Kirche muss ein Schutzraum sein für alle Lebensformen, die in der Gesellschaft unter Druck stehen. Bei homophoben Meinungen fehlen mir das Verständnis und der Wille zur Toleranz.»

Welche Gemeinsamkeiten haben Sie mit der EVP?
Ich bin häufig mit der Evangelischen Volkspartei einig, weil sie die Spannung zwischen Individuum und Gemeinschaft, Mensch und Schöpfung gleichermassen ernst nimmt. Die Einigkeit endet aber bei Fragen nach Lebensformen. Da geraten wir jedes Mal in einen Streit. Dass nun einige Vertreterinnen auch noch das Referendum gegen die «Ehe für alle» unterstützen, kann ich absolut nicht nachvollziehen. In meinen Augen widersprechen sie damit sowohl der biblischen Botschaft, dem Evangelium von der unbedingten Liebe Gottes, als auch ihrem Slogan «Menschen für Menschen».

Ihr Ärger kommt nicht von ungefähr. Sie haben selbst einen schwulen Sohn und setzen sich stark für Diversität ein. Müssten Sie sich als Kirchenratspräsident nicht zurückhalten?
Ganz klar nein. Nicht in dieser Frage. Die Kirche muss ein Schutzraum sein für alle Lebensformen, die in der Gesellschaft unter Druck stehen. Mit zum Beispiel homophoben Meinungen habe ich grosse Mühe und dort fehlen mir auch das Verständnis und der Wille zur Toleranz. Die Zürcher Kirche hat sich 1999 entschuldigt bei homosexuellen Menschen. Als Kirchenratspräsident kann ich nicht mehr dahinter zurück!

Auch weil Sie persönlich betroffen sind?
Wer ist denn beim Thema Ehe und Sexualität nicht persönlich betroffen? Ich finde es schade, wenn man mir vorwirft, dass ich mich nur aus persönlicher Betroffenheit bei solchen Themen engagiere. Das fing übrigens nicht erst mit dem Outing meines Sohnes an.

«Gerade als junger Pfarrer hatte ich in der Gemeinde mit Homosexuellen Kontakt. Sie haben sich mir anvertraut, weil sie wohl dachten, dass ein so junger Seelsorger offener sei als andere.»

Sondern?
Als ich vor 27 Jahren als junger Pfarrer selbst diskriminiert wurde. Ich bewarb mich als Alleinstehender auf eine Pfarrstelle. Dass ich weder Frau noch Kinder hatte, kam offenbar suspekt rüber. Man klärte ab, ob ich allenfalls schwul sein könnte. Dass ich die Stelle trotz meiner guten Qualifikationen vielleicht nicht bekommen hätte, wenn das der Fall gewesen wäre, gab mir sehr zu denken.

Das hat Sie geprägt?
Nicht nur das. Gerade als junger Pfarrer hatte ich in der Gemeinde mit Homosexuellen Kontakt. Sie haben sich mir anvertraut, weil sie wohl dachten, dass ein so junger Seelsorger offener sei als andere. Mich hat das sehr berührt, dass diese Menschen der Kirche wegen ihrer jahrhundertealten Tradition so wenig zutrauten. Das waren Menschen in grosser Not und sie hatten Angst, mit jemandem zu sprechen.

Nun haben Sie einen solchen Menschen in der Familie.
Genau. Ich wünsche jedem Diversität in seiner Familie. Ich habe ja nicht nur einen schwulen Sohn, sondern auch eine Tochter mit Behinderung. Jemand, der in seinem Alltag behindert wird. Bei schweren Kirchentüren, zum Beispiel. Leider denkt man zu wenig an diese Menschen. Deshalb wünsche ich jedem eine persönliche Betroffenheit. Das macht einen für andere sensibler.

«Mir persönlich haben die wenigen Banner gegen die KVI an den Kirchtürmen widerstrebt. Das war für mich ein No-Go.»

Sie haben an der Zürcher Pride teilgenommen. Das war sehr öffentlichkeitswirksam. Wo ziehen Sie als Kirchenratspräsident Grenzen für Ihr öffentliches Engagement?
Manchmal braucht es einfach solche symbolhaften Gesten wie meine Teilnahme an der Pride. Ich wollte einen Akzent setzen und daran erinnern, dass die Kirche seit 20 Jahren eine andere Haltung hat. Was ich aber nicht will, ist ein Präsident zu sein, der zu allem etwas sagen muss. Ich tauche nicht bei allen möglichen Themen in den Medien als Ansprechpartner auf – weil ich nicht das Gefühl habe, in allen Themen kompetent zu sein. Bei ökologischen Fragen etwa bin ich nicht so eingearbeitet wie ich es bei der Diversität bin. Das teilen wir im Kirchenrat auch bewusst auf.

Auch bei der Konzernverantwortungsinitiative (KVI) haben Sie sich im Gegensatz zu anderen Kirchenfunktionären zurückgehalten. Warum?
Die Teilnahme an Debatten hätte ich befürwortet, aber auch da waren andere mehr gefragt. Vor allem schwang die staatspolitische Frage mit, inwieweit wir als öffentlich-rechtliche Körperschaft in politischen Themen einseitig Stellung beziehen dürfen. Gerade weil wir uns auch durch staatliche Zwangsabgaben wie juristische Kirchensteuern finanzieren. Das soll ja vom Bundesgericht noch geklärt werden. Mir persönlich haben die wenigen Banner an den Kirchtürmen widerstrebt. Das war für mich ein No-Go.

Was hat Sie daran gestört?
Zum einen ist ein Kirchturm ein sehr präsentes Symbol, dem sich die Menschen in der Öffentlichkeit nicht entziehen können. Akustisch durch die Glocken, visuell durch den Schattenwurf und die Architektur. Deshalb darf er in meinen Augen nicht einseitig vereinnahmt werden. Zum anderen müssen sich alle Menschen willkommen fühlen, wenn sie zur Seelsorge gehen. Ein solches Banner trägt nicht dazu bei.

Ist Macht eher Reiz oder Bürde? «Der sich beklagt, kann sogleich zurücktreten», sagt Michel Müller.

Bei der KVI fordern Sie Zurückhaltung, bei der «Ehe für alle» engagieren Sie sich selber stark. Das ist doch ein Widerspruch.
Man muss sich schon gut überlegen, wo ein Engagement gerechtfertigt ist und wo nicht. Das ist auch Ermessenssache. Die KVI und die «Ehe für alle» unterscheiden sich für mich im Grad der Betroffenheit. Bei ersterem ging es um die rechtliche Umsetzung des unbestritten kirchlichen Anliegens der Menschenrechte, also um eine sachlich-juristische Lösung konkreter Probleme. Da muss man auch sachlich diskutieren können und anderer Meinung sein dürfen. Bei der «Ehe für alle» darf man das natürlich auch, aber hier geht es direkt um ganz konkrete Menschen, die mit und unter uns leben, und ein uraltes kirchliches Thema, in dem auch viel Unrecht passiert ist.

Gerade erleben wir die erste Pandemie seit 100 Jahren. Wie nehmen Sie die Gesellschaft in dieser schwierigen Zeit wahr?
Zunächst erlebe ich die Gesellschaft in der Schweiz als sehr vital in Solidarität, Kreativität und Debatte. Ich glaube aber auch, dass wir Mühe haben, das Zufällige und Unvorhersehbare auszuhalten. Dass man nicht immer alles unter Kontrolle hat, scheint mir die grosse Kränkung unserer Gesellschaft zu sein. Dass dann auf politischer und gesellschaftlicher Ebene sogleich Schuldige gesucht werden, die dafür verantwortlich sein sollen, ist zwar typisch, hilft aber nicht weiter. Wie Bundesrat Berset sagte: Das Virus ist schuld, nicht der Bundesrat. Trotzdem muss es möglich sein zu diskutieren, zu kritisieren und sich zu verbessern.

«Ich denke nicht, dass die Politik sich von Lobbying aus Kirchenkreisen hat unter Druck setzen lassen.»

Besonders kontrovers wurde innerhalb der Kirche über die Durchführung von Gottesdiensten während der Pandemie diskutiert. Finden Sie es richtig, dass Gottesdienste gefeiert werden dürfen?
Grundsätzlich ja. Denn die Religion hat mit ihrem Gottesbezug eine lange Erfahrung im Umgang mit dem Unvorhergesehenen und hilft der Gesellschaft bei der Verarbeitung. Dann sind da auch die Menschen, die sonst nirgends hinkönnen. Ich habe diesen Januar einen Gottesdienst im Grossmünster gehalten, bei dem es mich erstaunt hat, wie viele einsame Seelen es gibt, für die die Kirche der einzige Ort der Begegnung ist. Auch für diese Menschen war und ist es wichtig, dass die Kirchen, Moscheen oder Synagogen offen sind.

Wurde also in Bern erfolgreich lobbyiert?
Ich denke nicht, dass die Politik sich von Lobbying aus Kirchenkreisen hat unter Druck setzen lassen. Es war eher eine weise Entscheidung des Bundesrates, der dieses Problem erkannte, zunächst am konkreten Fall der Beerdigungen, dann aber wohl auch aus den genannten Gründen.

Aber die Kirchen wurden zumindest im Frühling beim Bundesrat vorstellig. War das richtig?
Wir liessen uns wohl anstecken von der allgemeinen Lobbyierungsbewegung. Alle kamen an den Medienkonferenzen vor, ausser wir. Ich spürte zudem einen Erwartungsdruck aus der Kirche, die Kirchenleitungen müssten nun etwas machen. Im Nachhinein denke ich, wäre es vielleicht gar nicht nötig gewesen und hat eigentlich auch nichts gebracht. Unser Dienst spricht genug für sich selber.

Die Landeskirche Zürich hat schon rein finanziell grossen Einfluss. Wenn sie etwas sagt, dann hat das Gewicht. Fühlen Sie sich mächtig?
Das wäre eine völlige Selbstüberschätzung. Ich bin eingebunden in gesetzliche und kollegiale Strukturen wie Rat und Synode, in denen ich mich bewusst loyal bewegen möchte. Da ist die grosse Zürcher Kirche oft auch recht schwerfällig und langsam. Finanzen wiederum bedeuten einerseits, dass wir viele spannende Leute anstellen können, die neue Ideen entwickeln, die vertieft arbeiten und immer noch Freiräume für Innovation haben. Und andererseits, dass wir gerade auch dort bei den Leuten sein können, wo es sich nicht «rechnet». Die Gestaltungskraft der Zürcher Kirche begeistert mich und für alle diese Mitarbeitenden da zu sein, macht mich dankbar.

«Auch wir sind zu einer Bubble geworden. Über 90 Prozent unserer Mitglieder sind Schweizerinnen und Schweizer.»

Ist es reizvoll oder eine Bürde, Macht zu haben?
Der sich beklagt, kann sogleich zurücktreten. Es ist ein Privileg, sich im Zentrum von Informationen und Entscheidungen zu befinden, auch wenn man meist nur wenig direkt «machen» kann.

Was treibt Sie als Kirchenratspräsident grundsätzlich an?
Dass ich das Leben von Menschen und einer grösseren Organisation mitgestalten und mitprägen kann. Dabei hilft mir der biblische Schatz, der mich immer wieder aufs Neue fasziniert. Diesen Schatz, der sich etwa in biblischen Geschichten, Weisheitstexten und Gebeten findet, unter die Menschen zu bringen, darin sehe ich eine Berufung. Diese uralten Menschheitserfahrungen und Glaubenszeugnisse erscheinen je nach Kontext immer wieder in einem anderen Licht und inspirieren so für die Zukunft.

Immer wieder heisst es, die Politik und die Gesellschaft seien polarisierter denn je. Teilen Sie diese Ansicht?
Da bin ich mir nicht so sicher. Früher war mehr schwarz und weiss. Heute sind es viel mehr Farben. Ich denke, dass die Vielfalt der Lebensentwürfe zugenommen hat. Das verunsichert viele, darum ziehen sie sich in Blasen zurück. Dass sich diese Blasen voneinander abschotten, halte ich durchaus für ein Problem. Da nehme ich die reformierte Kirche nicht aus. Auch wir sind zu einer Bubble geworden. Über 90 Prozent unserer Mitglieder sind Schweizerinnen und Schweizer. Dass wir eine multikulturelle Gesellschaft abbilden sollten, haben viele noch nicht begriffen. Und doch bemühen wir uns um Offenheit und Dialog. Was wir lernen müssen, ist nicht «für» die Menschen, sondern «mit» ihnen zu gestalten.

Was tragen Sie dazu bei, die Kirche selbst multikultureller zu machen?
Die Öffnung des Reformationsjubiläums über den inneren Kreis der Kirche hinaus war mir ein grosses Anliegen, das meines Erachtens auch gelungen ist. Ich möchte fördern, dass die Kirche neue Gemeinschaftsformen über die Ortskirche hinaus anerkennen kann. Und theologisch gibt es für mich kaum Tabubereiche und Denkverbote. Persönlich versuche ich, bei Anlässen und Begegnungen immer wieder meine Komfortzone zu verlassen und auf unbekannte Menschen zuzugehen oder mich auf neue Situationen einzulassen. Ich möchte Seelsorge und Kultur öffnen für die vielfältigsten Begegnungen. Denn der seelsorgliche Kontakt fehlt mir in meinem Amt am meisten.

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