Von der Weltbühne ins Pfarramt
Nach einem kurzen Applaus für das Orchester und den Chor kehrt in der vollen Predigerkirche in Zürich Stille ein. Nach und nach dreht sich das Publikum um. In einem eleganten, schwarz-violetten Kleid schreitet Sopranistin Gudrun Sidonie Otto mit ihren drei Kollegen den Mittelgang entlang und gesellt sich zu den anderen Musikerinnen und Musikern.
Kurz darauf erklingt ein Trommelwirbel. Das Orchester setzt ein, der Chor singt: «Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage». Immer wieder dreht sich die Dirigentin während des Konzerts um. Es ist das vereinbarte Zeichen für das Publikum, sich dem Chor anzuschliessen. An diesem kalten Winterabend verbreitet das Weihnachtsoratorium Wärme.
«Wenn die Kirche voll ist und singt, entsteht eine unglaubliche Kraft», sagt Gudrun Sidonie Otto am Tag darauf bei einem Treffen im Café Smilla in Basel. Hier tauscht sie sich mit ihren Kolleginnen und Kollegen aus. Für Otto ist es notwendig, dass Musik, Kunst und Kultur einen Platz in der Kirche haben – ein Anspruch, den die Sopranistin in ihrem zweiten Beruf nur zu gerne selbst erfüllt.
Als Pfarrerin der evangelisch-reformierten Kirche Binningen-Bottmingen singt sie an jedem ihrer Gottesdienste solistisch. «Das war meine Anstellungsbedingung», sagt die 43-Jährige und lacht. Predigen und singen – das gehört für sie zusammen. «Wobei die Musik Menschen viel direkter und tiefer erreichen kann als die Sprache.»
Am Weihnachtsoratorium in der Predigerkirche wäre eigentlich ihre Kollegin Miriam Feuersinger als Sopranistin vorgesehen gewesen. Am Tag des Konzerts erhielt Otto kurz nach 8 Uhr einen Anruf, sie war gerade mit ihren Töchtern im Wallis. Ob sie kurzfristig für die erkrankte Feuersinger einspringen könne? «Dann versucht man, alles Nötige zu organisieren», sagt Otto.
Die Gelassenheit, die sie im Gespräch verkörpert, ist eine Voraussetzung für ihren Lebensstil. Als Sopransängerin und Pfarrerin geht Otto zwei Berufen nach, die sehr viel Flexibilität erfordern.
Pfarrerin zu werden, gehörte dabei lange nicht zu ihren Lebensplänen. Aufgewachsen ist sie zu DDR-Zeiten im Erzgebirge in Deutschland – «da, wo die Weihnachtsengel herkommen». Religion war in der sozialistischen Gesellschaft kaum ein Thema.
Dafür sei klassische Musik im Alltag stärker verbreitet gewesen als heute, erzählt Otto. «Es gab nicht so ein grosses Gefälle zwischen Arbeitern und Bürgerlichen, wie wir es aus anderen Gesellschaften kennen.» Ganze Betriebe und sogenannte Arbeitsbrigaden unternahmen regelmässig gemeinsame Ausflüge zu Theater-, Opern- und Konzertaufführungen.
Der Weg auf die grosse Bühne
Im Alter von vier Jahren begann Gudrun Sidonie Otto, Klavier zu spielen. Zwei Jahre später kam die Geige dazu. «Aus praktischen Gründen», wie sie sagt. Das Klavier war nicht immer verfügbar. Die Familie war zudem noch im Besitz einer Geige des Urgrossvaters und Ottos kleiner Finger passte. Ab dem zehnten Lebensjahr nahm sie Gesangsunterricht, wurde Teil eines Orchesters und später Dirigentin.
Nach ihrer professionellen Ausbildung zur Sopranistin folgte eine steile Karriere mit Konzerten auf der ganzen Welt. Erst kürzlich ist sie aus Danzig in Polen zurückgekehrt. «Das mache ich an meinen freien Wochenenden oder im Urlaub», sagt Otto. Auf die Mehrfachbelastung angesprochen, zieht Otto einen Vergleich mit dem Spitzensport: Viele Leistungssportlerinnen und -sportler hätten gleichzeitig auch einen Vollzeit-Job.
In die Schweiz kam sie, als ihr Mann in der Nähe von Winterthur eine Anstellung fand. Später zog die Familie nach Basel, als er dort Münsterorganist wurde. «Mein Mann ist Westdeutscher, ich bin Ostdeutsche, wir brauchen neutralen Boden», sagt Otto schmunzelnd.
Die Ausbildung zu ihrem jetzigen Vollzeit-Job als Pfarrerin hat sie vor sieben Jahren begonnen. Der Auslöser war ein Schicksalsschlag. «Solange es mit der Karriere nach oben geht, fühlt man sich unverletzlich», sagt Otto, die für Konzerte häufig in Deutschland, den Niederlanden, Polen, Skandinavien oder der Schweiz unterwegs war. Doch bei der Geburt ihrer ersten Tochter musste sie notintubiert werden und verlor für eine Weile ihre Stimme. Zum ersten Mal drängte sich die Frage auf, wie es beruflich weitergehen würde.
Gudrun Sidonie Otto entschied sich für ein Theologiestudium und gehörte zum ersten Jahrgang des neuen Studiengangs für Quereinsteiger der Universitäten Zürich und Basel. «Während des Studiums habe ich Vollzeit weiter konzertiert und damit meine Familie ernährt.» Als sie für ein Konzert in Sydney in Australien war, lernte sie im Hotel tagsüber Kirchengeschichte, während ihre Tochter schlief. Am Abend trat sie in Sydneys Theatre Royal auf.
Sinnkultur in Zeiten des Sparzwangs
Ganz überraschend kam Ottos Entscheidung für ein Theologiestudium trotz DDR-Sozialisierung nicht. Nach dem Mauerfall fuhr ihre Familie einmal nach Bayern. Die katholischen Kirchenbauten zogen sie in ihren Bann. Ein Gebetsbuch für Kinder hat sie dabei so stark berührt, dass sie selbst anfing, Gebete aufzuschreiben.
In ihrer Heimat wurde sie in der Kirchgemeinde aktiv. «Unsere Gemeinde war kulturell sehr lebendig, dabei unprätentiös, und pflegte ein liebevolles Miteinander.» Die vielen Konzerte in Kirchen und die Auseinandersetzung mit den Texten der Stücke trugen das ihre zum Interesse an der Theologie bei.
Am Beruf der Pfarrperson gefällt ihr, bei den Menschen zu sein. Gleichzeitig sei der administrative Aufwand im Beruf unnötig gross, weil es zu viele Fusionen gebe. «Das ist vergleichbar mit der Kultur», sagt Otto. Auch da habe man viele Opernhäuser und Orchester in der Hoffnung zusammengelegt, Geld zu sparen.
«Stattdessen nimmt man den Menschen ihre Identität und Identifikationsgrundlage.» Das Resultat: Noch weniger Besucherinnen und Besucher. Anders als bei den Kulturbetrieben kann Otto in der Kirche bisher noch kein Umdenken beobachten und warnt: «Die Kirche droht, selbstreferentiell zu werden und dadurch noch mehr an gesellschaftlicher Relevanz zu verlieren.»
Am Bedürfnis nach den Angeboten der Kirche zweifelt sie dabei gar nicht. «Religion hat Magie und Notwendigkeit – wie eh und je.» Gleich verhält es sich mit der Musik, ist Otto überzeugt. Je rationaler und technischer die Welt werde, desto mehr suche der Mensch nach Sinnhaftigkeit in der und durch die Kultur. «Die von Bach vertonten Texte sind so vielschichtig und tief.»
Die Verbindung von Musik und Religion würde ihr helfen, die Fragen nach dem Sinn des Lebens in ein grösseres Ganzes einzuordnen und besser zu verstehen, erklärt Gudrun Sidonie Otto. Dann muss sie weiter. Der Alltag ruft. Auf sie wartet ein Trauergespräch.