Sie kennt die Geheimnisse des Berner Münsters
Wer mit Annette Loeffel unterwegs ist, begibt sich auf eine Zeitreise. Einmal durch die Geschichte des Berner Münsters, vom Mittelalter bis heute. Loeffel steht auf einem Baugerüst 50 Meter über dem Boden an der Fassade des Berner Wahrzeichens. Von hier oben blickt man über die Altstadt, ist zugleich den gotischen Säulen und den Wasserspeiern zum Greifen nah. Es ist Loeffels Arbeitsort.
Die 48-Jährige ist seit 2019 die erste Münsterbaumeisterin, das heisst, sie verantwortet Renovations- und Restaurierungsarbeiten an der Kirche. Loeffel zeigt auf ein Mauerstück, auf dem bei genauem Hinsehen helle Flecken zu sehen sind.
Es sind Stellen, auf denen Mörtel auf den Sandstein aufgetragen wurde. «Der Sandstein ist heikel. Wir müssen exakt darauf achten, welche Materialien wir verwenden», sagt Loeffel. Risse im Stein sind gefährlich. In sie kann Wasser, einer der grössten Feinde des Münsters, sickern, und im Winter gefrieren. Als Folge davon könnte Stein absplittern.
Europäisches Vorbild
Annette Loeffel ist selbstständige Architektin, seit gut zwanzig Jahren arbeitet sie mit der Münsterbauhütte (siehe Kasten). Mit dem Team ihres Architekturbüros Häberli Architekten AG plant und koordiniert sie alle Arbeiten. «Wir sorgen dafür, dass das Münster hoffentlich weitere Jahrhunderte in gutem Zustand bleibt.»
Als das Berner Münster Ende des 16. Jahrhunderts fertig gestellt wurde, waren seine frühesten Bauteile bereits mehr als eineinhalb Jahrhunderte alt. Seit damals ist der Unterhalt der Kirche eine ständige Aufgabe für Kirche und Staat, zu deren Wahrnehmung bis Ende des 18. Jahrhunderts ein eigener Werkmeister im Amt war. Diese Tradition brach im frühen 19. Jahrhundert ab. Für den Bau des oberen Turmoktogons und des Helms wurde in den 1880er Jahren die so genannte «Münsterbauhütte» gegründet, welche bis heute an der Kirche wirkt.
Die Belegschaft der Bauhütte setzt sich gegenwärtig aus rund einem Dutzend Spezialistinnen und Auszubildendenden aus Berufen Stein verarbeitender, konservierender und restaurierender Fachrichtungen zusammen. (bat)
In den vergangenen zwanzig Jahren habe es kaum einen langweiligen Tag gegeben. «Der Job ist vielseitig. Man hat mit Kunsttechnologie zu tun, mit Naturwissenschaften, mit Öffentlichkeitsarbeit, mit vielen verschiedenen Geschichten und Menschen.»
Wie angesehen die Arbeit der Berner nicht nur in der Schweiz, sondern in ganz Europa ist, zeigte sich in diesem Jahr: Loeffel wurde kürzlich zur Vorsitzenden der europäischen Dombaumeistervereinigung gewählt.
«Das ist für mich eine grosse Ehre», sagt sie. «Wir haben mittlerweile zusammen mit der Münsterbauhütte viel Erfahrungen bei der Restaurierung sammeln können. Das interessiert die Kolleginnen und Kollegen in ganz Europa.»
Nicht immer wurde allerdings versucht, kaputte Stellen am Münster zu flicken. Früher sind Baumeister weit weniger zimperlich mit dem Münster umgegangen. Anstatt zu reparieren, wurden lieber gleich Mauerstücke oder sogar ganze Fenstermasswerke ersetzt.
Die Konsequenz: die alte Bausubstanz und der Charme ging verloren. «Für mich sehen die Fenster, die man in den 1980er-Jahren eingebaut hat, wie Disneyland aus», sagt Loeffel. Die Fassade um die Fenster sei fehlerfrei, jeder Stein passe millimetergenau.
So perfekt habe man im Mittelalter nie gearbeitet. «Heute ersetzten wir nur, wenn keine Reparatur mehr möglich ist. Wir wollen, dass das Münster lebt, dass man ihm die Zeichen der Zeit auch ansieht.»
Doch nicht alles, was alt aussieht, ist tatsächlich alt. Loeffel macht auf die kleinen gotischen Türmchen und die Wasserspeier aufmerksam, die dem Münster sein charakteristisches Aussehen verleihen.
«Die stammen aus dem 20. Jahrhundert. Damals fand man, dass das Münster im Mittelalter sicher reich figürlich gestaltet war.» Mittlerweile wisse man von alten Zeichnungen und Fotos, dass das nicht der Fall war. «Heute sieht das Münster gotischer denn je aus», sagt Loeffel und schmunzelt.
Es seien auch solche Geschichten, die ihre Arbeit als Münsterbaumeisterin so spannend machen, sagt Loeffel. «Man entdeckt immer wieder was. Mal kleine Notizen an den Wänden, mal Zettelchen, auf denen Hinweise auf das Zeitgeschehen oder persönliche Empfindungen der am Bau Beteiligten notiert sind.»
Wer mit der Architektin an der Fassade auf dem Gerüst entlang läuft, dem fallen plötzlich die vielen Steinmetzzeichen auf, mit denen sich die Steinmetze im Sandstein verewigt hatten. Zeichen, die aus dem Mittelalter stammen. «Wir sind stolz, Teil einer jahrhundertelangen Bautradition zu sein», sagt Loeffel.
Handarbeit gefragt
Nicht nur aussen wird das Münster instand gestellt, auch innen. Im Mittelschiff ist wenige Meter unter der Decke eine Holzplattform eingebaut worden. Hier ist der Arbeitsbereich der Restauratorinnen, die die Deckenverzierungen von Schmutz befreien. Dreck, der sich die letzten 450 Jahre auf den Wänden niedergelassen und aufgrund der Feuchtigkeit richtiggehend festgesetzt hat.
Mit Schwämmchen und Wattestäbchen tupfen die Restauratoren den Schmutz um die schwarzen Wandverzierungen weg. «Ich habe vor meinen Mitarbeitenden grossen Respekt. Sich von Zentimeter zu Zentimeter vorzuarbeiten, benötigt viel Geduld und Konzentration», sagt Annette Loeffel.
Auch hier drin weiss die Architektin eine Geschichte zu erzählen: Der Münsterbaumeister und Bildhauer Daniel Heinz hatte im Jahr 1573 zwischen zwei Weihnachten genau ein Jahr Zeit, um das Mittelschiffgewölbe zu bauen. Dabei mussten, wie man heute sieht, auch Kompromisse eingegangen werden.
«Wir haben entdeckt, dass die Goldauflagen an den Schlusssteinmedaillons an der Decke gar nicht aus Gold sind, sondern aus einer Zinnfolie.» Die sei, im Gegensatz zu Goldblättern, etwas steifer. Deshalb sei sie an manchen Stellen gerissen und müssten nun instand gestellt werden.
An einer anderen Stelle hat die Münsterbaumeisterin ein Missgeschick bemerkt. An einem Gewölbefeld vorne beim Chor finden sich grosse weisse Flecken. «Dort hat jemand vor über 500 Jahren, im Jahr 1517, beim Arbeiten rote Farbe verspritzt. Die Flecken hat er einfach übermalt.» Dass das Malheur noch ein halbes Jahrtausend später zu sehen ist, findet Loeffel amüsant.
Schlechter Schlaf bei Sturm
Auch heute geht bei der Arbeit des Architekturteams gelegentlich etwas schief. Das werde, wie alle Schritte der Restaurierung, präzis dokumentiert. «Bis ins 18. Jahrhundert gibt es leider kaum Aufzeichnungen, welche Arbeiten die Hüttenbaumeister vollzogen haben», sagt Loeffel. Nun halte man alles genau fest, damit spätere Generationen sehen, welche Materialien brauchbar waren und welche sich weniger eigneten.
Draussen hat es mittlerweile angefangen zu regnen. Als Annette Loeffel das Münster verlässt, schaut sie zum Himmel. Solches Wetter bereitet der Münsterbaumeisterin manchmal Sorgen. «Wenn es zu stürmen anfängt, schlafe ich nicht immer gut», sagt sie.
Bei hohen Windgeschwindigkeiten schaue sie genauer auf die Wetterapp, die ihr dank eines Windmessers auf dem Turm des Münsters exakte Werte anzeigt. Nach einem Sturm sei es besonders wichtig, Kontrollgänge zu machen, um allfällige Schäden auszumachen. Werden welche entdeckt, hat die Münsterbaumeisterin schon wieder die nächste Baustelle.







