Porträt

In der Kirche wollen sie ihre Liebe festigen

Als homosexuelles Paar waren sie lange benachteiligt, mit Einführung der «Ehe für alle» sind Stefanie Rufinatscha und Tanja Fux endlich gleichgestellt. Nun wollen sich die Ex-Katholikinnen in einer reformierten Kirche das Ja-Wort geben.

In einer kleinen Kapelle im Engadin wollen Stefanie Rufinatscha (links) und Tanja Fux den Bund der Ehe eingehen.(Bild: Goran Basic)

Beim Treffen in der Zürcher Altstadt wirken Stefanie Rufinatscha und Tanja Fux ein bisschen wie ein frisch verliebtes Paar. Die beiden Frauen mit Brille und Kurzhaarschnitt strahlen sichtlich Lebensfreude aus. «Wir sind glücklich, unsere Beziehung fühlt sich stimmig an», bestätigt Tanja Fux diesen Eindruck.

Seit rund siebeneinhalb Jahren sind sie inzwischen zusammen, kennengelernt haben sich die Informatikerinnen bei der Arbeit. «Wir waren früher in der gleichen Firma und durften in Projekten immer mal wieder zusammenarbeiten. So sind wir uns näher gekommen», sagt Fux.

Auch für sie und ihre Partnerin war der 1. Juli dieses Jahres ein Freudentag. Gleichgeschlechtliche Paare liessen die Champagnerkorken knallen: Die Schweiz führte als eines der letzten westeuropäischen Länder die «Ehe für alle» ein. «Für uns ist ein Stigma weggefallen. Wir haben endlich die gleichen Rechte und Pflichten wie alle anderen Paare», sagt Stefanie Rufinatscha.

«Mich störte, dass die katholische Kirche unsere Lebensform verurteilt.»
Tanja Fux

Im kommenden Jahr wollen sich Fux und Rufinatscha das Ja-Wort geben – auf dem Standesamt und in der Kirche. Geplant ist eine Feier in kleinen Kreis, mit Familie und engen Freunden. Für die kirchliche Trauung hat sich das Paar eine malerische Kapelle im Engadin, der Heimat von Stefanie Rufinatscha, ausgesucht. «Es ist eine Kirche katholischen Ursprungs, die heute aber reformiert ist. Ich fand diese Symbolik spannend, das passt irgendwie zu uns», sagt Rufinatscha.

Aus der Enge ausgebrochen

Beide Frauen sind in einem Bergkanton in einem katholischen Umfeld aufgewachsen und in jungen Jahren nach Zürich gekommen. Fux, die einen Teil ihrer Jugend in einem Mädcheninternat verbrachte, erinnert sich daran, dass der Wegzug aus ihrer Heimat eine Befreiung war. «Im konservativen Wallis fühlte ich mich als lesbische Frau nicht willkommen. Ausserdem störte mich, dass die katholische Kirche unsere Lebensform verurteilt», sagt Fux. Inzwischen sind beide Frauen aus der katholischen Kirche ausgetreten.

Dabei ist Spiritualität für sie weiter wichtig. «Ich glaube durchaus an Gott oder eine höhere Macht. Das Problem ist für mich die Institution», sagt Rufinatscha. Manchmal mache sich die katholische Prägung im Alltag noch immer bemerkbar, schmunzelt sie. «Wir beide können zum Beispiel an keiner Kapelle vorbei gehen, ohne eine Kerze für die Verstorbenen anzuzünden.»

Obwohl sie aus der Kirche ausgetreten sind, möchten Stefanie Rufinatscha und Tanja Fux für ihre Verbindung einen geistlichen Segen erhalten. (Bild: Goran Basic)

Der Glaube war ausschlaggebend dafür, dass sie sich für eine kirchliche Heirat entschieden. Bereits vor einigen Jahren hatte das Paar eine Segnungsfeier erwogen, diese dann aber wegen Corona aufgeschoben. Rufinatscha freut sich, dass nun eine Trauung in einer reformierten Kirche möglich ist – auch für ausgetretene Katholikinnen. «Es ist uns wichtig, dass unsere Verbindung von Gott gutgeheissen wird und ein Pfarrer uns dafür den Segen gibt», sagt sie.

Kinderwunsch blieb unerfüllt

Heute können die beiden Frauen offen mit ihrer Homosexualität umgehen. Das war nicht immer so. In den 1990er Jahren sei die gesellschaftliche Akzeptanz noch nicht so gross gewesen. Auch in der eigenen Familie wurde die gleichgeschlechtliche Liebe nicht akzeptiert, erinnert sich Fux. «Vor allem meine Mutter hatte Mühe damit, dass ich Frauen liebe.» Bei Stefanie Rufinatscha kam es gar zum Bruch mit der Mutter. «Wir haben uns übel verkracht und konnten das Thema zu ihren Lebzeiten nicht mehr bereinigen», sagt sie.

«Je unverkrampfter ich mit dem Thema umgehe, umso entspannter ist auch mein Umfeld.»
Stefanie Rufinatscha

Inzwischen sei die Öffentlichkeit viel toleranter. «Ich habe gelernt: Je unverkrampfter ich mit dem Thema umgehe, umso entspannter ist auch mein Umfeld». Homophobe Übergriffe haben weder Rufinatscha noch Fux erlebt. «Das hängt aber auch damit zusammen, dass man als lesbisches Paar ohnehin weniger angefeindet wird als ein schwules Paar», sagt Rufinatscha.

Derzeit leben Fux und Rufinatscha noch in einer eingetragenen Partnerschaft. Damit haben sie zwar annähernd die gleichen Rechte wie andere Paare. Zugleich sei dieser Status aber stigmatisierend, sagt Fux. «Wenn ich im Lebenslauf oder einem Formular eingetragene Partnerschaft angebe, ist sofort klar, dass ich lesbisch bin. Ich muss mich also outen, bevor man mich kennt.»

Den Kinderwunsch konnte sich das Paar nicht erfüllen. (Bild: Goran Basic)

Wichtig findet Rufinatscha zudem, dass gleichgeschlechtliche Paare seit der «Ehe für alle» das Recht auf Adoption und Zugang zur Samenspende haben. «Dass wir alle Pflichten wie zum Beispiel die Heiratsstrafe haben, aber von einigen Rechten ausgenommen sind, hat mein Gerechtigkeitsempfinden immer gestört.»

Für Rufinatscha und Fux kommt dies allerdings zu spät – ein kleiner Wermutstropfen, wie sie sagen. Ein Versuch, durch Samenspende im Ausland zu einem Kind zu kommen, ist vor ein paar Jahren gescheitert. Inzwischen steht diese Option aufgrund ihres Alters nicht mehr offen. Auch eine Adoption ist eher ausgeschlossen. Denn in der Schweiz darf der Altersunterschied zwischen Eltern und adoptiertem Kind maximal 40 Jahre betragen. «Daher haben wir uns dagegen entschieden», sagt Fux.

Sie hätten einem Kind ein schönes Zuhause bieten können, sind Tanja Fux und Stefanie Rufinatscha überzeugt. Ihr Glück lassen sie sich nicht trüben. «Wir sind jetzt als Universalgotten und -Tanten unterwegs und hüten die Kinder unserer Geschwister. So können wir die Mutterrolle auch ausleben», lacht Fux.