«Man darf von der Kirche mehr erwarten als von einem Startup»
Herr Golder, im CS-Jugendbarometer landete die Religionsausübung auf dem zweitletzten Platz. Nur noch Facebook ist bei den Jungen unpopulärer. Hat Sie das überrascht?
Überrascht hat mich, dass gleichzeitig 80 Prozent der befragten Jugendlichen angegeben haben, an Gott zu glauben. Aber ihnen ist die institutionelle Religionsausübung nicht wichtig.
Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?
Die Lebenswelt der Jugendlichen passt nicht zum Angebot der institutionellen Kirchen.
Politologe Lukas Golder hat an der Synode der reformierten Kirche Kanton Luzern im November Möglichkeiten skizziert, wie die Kirche von den «Flop 10» in die «Top 10» kommen kann. In einer digitalen Gruppenkonferenz im Februar 2023 wollen die Luzerner das Thema «Mitglied sein oder nicht?» breit diskutieren. Bereits haben sich über 100 Persönlichkeiten angemeldet, darunter auch Lilian Bachmann, Synodalratspräsidentin der Reformierten Kirche Kanton Luzern. Laut Bachmann wollen die Luzerner ihre Zukunft «selbstbewusst und kompetent» anpacken. (jow)
Was kann die reformierte Kirche tun, um die junge Generation besser zu erreichen?
Da gibt es für mich ein klares Rezept: Sie muss dort präsent sein, wo es die Jugendlichen sind: Im digitalen Raum! Und sie muss vor allem die Wichtigkeit erkennen, digital präsent zu sein. In meinen Augen haben das noch längst nicht alle in der Kirche begriffen. Ich denke auch, dass man von der Kirche erwarten darf, dass sie solche Infrastrukturen professionell aufbaut.
Warum?
Weil der Staat die Kirche mit gewaltigen Mitteln unterstützt. Ausserdem sind die Kirchensteuern etwa für gut Verdienende nicht gerade gering. Deshalb darf man von ihr deutlich mehr erwarten als von einem kleinen Startup. Eine moderne Kirche in der heutigen Zeit benötigt eine digitale Infrastruktur und muss in den sozialen Netzwerken präsent sein.
Seit 2010 wird das CS-Jugendbarometer vom Forschungsinstitut gfs.bern im Auftrag der Grossbank Credit Suisse erhoben. Das Barometer ist eine repräsentative Studie, für die jeweils rund 1‘000 Jugendliche in der Schweiz, Brasilien, den USA und Singapur im Alter von 16 bis 25 Jahren befragt werden. Das Jugendbarometer gibt Einblick in die Lebensweise, Probleme und Einstellungen der Jugendlichen und trägt aktuellen Ereignissen wie in diesem Jahr beispielsweise dem Krieg in der Ukraine Rechnung. Die Umfrage 2022 wurde im Juni und Juli online durchgeführt.
Der Politologe Lukas Golder ist Co-Leiter und Mitinhaber von gfs.bern. Im Forschungsinstitut hat er sich auf Politik- Gesellschafts- und Kommunikationsforschung spezialisiert. (bat)
Das ist einfacher gesagt als getan. Dafür braucht es auch die entsprechenden Mitarbeitenden, oder?
Das ist sicher so. Nur: Niemand würde in der Kirchgemeinde oder der Landeskirche die Bedeutung einer Finanzabteilung infrage stellen. Mit dem gleichen Selbstverständnis sollte eine Digitalabteilung aufgebaut werden. Die aktuelle Technologie prägt das Lebensgefühl von uns und insbesondere der jungen Generation. Die Kirche muss zwingend dorthin, wo die künftigen Mitglieder sind.
Dann muss die Kirche cool und hip werden, damit sie bei den Jugendlichen Anklang findet?
Nein, das meine ich damit nicht. Ein Beispiel: Das Jugendbarometer zeigt beispielsweise, dass Geigenspielen bei den Jugendlichen etwas ist, das zwar alt ist, sie jedoch gerne praktizieren. Die Kirche als Institution ist nach wie vor respektiert. Das zeigen nur schon die Mitgliederzahlen. Von solchen kann eine NGO nur träumen. Deshalb darf und soll die Kirche auch selbstbewusst ihre christlichen Werte und Traditionen vertreten. Das halte ich gar für sehr wichtig. Nur über das wie sollte sie sich mehr Gedanken machen.
Für Kontroversen sorgt immer wieder die Frage, wie politisch die Kirche sein soll. Was sagen Sie als Politologe dazu?
Die Kirche sollte in der Gesellschaft für Grundwerte wie Menschenrechte einstehen. Denn die sind so gefährdet wie schon lange nicht mehr. Die Kirche kann helfen, Gräben zuzuschütten und sich für Versöhnung einzusetzen. Sie sollte im Gegensatz zu Nicht-Regierungsorganisationen nicht Partei ergreifen, wie sie es in der Konzernverantwortungs-Initiative gemacht hat. Dort hatten wir eine extreme Polarisierung. Ich sehe die Kirche gerade dann als Vermittlerin. Eine Rolle, die in Zukunft immer wichtiger werden dürfte.