Kirche unter doppeltem Beschuss
Priester Oleksandr Shestopalov fährt zum Interview im Auto vor, das ihm seine Gastfamilie zur Verfügung gestellt hat. Im März 2022 ist er aus der Ukraine über Deutschland in die Schweiz geflüchtet, jetzt lebt er in Spiez. Bevor er die Treppe zur Christkatholischen Kirche in Thun hochsteigt, zieht er sein Rayson an, das Obergewand der orthodoxen Geistlichen. Oben angekommen, öffnet der 38-Jährige die dunkelgrüne Tür der Kirche und bittet darum, einzutreten.
Herr Shestopalov, unter welchen Umständen sind Sie in die Schweiz geflüchtet?
Wir haben in Tschernihiw gelebt. Als der Krieg begonnen hat, haben die Russen die Stadt bombardiert. Wir haben uns im Keller versteckt. Das hat etwa zwei Wochen gedauert. Ich habe drei Töchter, die älteste war zu diesem Zeitpunkt vier Jahre alt, die jüngste vier Monate. Sie wurden krank, Medikamente gab es keine. Also haben meine Frau und ich uns entschieden, zu fliehen.
Wie gelang Ihnen die Flucht?
Als Priester unterstehe ich nicht der Wehrpflicht. Wir flüchteten während einer Bombardierung durch den Wald, weil alle Wege vermint worden sind.
Wussten Sie, wohin Sie wollten?
Nein. Zuerst sind wir innerhalb der Ukraine geflüchtet und dann nach Deutschland, wo wir einen kurzen Moment geblieben sind. Schliesslich haben wir uns entschieden, in die Schweiz zu kommen. Das war Ende März 2022. In der Schweiz sind wir zuerst bei einer Familie in Thun untergekommen.
Die ukrainische Grossstadt Tschernihiw ist eine Kulturstadt, älter als Moskau. Von ihr aus ist es nicht weit an die Grenzen von Belarus und Russland. Sie war eines der ersten Ziele des russischen Angriffskriegs und sollte der Ausgangspunkt für den Angriff auf Kiew bilden. Eine Eroberung der Stadt gelang den Russen zwar nicht. Sie haben jedoch Wohnviertel, Brücken und Fluchtwege zerstört und unzählige Zivilisten getötet. Ende März 2022 gelang es der ukrainischen Armee, die Blockade der Stadt zu durchbrechen. Noch auf der Flucht in der Ukraine hat die Familie Shestopalov die Nachricht erhalten, dass ihr Haus von einer Rakete getroffen wurde.
Wie geht es Ihrer Familie in der Schweiz?
Vor allem die Kinder waren am Anfang traumatisiert. Wenn sie Flugzeuglärm hörten, mussten sie weinen. Jetzt geht es ihnen besser. Unsere Gastfamilie war freundlich, ehrlich und mitfühlend. Sie hat uns wie Verwandte behandelt. Wir sind ihnen sehr dankbar. Mittlerweile sind wir in Spiez und haben uns in unser eigenen Wohnung gut eingelebt. Meine älteste Tochter besucht einen schönen Kindergarten. Meine Ehefrau unterstützt mich bei der Arbeit für die Kirchgemeinde und hilft anderen Flüchtlingen.
Sie leiten seit knapp einem Jahr eine ukrainisch-orthodoxe Gemeinde im Raum Bern. Wie kam es dazu?
Ich habe Bekanntschaft gemacht mit einem serbisch-orthodoxen Priester. Er hat uns geholfen, Räumlichkeiten zu finden. Sie gehören der Christkatholischen Kirchgemeinde. Dann habe ich den Metropoliten Onufrij (das Oberhaupt der ukrainisch-orthodoxen Kirche) um Erlaubnis gebeten, eine Gemeinde für ukrainische Flüchtlinge in der Schweiz aufzubauen. Er hat sie mir erteilt. Wir organisieren Gottesdienste in Thun, Bern und Biel, aber auch in Freiburg und Lausanne. Insgesamt besuchen sie ungefähr 200 Mitglieder.
Wie finanzieren Sie sich?
Die Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn und die Reformierte Kirche Lenk haben uns mit einmaligen Beiträgen finanziell unterstützt. Damit konnten wir Kerzen und Weihnachtsgeschenke kaufen, Flüchtlinge mit Essen versorgen und für die Fahrten unseres Personals und Chors aufkommen. Mit dem Auto kann ich zu Gottesdiensten fahren, Kranke besuchen und humanitäre Hilfe leisten.
Erhalten Sie einen Lohn von der ukrainisch-orthodoxen Kirche?
Nein, ich erhalte dieselbe finanzielle Unterstützung wie alle Flüchtlinge. Meine Familie wohnt in einer Wohnung, die uns der Sozialdienst zur Verfügung stellt.
Kennen Sie andere ukrainisch-orthodoxe Priester in der Schweiz?
In Bern bin ich alleine, in der Schweiz sind wir zu dritt. Die anderen beiden Priester sind in Zürich und Luzern. Wir arbeiten eng zusammen und führen gemeinsame Gottesdienste durch. Und wir besprechen Fragen zu unserer Kirchgemeinde.
Viele Ukrainerinnen möchten eines Tages zurückkehren. Löst sich Ihre Gemeinde dann wieder auf?
Das Ziel ist, dass die Gemeinde bleibt. Es hat viele Ukrainer hier. Wenn sie sich integrieren wollen, brauchen sie die Kirche. Unsere Gottesdienste folgen den ukrainischen Bräuchen, das schafft eine Atmosphäre wie zu Hause.
Wie ist das bei Ihnen: Können Sie sich vorstellen, für immer in der Schweiz zu bleiben?
Meiner Frau und meinen Kindern gefällt es hier sehr. Für mich ist wichtig, dass Gott entscheidet. Wenn es sein Wunsch ist, dass ich hierbleibe und er es mich spüren lässt, dann bleibe ich.
Shestopalov erzählt, wie er als Zehnjähriger begonnen hat, die Sonntagsschule zu besuchen. Er sei jeweils früher aufgestanden als seine Eltern, um sich für die Kirche vorzubereiten. Sie löse in ihm ein Gefühl der Nähe zu Gott aus. Als Jugendlicher war er Gottesdiensthelfer, danach absolvierte er das Priesterseminar. Bevor er selber Priester wurde, lernte er seine Frau kennen und ging einer anderen Arbeit nach. In der orthodoxen Kirche gilt: Verheiratete dürfen Priester werden, eine Heirat nach der Priesterweihe ist aber nicht mehr möglich.
Welchen Job hatten Sie, bevor Sie Priester wurden?
Ich war Lichtdesigner. Ich habe den Menschen das Licht aus einer anderen Perspektive gezeigt (lacht). Allerdings bestand immer der Wunsch, für die Kirche zu arbeiten.
In der Ukraine gibt es zwei orthodoxe Kirchen: Bei der ersten handelt es sich um die ukrainisch-orthodoxe Kirche mit dem Metropoliten Onufrij. Sie erhielt 1991 von der russisch-orthodoxen Kirche den Status als autonome Kirche. Aufgrund der Invasion sagte sie sich 2022 ganz von der russisch-orthodoxen Kirche los, weil der Moskauer Patriarch Kyrill I. den russischen Angriffskrieg verteidigt. Die ukrainische Staatsführung wirft ihr dennoch vor, mit der russischen Regierung zu kooperieren, und strebt ein Verbot von ihr an.
Gleichzeitig unterstützt die Regierung aktiv die Orthodoxe Kirche der Ukraine. Sie entstand 2018 aus dem Zusammenschluss zweier Kirchen, die sich bereits in den 1990er Jahren von der russisch-orthodoxen Kirche abgespalten hatten. Die Orthodoxe Kirche der Ukraine wird vom Metropoliten Epihanij geleitet und untersteht dem Patriarchen von Konstantinopel.
Die ukrainische Regierung wirft Ihrer Kirche vor, mit der russischen Regierung zu kooperieren. Was sagen Sie dazu?
Das ist eine schwierige Frage. Ich meine, diese Verurteilung ist grundlos. Die ukrainisch-orthodoxe Kirche ist von der russisch-orthodoxen Kirche und der ukrainischen Politik unabhängig und will es auch bleiben. Wir sind ukrainische Staatsbürger und unterstützen unsere Flüchtlinge und das Militär. Wir beten für den Frieden in der Ukraine. Es ist nicht so, dass wir mit unserer Regierung nicht einverstanden wären. Wir wollen, dass die ukrainische Bevölkerung vereint bleibt und Frieden herrscht. Unsere Priester haben Kinder, die an der Front kämpfen, verletzt wurden oder gestorben sind.
Dmytro Husyev erwähnt, dass Shestopalovs älterer Bruder in Bachmut kämpft. Husyev übersetzt das Gespräch. Er kam 2005 als Jugendlicher im Rahmen eines Familiennachzugs in die Schweiz und führt eine Autowerkstatt in Thun. Shestopalov brachte ihm sein Auto zur Reparatur, seither unterstützt Husyev ihn im Alltag.
Wie geht es Ihrem Bruder?
Ab und zu schickt er Videos und sagt, dass es schwer sei. Einmal sei er mit einem 22-jährigen Soldaten im Gespräch gewesen, der ihm von seinen Familienplänen erzählt habe. Während des Gesprächs sei der junge Soldat von einer Kugel in den Kopf getroffen worden. Mein Bruder wurde zweimal verletzt. Einmal war er gerade dabei, Verletzte zu evakuieren. Von seiner Gruppe mit zwanzig Soldaten hätten nur fünf überlebt. Meine Eltern wollen nicht flüchten, weil sie auf meinen Bruder warten. Wenn er verletzt ist, besuchen sie ihn im Spital. Kürzlich ist er wieder an die Front zurückgekehrt.
Stehen Sie mit ukrainisch-orthodoxen Priestern in besetzten Gebieten in Kontakt?
Nein, ich kenne keine.
Worin unterscheiden sich die Orthodoxen Kirche der Ukraine?
Die Orthodoxe Kirche der Ukraine verfügt über keine Apostolische Sukzession (damit ist die ununterbrochene Weitergabe des Bischofsamts seit den Aposteln gemeint). Sie ist zudem von Konstantinopel abhängig. Und dieses Jahr hat die Orthodoxe Kirche der Ukraine zweimal Weihnachten gefeiert (ref.ch berichtete).
Wenige Jahre vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion durfte die ukrainisch-orthodoxe Kirche wieder in das alte Kiewer Höhlenkloster zurückkehren, das zum Weltkulturerbe der Unesco gehört. Ende 2022 hat der ukrainische Geheimdienst dort eine Razzia mit dem Ziel durchgeführt, Waffen und prorussische Spione aufzuspüren. Vor Weihnachten wurde der Vertrag zur Nutzung des Klosters nicht mehr verlängert. An der Stelle der ukrainisch-orthodoxen Kirche durfte die Orthodoxe Kirche der Ukraine in das Kloster einziehen.
Die «Süddeutsche Zeitung» hatte darüber berichtet, wie zahlreiche ukrainisch-orthodoxe Kirchen nach der Befreiung besetzter Gebiete der Orthodoxen Kirche der Ukraine «übergeben» wurden.
Kennen Sie Priester der Orthodoxen Kirche der Ukraine, die in der Schweiz leben?
Ich habe keinen Kontakt zu solchen Geistlichen. Ob sie als Flüchtlinge hier wohnen, weiss ich nicht. Aber sie dürfen keine Gottesdienste abhalten, weil ihnen die Bewilligung von Konstantinopel fehlt, um im Ausland eine Gemeinde aufzubauen.
Wie sieht die Zukunft der orthodoxen Kirchen in der Ukraine aus?
Unsere Zukunft liegt in Gottes Händen. Wir beten für den Frieden und unterstützen einander. Die Religionsfreiheit soll durch das Grundgesetz garantiert sein, der Staat soll sich nicht einmischen.
Nach dem Gespräch schliesst Oleksandr Shestopalov die Christkatholische Kirche Thun ab. Vor dem Auto zieht er sich wieder um. Auf ihn wartet ein langer Tag. Er muss weiter nach Lausanne. Eine Frau liege im Sterben, sagt er, bevor er ins Auto steigt.