Krieg in der Ukraine

Aufstand gegen die Ohnmacht

Hunderte Menschen haben sich an Gedenkfeiern in Bern und Zürich versammelt, um den Opfern des russischen Angriffskriegs zu gedenken. Ukrainische Flüchtende schilderten ihre Not, politische und religiöse Würdenträger der Schweiz erinnerten daran, solidarisch zu bleiben.

Gläubige und Betroffene des Krieges geben im Berner Münster ihrer Hoffnung auf Frieden Ausdruck. (Bild: Peter Klaunzer/ Keystone)

Ein Jahr Krieg, Tausende Tote, Millionen Geflüchtete und kein Ende in Sicht. In Bern scheint die Sonne, auf dem Münsterplatz feiern Hunderte fröhlich Fasnacht. Eine Guggenmusik spielt auf einer Tribüne, Kinder werfen mit Konfetti um sich. Es ist kurz vor vier Uhr an einem Freitagnachmittag.

Gleich soll im Münster ein Friedensgebet für die Ukraine beginnen. Noch sind die Bänke in der Kirche spärlich besetzt. Doch nach und nach finden immer mehr Menschen ihren Weg in das Gebäude. Schliesslich sind es ebenfalls Hunderte, die sich zum Friedensgebet versammeln.

Nationalratspräsident Candinas: «Leid nur zu erahnen»

Dazu aufgerufen haben die Schweizer Landeskirchen und die Freikirchen. Bereits am Vormittag läuteten im ganzen Land die Kirchenglocken während fünf Minuten, gefolgt von einer Schweigeminute für die Opfer des Krieges. Unter den Teilnehmenden des Friedensgebets am Nachmittag befinden sich vorwiegend ältere Menschen verschiedener Konfessionen – aber auch einige Familien und Jugendliche aus der Ukraine sind ins Münster gekommen.

Nachdem die Liturgen den Gang entlang geschritten sind und das Orgelspiel verstummt ist, erteilt Domherr Pierre-Yves Maillard dem Schweizer Nationalratspräsidenten Martin Candinas (Die Mitte) das Wort. «Die Schweiz ist ein neutrales Land. Unsere Geschichte ist eine von Frieden und Wohlstand.» Das sage er nicht aus Stolz, sondern mit Demut.

«Ich habe das Friedensgebet als sehr intensiv und ergreifend erlebt.»
Jean-Luc Ziehli, Réseau évangélique suisse

Wir könnten nur erahnen, wie gross das Leid der Menschen in der Ukraine sei. Politiker hätten die Aufgabe, sich für den Frieden einzusetzen. «Doch kollektives Handeln beginnt immer mit individuellem Handeln», sagt Candinas. «Deshalb sind wir zusammengekommen.»

Kirchenvertreter: Trotz Nebengeräuschen gelungen

Für Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-refomierten Kirche Schweiz (EKS) bringt das Gebet die Menschen einen Schritt vorwärts. «Gebet schafft Gemeinschaft und führt zum Handeln», sagte sie. Famos schloss ihre Predigt mit dem Wunsch nach Frieden und Gerechtigkeit für die Ukraine, die Unterdrückten in Russland und in der ganzen Welt.

«Ich habe mich gefreut, dass so viele Menschen gekommen sind», sagte Rita Famos nach dem Anlass im Gespräch mit ref.ch. Das Friedensgebet habe einem Bedürfnis der Bevölkerung entsprochen. Für sie sei es ein wertvoller Moment gewesen, um Kraft im Glauben zu finden.

«Wir schweigen nicht, wenn Bomben vom Himmel fallen.»
Christoph Sigrist, Pfarrer am Grossmünster

Famos hebt besonders den ökumenischen Charakter der Feier hervor. Neben ihr sassen Nazar Zatorskyy, ukrainischer Priester der Griechisch-Katholischen Kirche, und Vladimir Svistun, Priester der russisch-orthodoxen Kirche. Das stimme sie zuversichtlich.

Positiv gestimmt gab sich auch Jean-Luc Ziehli vom Réseau évangélique suisse RES, dem Pendant zur Schweizerischen Evangelischen Allianz SEA. Er hat gemeinsam mit Famos, dem Churer Bischof Joseph Bonnemain und anderen das Friedensgebet geleitet, an dem auch Zatorskyy und Svistun zu Wort kamen. «Ich habe das als sehr intensiv und ergreifend erlebt», sagt Ziehli. Trotz der ökumenischen Vielfalt sei der Anlass tiefgründig gewesen.

Zürcher Grossmünster Pfarrer: «Kein Dialog mit Kyrill»

Auch in Zürich gab es am Freitag einen Gedenkanlass. Das Grossmünster in der Altstadt war bis auf den letzten Platz besetzt, zahlreiche Besucherinnen mussten in den Gängen stehen oder vor der Kirche bleiben. Blaue und gelbe Windlichter mit Kerzen in den Bänken standen für die Solidarität mit dem ukrainischen Volk, auch dutzende ukrainische Flaggen zeugten von der grossen Anteilnahme. Unter den Gästen waren viele Familien mit Kindern. Zahlreiche Menschen sprachen Russisch und hatten selbstgebastelte Transparente dabei, sie waren zuvor an einer Kundgebung durch die Stadt gezogen.

«Der Wiederaufbau der Seele ist ungleich schwieriger als jener von zerstörten Häusern oder Strassen.»
Ukrainischer Flüchtling

Seit dem Ausbruch des Krieges vor einem Jahr sei das Grossmünster an 365 Tagen zu einem Ort des Gedächtnisses geworden, einem Ort, um der Hilflosigkeit, der Trauer, der Wut, aber auch der Hoffnung Ausdruck zu verleihen, sagte Pfarrer Christoph Sigrist.

Im Chor standen 365 Kerzen. «Kein Tag darf vergessen werden», mahnte Sigrist. Er kritisierte insbesondere den russischen Patriarchen Kyrill I. «Wir schweigen nicht, wenn Bomben vom Himmel fallen. Aber es wäre eine Illusion, mit dieser Kirchenleitung in einen Dialog zu treten».

Helfen, so lange wie es nötig ist

An den Tag des Kriegsausbruches erinnerte sich eine Frau, die aus der ukrainischen Hauptstadt Kiew in die Schweiz flüchtete und an der Gedenkfeier sprach. Bei Kriegsbeginn habe sie um vier Uhr morgens ihre Kinder geweckt. Das Wichtigste – nämlich die Kinder – liess sich nicht in Taschen packen. Seither sei das Leben zweigeteilt in ein «Davor» und ein «Danach». Jeder Tag beginne gleich, nämlich mit der Frage, wie es den Liebsten gehe, die zurückgeblieben seien. «Der 24. Februar wird erst enden, wenn der Krieg endet», sagte sie.

Kundgebungen in Europa

Nicht nur in Bern, sondern in der ganzen Schweiz und in ganz Europa wird in diesen Tagen für den Frieden gebetet. Bereits am Donnerstag haben sich Berlins evangelischer Bischof Christian Stäblein und der katholische Erzbischof der Stadt, Heiner Koch, zu einem Friedensgebet versammelt. Auch in London fand ein überkonfessionelles Friedensgebet statt, an dem unter anderem der frühere Premierminister Boris Johnson teilnahm. Begleitet werden die Gebete von zahlreichen Kundgebungen für den Frieden. An den meisten Anlässen nehmen Menschen aus der Ukraine teil. Laut der Schweizerischen Flüchtlingshilfe sind 11 Millionen Personen aus dem Land geflohen. Die Schweiz hat rund 65’000 Ukrainerinnen aufgenommen. (epd/pef/jow)

«Wann endet der Krieg?», fragte ein Mann, der gebrochen, aber gut verständlich Deutsch sprach. Die ärgsten Verluste könne man nicht wiederaufbauen. «Eine gestohlene Kindheit kommt nicht zurück. Der Wiederaufbau der Seele ist ungleich schwieriger als jener von zerstörten Häusern oder Strassen.»

Von einer Sprachlosigkeit, die sie überfallen habe, berichtete die Schweizer Schriftstellerin Seraina Kobler. «Was willst du sagen, wenn du die grossen Katastrophen nur vom Bildschirm kennst?», fragte sie rhetorisch. «Ein Jahr, um zu helfen, solange, wie es halt noch sein soll», resümierte ein Mann aus Bern, der als Vertreter für die vielen Gastfamilien stand, die Geflüchtete bei sich aufgenommen haben.

Nach der Gedenkfeier versammelten sich noch mehrere hundert Menschen vor dem Grossmünster. Sie zündeten Kerzen an und sangen ukrainische Volkslieder, während es über Zürich Nacht wurde.