Klimaschutz

«Ich wünschte mir von den Kirchen eine aktivere Rolle in der Klimadebatte»

Viele Kirchgemeinden und Landeskirchen halten sich beim Abstimmungskampf zum Klimaschutzgesetz zurück. Reto Knutti, Professor für Klimaphysik der ETH Zürich, hält das für einen Fehler.

Am 18. Juni stimmt die Schweiz über das Klimaschutzgesetz ab. In vielen reformierten Landeskirchen und den Kirchgemeinden wird die Abstimmung kaum zum Thema gemacht. (Bild: Urs Flüeler / Keystone)

Herr Knutti, Sie haben in den sozialen Netzwerken einen ref.ch-Artikel geteilt. Darin geht es um das fehlende Weibeln der Kirchen für den Klimaschutz. Weshalb haben Sie darauf aufmerksam machen wollen?
Ich bin der Meinung: Nichts sagen oder sich nicht einmischen ist nicht neutral. Es ist das explizite Akzeptieren und Unterstützen des Status quo. Ich wünschte mir, dass auch Religionsgemeinschaften sich aktiver in die Klimadebatte einbringen.

Zur Person

Reto Knutti ist Professor für Klimaphysik an der ETH Zürich. Der 50-Jährige war Leitautor mehrerer Klimaberichte der UNO. Reto Knutti forscht unter anderem zu Veränderungen im Klimasystem durch Treibhausgase und zu Klimamodellen.

Warum?
Die Klimadebatte hat in hohem Masse mit Gerechtigkeit zu tun. Die westlichen Länder haben den grössten Anteil an den CO2-Emissionen und profitieren am meisten von der Verbrennung fossiler Brennstoffe. Aber die negativen Auswirkungen des Klimawandels, wie extreme Wetterereignisse und steigender Meeresspiegel, treffen hauptsächlich die Entwicklungsländer. In diesem Sinne ist die Klimakrise eine Frage von Fairness und Gerechtigkeit. Es geht also um Werte, die auch in der Kirche eine wichtige Rolle spielen. Ausserdem geht es bei der Klimakrise um die Bewahrung der Schöpfung. Wir sind dabei unsere Lebensgrundlage zu zerstören. Deshalb wünsche ich mir eine aktivere Rolle der Kirchen in der Klimadebatte.

Wie könnten sich die Kirchen in diese Debatte einbringen?
Zunächst einmal könnten sie das Thema Klimawandel und dessen Folgen in ihre eigenen Diskussionen und Entscheidungen einbeziehen. Wir stehen in der Klimakrise nicht vor technischen oder finanziellen Problemen. Das Hauptproblem ist gesellschaftlicher und politischer Natur: Wir sind uns nicht einig, welche Massnahmen wir treffen sollen. 

«Die Worte eines Schwingers hätten auf viele Menschen eine grössere Wirkung als jene eines Physikers.»

Welche ethischen Fragen sind für Sie zentral?
Welchen Wert messen wir der Zukunft bei? Denken wir kurzfristig und egoistisch oder langfristig? Welche Welt wollen wir gestalten und der nächsten Generation hinterlassen? Es ist eine Frage der Haltung und der Verantwortung, der Gerechtigkeit und der Prioritäten. Das sind fundamentale ethische Fragen, zu denen Organisationen wie die Religionsgemeinschaften etwas beizutragen haben. Aber die Religionsgemeinschaften sind nicht die einzigen, von denen ich mir eine aktivere Rolle wünsche.

Abstimmung zum Klimaschutzgesetz

Am 18. Juni stimmt die Schweiz über das Klimaschutzgesetz ab. Dieses verlangt, dass alle inländischen Treibhausgasemissionen bis 2050 netto null erreichen. Wie dieses Ziel erreicht wird, müssen weitere Gesetze festlegen. Das Gesetz sieht zudem je 200 Millionen Franken pro Jahr für eine klimafreundliche Entwicklung der Industrie sowie für ein Programm zum Heizungsersatz vor. Das Klimaschutzgesetz ist der vom Parlament erarbeitete indirekte Gegenvorschlag zur Gletscherinitiative. Diese wird zurückgezogen, falls die Bevölkerung dem Gesetz zustimmt. Die SVP hat das Referendum ergriffen, weswegen es zur Volksabstimmung kommt. (eba)

An wen denken Sie noch?
Auch im Sport oder in der Kunst wird viel zu wenig auf die Klimakrise aufmerksam gemacht. Die Worte eines Schwingers hätten auf viele Menschen eine grössere Wirkung als jene eines Physikers, wie ich einer bin.

Warum ist es Ihnen so wichtig, dass sich Organisationen wie die Kirchen in die Debatte einmischen?
Weil wir ein so grosses Problem wie die Klimakrise nur gemeinsam lösen können. Wir brauchen einen gesellschaftspolitischen Rahmenvertrag mit verbindlichen Regeln, an die sich alle zu halten haben. Nehmen wir als Beispiel die Abwasserentsorgung. Es ist wohl mittlerweile allen klar, dass das Abwasser nicht im See landet, sondern geklärt wird. Auch der Abfall wird nicht einfach im Wald entsorgt, sondern kommt in die Verbrennungsanlage. Wir haben Asbest verboten, Grenzwerte beim Einsatz von Phosphat gesetzt.

«Wir haben jetzt die Chance, die Zukunft der Schweiz zu gestalten.»

Was braucht es, um die Klimakrise zu bewältigen?
Erstens kann jeder und jede selbst etwas tun: ein kleines batterielektrisches Auto oder gar kein Auto haben, die Ölheizung ersetzen, das Haus isolieren, weniger fliegen, weniger tierische Produkte essen. Zweitens braucht es einen politischen Rahmen. Und drittens die Erkenntnis, dass wir alle profitieren können. Klimaschutz und erneuerbare Energie hilft nicht nur dem Klima, der Biodiversität, der Luftqualität, es lohnt sich auch finanziell. Durch Innovation und Investitionen im eigenen Land stärken wir langfristig die Energiesicherheit und profitieren als Standort Schweiz. Wir haben jetzt die Chance, die Zukunft der Schweiz zu gestalten.