Alles spricht für Klimaschutz – trotzdem schweigen viele Kirchen
Wie in der Wissenschaft ist man sich auch in den Kirchen einig: Die Klimakrise bedroht die Lebensgrundlagen von Millionen von Menschen. «Es herrscht heute im christlichen Umfeld ein breiter Konsens über die Notwendigkeit von Klimaschutz», sagt Kurt Zaugg-Ott, Leiter der Fachstelle «oeku – Kirchen für die Umwelt» auf Anfrage von ref.ch.
Im Hinblick auf die Abstimmung zum Klimaschutzgesetz vom 18. Juni (siehe Kasten) hat die Fachstelle die konfessionsübergreifende Koalition «Christ:innen für Klimaschutz» initiiert, die für ein Ja zum indirekten Gegenvorschlag zur Gletscherinitiative kämpft.
Viele theologische Argumente für Klimaschutz
«Die Schöpfung ist in Gefahr», schreiben die Initiantinnen in ihrem umfangreichen Positionspapier. An theologischen Argumenten mangelt es nicht: Die Klimakrise betreffe «grundlegende Fragen der Gerechtigkeit, der Nächstenliebe, des christlichen Menschenbildes und der Konzepte von einem guten gelingenden Leben für alle», heisst es weiter.
Am 18. Juni stimmt die Schweiz über das Klimaschutzgesetz ab. Dieses verlangt, dass alle inländischen Treibhausgasemissionen bis 2050 netto null erreichen. Wie dieses Ziel erreicht wird, müssen weitere Gesetze festlegen. Das Gesetz sieht zudem je 200 Millionen Franken pro Jahr für eine klimafreundliche Entwicklung der Industrie sowie für ein Programm zum Heizungsersatz vor. Das Klimaschutzgesetz ist der vom Parlament erarbeitete indirekte Gegenvorschlag zur Gletscherinitiative. Diese wird zurückgezogen, falls die Bevölkerung dem Gesetz zustimmt. Die SVP hat das Referendum ergriffen, weswegen es zur Volksabstimmung kommt. (eba)
Dennoch: Eine Beteiligung von kirchlichen Kreisen am Abstimmungskampf wie bei der Konzernverantwortungsinitiative darf nicht erwartet werden. «Wir drucken keine Fahnen für die Kirchtürme», sagt Zaugg-Ott. Ziel der Christ:innen für Klimaschutz sei, möglichst viele Kirchgemeinden und Pfarrpersonen ins Boot zu holen und für ein öffentliches Ja zum Klimschutzgesetz zu gewinnen. Diese könnten das Anliegen am Rande von Gottesdiensten oder bei Veranstaltungen weitertragen.
Auffällig ist, dass derzeit vor allem kirchennahe Organisationen bei den «Christ:innen für Klimaschutz» präsent sind wie die Hilfswerke Heks und Mission 21. Bislang haben sich aber nur wenige Kirchgemeinden und keine Kantonalkirchen der Koalition angeschlossen. Zaugg-Ott sagt, dass sich dies noch ändern könnte, schliesslich habe der Abstimmungskampf erst begonnen.
Er spürt aber auch, dass viele Kirchgemeinden nach der Debatte rund um die Konzernverantwortungsinitiative vorsichtiger geworden sind. «Jene, die schweigen, sind nicht gegen Klimaschutz», sagt Zaugg-Ott. «Es geht um die grundsätzlichere Frage, ob sie sich überhaupt politisch äussern wollen.»
«Auch Schweigen ist eine Meinungsäusserung»
Viele Kirchenvertreter sind in Sorge, dass Menschen der Kirche vermehrt den Rücken kehren, weil sie mit deren pointierten politischen Äusserungen nicht einverstanden sind. Dazu sagt Gabriela Allemann, Präsidentin der Evangelischen Frauen Schweiz (EFS), die ebenfalls in der Koalition Christ:innen für Klimaschutz vertreten sind: «Auch Schweigen ist eine Meinungsäusserung.»
Für Allemann ist klar, dass christliche und kirchliche Organisationen Stellung beziehen müssen, da sie eine Mitverantwortung für die Gesellschaft tragen. «Aufgabe der Kirche ist es dafür zu sorgen, dass den Menschen die Bewahrung der Schöpfung nicht gleichgültig ist. Aber jede Person schreibt auf den Stimmzettel, was sie oder er will.»
Dass Kirchen keineswegs schweigen müssen, hat die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) vorgemacht. Im vergangenen Dezember hat sie ihre Unterstützung für die Gletscherinitiative und den indirekten Gegenvorschlag mit deutlichen Worten zum Ausdruck gebracht. «Angesichts der akuten Bedrohung der Schöpfung durch den menschgemachten Klimawandel braucht es einen wirksamen gesetzlichen Rahmen, der hilft, die Ziele des Pariser Klimaabkommens umzusetzen», schrieb die EKS.
Bei der biblischen Herleitung erwähnt sie eine Stelle im Buch Genesis und schreibt dazu: «Wenn das Eis auf der Erde in dramatischen Ausmassen schmilzt, droht die göttliche Zusage, auf die die Menschheit bis in die Gegenwart vertraut hat, buchstäblich in einer neuen, selbstverursachten Sintflut unterzugehen.»
Ähnlich drastische Worte wählte der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK), der an seiner letzten Vollversammlung ein ungewöhnlich dringlich formuliertes Klimadokument namens «Der letzte Planet» veröffentlichte, das auf den Aspekt der Klimagerechtigkeit fokussierte. «Die Liebe Christi ruft uns zu echter Solidarität auf und fordert uns auf, durch eine Verwandlung unseres Lebenswandels nach Gerechtigkeit für all jene zu streben, die am wenigstens zu diesem Notstand beigetragen haben, aber am meisten darunter leiden», heisst es im Dokument.
Schliesslich kommen konkrete Klima-Forderungen auch von den Katholiken. In seiner berühmten Enzyklika «Laudato si'» forderte Papst Franziskus bereits 2015 den Stopp der Verbrennung fossiler Energieträger, also den Ausstieg aus Erdöl und Kohle.
Der Papst kritisierte ebenso die Finanzwirtschaft, welche einen wirksamen Umweltschutz verhindere. Und er nannte unseren Konsum «selbstmörderisch». Die Schweizer Bischofskonferenz erinnerte kürzlich an diese Worte und gab dem Klimaschutzgesetz, das nun zur Abstimmung kommt, ebenfalls seinen Segen. Sie schrieb: «Es muss jetzt gehandelt werden, die Zeit drängt.»
Dass politisches Engagement für Klimaschutz auch Kritik einbringt, versteht sich von selbst. Mit diesem Problem sind die Kirchen nicht alleine. Auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern riskieren etwas, wenn sie sich pointiert äussern.
«Es könnte in gewissen Kreisen unsere Glaubwürdigkeit schmälern», sagte ETH-Klimaforscher Reto Knutti zum «Tages-Anzeiger». Trotzdem unterschrieben kürzlich mehr als 200 Forschende eine Stellungnahme, mit der sie das Klimaschutzgesetz unterstützen. Ob es ihnen Kirchenvertreterinnen und -vertreter gleich tun, bleibt abzuwarten.