Berufsleben
Warum eine Pfarrerin Diakonissin wurde
Auf den Stufen des ehemaligen Spitals in Riehen steht Schwester Delia. Sie trägt die Tracht der Diakonissinnen – ein schwarzes Kleid mit weissem Kragen und ein weisser Schleier – und empfängt den Besucher mit frischer Freundlichkeit.
Zügig steigt sie die Stufen des geistlich-diakonischen Zentrums hinauf, es ist ihr kein Alter anzumerken. Ihr Gesicht strahlt eine Jugendlichkeit und Neugier aus, die andere Mitte zwanzig bereits verloren haben. Seit acht Jahren lebt die 43-Jährige in der Gemeinschaft der Diakonissinnen und sagt, sie habe hier ihre Berufung gefunden und – in einer Lebensform mit festem Tagesablauf, minimalem persönlichem Besitz und wenig Freizeit – mehr Freiheit, als sie vor ihrem Eintritt in die Kommunität gekannt hatte.
In ihrem früheren Leben war Delia Klingler ordinierte Pfarrerin. Den Wunsch, in einer Gemeinschaft zu leben, spürte sie bereits als Jugendliche. Doch erst wusste sie nicht, dass es auch reformierte Kommunitäten gibt und dann wollte sie nicht vorschnell entscheiden, wohin ihr Weg führt. Schliesslich begann sie die Kandidatur für die Diakonissinnen-Gemeinschaft und gleichzeitig nahm sie eine Pfarrstelle an, die auf zwei Jahre befristet war. Klingler erklärt: «Ich wollte prüfen, wo meine Berufung ist.»
Stressiger Berufseinstieg
Die ersten Amtsjahre seien anstrengend gewesen, sagt Klingler. Es habe ihr die Übung gefehlt und die Materialschubladen seien noch nicht gefüllt gewesen. Als Einsteigerin musste sie alles neu erarbeiten – auch wenn in einer Woche drei Beerdigungen anstanden. Wer schon länger im Pfarramt arbeite, könne bei Zeitnot auf alte Arbeitsblätter für den Religionsunterricht zurückgreifen.
Dazu kam der Druck, den sie sich selbst machte: «Es musste immer das perfekte Arbeitsblatt sein», erinnert sie sich. Diese Erwartungen an die eigene Leistung seien nicht hilfreich gewesen.
«Der Einstieg ins Pfarramt war extrem stressig», sagt Klingler. Sie wünscht sich, dass die Pfarrpersonen achtsamer wären im Umgang mit ihren eigenen Ressourcen, aber auch die Kirchgemeinden mit ihren Ansprüchen an die Berufseinsteigerinnen und -einsteiger.
Den Kirchgemeinden und Kirchenpflegen sei es häufig nicht bewusst, dass man zu Beginn der Laufbahn für alles etwas mehr Zeit benötige und wie viel Energie es verlange, sich auf eine Gemeinde und deren Menschen einzulassen. In ein solches Beziehungsgeflecht müsse man hineinwachsen. Das Studium bereite einen nicht darauf vor. Sie war froh, dass sie in dieser Zeit ein Coaching in Anspruch nehmen konnte.
Immer in der Rolle der Pfarrerin
Nach zwei Jahren wusste Klingler bereits, was sie anders machen würde, wenn sie eine neue Stelle angenommen hätte. Vier Wochen Ferien seien rückblickend zu wenig gewesen für eine Einsteigerin. «Ich hätte fünf bis sechs ausgehandelt und wäre zu zwei unbezahlten Wochen bereit gewesen», sagt sie.
Auch an der Wohnsituation hätte sie etwas geändert, wenn sie länger im Pfarramt geblieben wäre: Damals wohnte sie im alten Pfarrhaus, in dessen Parterre das Sekretariat der Kirchgemeinde untergebracht war. Im Dachstock befand sich ein Sitzungsraum. Im Sandwich: eine Wohnung im ersten Stock.
In der Konsequenz ging sie auch an freien Tagen am Sekretariat vorbei – in einem Beruf, in dem man ohnehin nie ganz frei hat: «Auch wenn man in der Apotheke eine Fusspilzsalbe kauft, ist man als Pfarrerin eine Person des öffentlichen Interesses», hält sie fest.
Wenn sie alte Freundinnen traf, tat ihr das gut. «Sie kennen mich noch aus der Zeit, bevor ich Pfarrerin wurde», sagt sie. In dieser Gruppe und ausserhalb der Kirchgemeinde konnte sie sich frei verhalten und äussern, denn: «In der Gemeinde ist man immer in der Rolle der Pfarrerin.»
Mit vielen Aufgaben allein gelassen
Zu kurz gekommen ist für sie in dieser Zeit das eigene geistliche Leben. «Als Pfarrerin leitet man die Gemeinde an im Gebet, der Andacht und den Gottesdiensten», sagt sie. Um sich selbst einen Moment der Stille zu nehmen oder persönliche Gebetszeit, sei grosse Selbstdisziplin gefragt.
Aber sie sagt: «Wenn ich die Menschen in ihrem geistlichen Leben ermutigen und nähren soll, dann muss es in mir ja auch lebendig sein.» Sie erinnert sich daran, dass sie schliesslich die Bibel bloss noch geöffnet habe, um etwas vorzubereiten. «Ich kam mir vor wie ein Metzger, der die Kuh ansieht und nur noch wahrnimmt, welche Fleischstücke er wofür verwenden kann.»
Klingler erlebte die Zeit im Pfarramt als einsam. Manchmal fühlte sie sich alleingelassen mit vielen Dingen und Aufgaben und setzte sich unter Druck, den Gemeindemitgliedern durch ihre Predigt eine Verbindung zu Gott zu ermöglichen. Bis ihr bewusst wurde: «Ich kann nicht garantieren, dass die Predigt bei den Menschen ankommt. Ich kann nur versuchen, dem Heiligen Geist eine schöne Landepiste zu bauen.» Die Besucherinnen und Besucher des Gottesdienstes dürften eine Predigt auch als langweilig empfinden, meint sie und: «Ich kann Gott nur meine fünf Brötchen und zwei Fische hinhalten. Das hat mich freier gemacht.»
Erst die Gemeinschaft brachte die Freiheit
Ihre Freiheit hat Klingler erst in der Gemeinschaft der Diakonissen gefunden. Zwar hätte sie eine Pfarrstelle in der Gemeinde übernehmen können. Die Teamkolleginnen und -Kollegen ermutigten sie auch dazu. Im Kanton Fribourg gefiel es ihr gut; sie genoss es, an der Sprachgrenze zu leben. Doch der langgehegte Wunsch, in eine Gemeinschaft einzutreten, war stärker.
Im Klosterdorf in Riehen übernimmt Schwester Delia – neben Funktionen in der Administration und der Betreuung von Frauen, die auf Zeit in der Gemeinschaft leben – Aufgaben, die sie auch im Pfarramt hatte. Sie feiert Gottesdienst mit den Mitschwestern, kümmert sich um Schüler- und Konfirmandinnengruppen, welche die Diakonissinnen besuchen und übernimmt liturgische Aufgaben. Jede Frau bringt in die Gemeinschaft ihre Fähigkeiten ein.
Konflikte wie in einer normalen WG
Schwester Delia fühlt sich wohl im Leben als Diakonissin. Sie sagt, sie sei ihrer Berufung gefolgt und könne sich in der Kommunität Gott ganz hingeben und alles auf ihn setzen. Darum sei es ihr von Anfang an gegangen. Doch sie verschweigt nicht, dass es im Zusammenleben auch schwierige Situationen gibt. Die Gemeinschaft der Diakonissinnen ist am Ende eine Wohngemeinschaft mit all ihren Vor- und Nachteilen.
«Ein verbindliches gemeinsames Leben mit Menschen, die man sich nicht selbst ausgesucht hat, kann nur funktionieren, wenn wir die gemeinsame Ausrichtung auf Christus haben», sagt sie und meint, dass in der Gemeinschaft auch Personen leben, die nicht zueinander passen. Im Umgang mit der einen Mitschwester war sie zu Beginn stets verunsichert, mit einer anderen gab es schnell Streit – das ganz normale Leben halt.
Doch im Diakonissenhaus ist es nicht einfach, sich aus dem Weg zu gehen. «Man kann auch nicht den Koffer packen, schliesslich hat man zu diesem Leben und dieser Gemeinschaft ja gesagt», meint sie.
Wenn Schwester Delia insgeheim, wie sie es ausdrückt, mal wieder eine Mitschwester auf den Mond schiessen könnte, denkt sie an einen Rat, den sie kurz nach ihrem Eintritt ins neue Leben erhalten hat. Wenn sie mit einer Mitschwester Streit habe, solle sie sich sagen: «Sie meint es auch ernst mit Jesus». Dann legt sich ihr Ärger wieder.